Mittwoch, 23. Oktober 2019

Linde Reitzle benennt Risiken deutlich

Klartext-Manager: Linde-Chef Wolfgang Reitzle warnt vor Währungsturbulenzen und Unruhen

Der Gaseanbieter Linde veröffentlicht glänzende Zahlen, optimistische Prognosen, und gleich steigt wieder der Aktienkurs. Doch wie riskant das Führen eines Unternehmens nach der Wirtschaftskrise geworden ist, benennt Konzernchef Wolfgang Reitzle mit überraschender Klarheit.

München - "Die Zeit nach dieser Krise ist eine andere als vorher". Deutlich wie nur wenige Unternehmenslenker in dieser Bilanzsaison spricht Linde-Chef Wolfgang Reitzle die Unwägbarkeiten an, denen sich sein Konzern gegenüber sieht. Die Nervosität sei viel höher, die Volatilität viel größer, sagt er auf der Bilanzpressekonferenz in München.

Sorgen machen ihm die hohen Staatsdefizite, die möglichen Währungsturbulenzen oder politische Unruhen, wie sie derzeit im arabischen Raum stattfinden. Wenn aus Europa tatsächlich eine Transferunion werde, wäre Deutschland damit überfordert, würde damit an wirtschaftlicher Dynamik verlieren, was zu weniger Wachstum in ganz Europa führen würde, sagt Reitzle. Auch hält er die Risiken in den Bankbilanzen für noch nicht abgearbeitet.

Reitzle gibt für Linde Börsen-Chart zeigen zwar mittelfristige Ziele aus. So will er bis 2014 ein operatives Ergebnis (Ebitda) von mindestens 4 Milliarden Euro erreichen und eine Rendite auf das eingesetzte Kapital (Roce) von mindestens 14 Prozent. Doch schränkt er sofort mit einem vernehmbaren "Who knows?" ein, das anders klingt als die üblichen Floskeln zur Absicherung von Prognosen.

"Wir glauben zwar nicht an einen Double Dip", also an einen kurzfristig folgenden nochmaligen Konjunktureinbruch, doch gebe es "keine solide Grundlage für eine stabile 4-Jahres-Prognose, wie man sie im letzten Jahrzehnt noch hatte", sagt Reitzle. "Wenn es irgendwo auf der Welt ein Problem gibt, sind wir eigentlich immer dabei", scherzt der Chef der Linde-Group, die ihre Geschäfte mit Gasen und dem Bau der zugehörigen Anlagen in 100 Ländern betreibt.

Keine solide Grundlage für stabile Prognosen

Aber auch dem allgemeinen Optimismus in der deutschen Wirtschaft verpasst Reitzle einen Dämpfer. Wenn Asien nur einen kleinen Einbruch in der Konjunkturentwicklung zeigte, würde das in den westlichen Volkswirtschaften einen Tsunami auslösen, da die Zentralbanken die ohnehin niedrigen Leitzinsen nicht noch weiter senken könnten und auch die Kapazitäten der Staaten zur Rettung von Banken, Unternehmen oder ganzen Ländern langsam erschöpft seien.

Andere Risiken wie die steigenden Rohstoffpreise oder die Entwicklung der Linde-Aktionärsstruktur (fast 100 Prozent Streubesitz) sieht der Linde-Vorstand dagegen gelassen. Finanzvorstand Georg Denoke sagt, die Rohstoffpreise könnten zum Teil an die Kunden weitergegeben werden; das sei etwa in den Betreibermodellen sogar vertraglich so vorgesehen. Was die Strompreise angehe, sichere man sich langfristig ab.

Übernahmegefährdet sei Linde nicht, sagt Reitzle. Das sei man vor ein paar Jahren, also vor der Übernahme der britischen BOC gewesen und zwar extrem. Doch heute sei Linde schon aus kartellrechtlichen Gründen von einem Wettbewerber nicht zu kaufen. Und für Hedgefonds sei Linde viel zu langweilig und zu nachhaltig erfolgreich.

In zwanzig Jahren könnte Linde mit seinen attraktiven neuen Standbeinen zur alternativen Energieerzeugung (Erdgasverflüssigung, Wasserstoff als Antriebsquelle) vielleicht einmal für einen ganz großen Mineralölkonzern wie Shell interessant sein, meint Reitzle, 62, dem der Aufsichtsrat den 2012 auslaufenden Vorstandsvertrag vermutlich bis 2015 verlängern wird und ihn danach vielleicht in das Aufsichtsgremium einlädt: "Das werde ich mir dann auch irgendwie anschauen".

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung