Siemens Der Lohn des eiskalten Aufklärers

Gerhard Cromme hat Siemens stabilisiert. Auf der  Hauptversammlung sonnt sich der Chefaufseher mit dem Vorstand im Erfolg des Konzerns und kann die Korruptionsaffäre als abgehakt betrachten. Dies ging nicht ohne Verletzungen. Doch der Erfolg gibt dem rabiaten Aufklärer Cromme Recht.
Von Cornelia Knust
Nicht beliebt, aber erfolgreich: Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme hat die Aufarbeitung der Korruptionsaffäre energisch vorangetrieben - und erntet nun den Lohn

Nicht beliebt, aber erfolgreich: Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme hat die Aufarbeitung der Korruptionsaffäre energisch vorangetrieben - und erntet nun den Lohn

Foto: Siemens

München - Das Wort tüchtig kommt im bayerischen Sprachgebrauch nicht vor. Gerhard Cromme, 1943 im Münsterland geboren und aufgewachsen, benutzt es gern und oft, vor allem, wenn von anderen Managern die Rede ist. Ob er sich selbst auch als tüchtig bezeichnen würde? Vielleicht eher als unerschrocken? Selbst seine Feinde würden ihm Unerschrockenheit wohl nicht absprechen - und mit seiner eiskalten, rücksichtslosen Aufarbeitung der Siemens-Affäre hat Cromme in den vergangenen Jahren viele Wirtschaftsführer gegen sich aufgebracht.

Groß und schlank, vielsprachig und gewandt betritt er die Bühne. Er hat die Situation stets im Griff, stellt sich dem Gegner, lässt Schmach und Sticheleien anscheinend abperlen. Schließlich hat Cromme schon das Stahlwerk von Rheinhausen geschlossen, Krupp, Hoesch und Thyssen zu einem einzigen Stahlkonzern zusammengeschmiedet, den strauchelnden Siemens-Konzern gegen alle Widerstände wieder auf Kurs gebracht. Cromme gilt als Reizfigur und hat sich in den vergangenen Monaten nicht viele Freunde gemacht. Doch er wollte auch nicht seinen Freundeskreis erweitern, sondern einen Konzern wieder auf Kurs bringen.

Die Siemens-Hauptversammlung in der Münchener Olympia-Halle ist für Cromme die vierte als Aufsichtsratschef dieses wertvollsten deutschen Konzerns. Die erste nutzte er, um seine Erschütterung über das Ausmaß der Korruption bei Siemens zum Ausdruck zu bringen und seine Offensive zu starten. Auf der zweiten konnte er die Einigung mit den US-Aufsichtsbehören melden. Auf der dritten ließ er sich den Vergleich mit den meisten Verdächtigen der Schmiergeldaffäre absegnen.

Schmerzhafte Aufarbeitung der Affäre

Auf der heutigen vierten Hauptversammlung ist er nur noch voll des Lobes für den Vorstand und die Mitarbeiter. "One Siemens" lautet die Botschaft, die er seinen Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher verkünden lässt. Einig will man sein, selbstbewusst und stolz. Mit seiner Rolle als Siemens-Aufklärer hat sich Cromme in Corporate Germany wenig Freunde gemacht. Doch der Erfolg vom heutigen Tage gibt ihm Recht.

Dieser Prozess verlief nicht ohne Opfer und nicht ohne Verletzungen. Der im April 2007 geschasste Siemens-Chef Heinrich von Pierer hat vor einer Woche ein Buch über seine "Gipfel-Stürme" veröffentlicht, in dem er Cromme nicht einmal mit echten Sätzen, sondern nur zwischen den Zeilen als Verräter ohne Herz und Stil brandmarkt. Doch das spielt auf der Hauptversammlung keine Rolle.

Ein Glück auch, dass der Strafprozess gegen Thomas Ganswindt aus formalen Gründen erst einmal verschoben ist. Der ehemalige Siemens-Vorstand sollte eigentlich am heutigen Dienstag vor dem Münchener Landgericht eine Stellungnahme in der Schmiergeldsache abgeben - zeitgleich mit der Hauptversammlung. Das hätte die Stimmung trüben können.

Der Konzern bestimmt wieder das Geschehen

So dominieren nicht ehemalige Vorstände und ihre Verletzungen das Geschehen währende der Hauptversammlung, sondern der Konzern selbst. Tatsächlich hat sich das Unternehmen gefangen, die Aufträge kommen, die Renditen stimmen (mit Ausnahme der Medizintechnik), die Analysten jubeln, der Aktienkurs steigt. Sogar Vorstandschef Peter Löscher, den Cromme im Frühjahr 2007 als Nachfolger von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld aus dem Hut zauberte, wird jetzt gefeiert.

Löscher hat nicht nur die von Kleinfeld entwickelte Umstrukturierung entschlossen realisiert, er setzt jetzt auch eigene Akzente, zum Beispiel mit dem Verkauf von Siemens SIS an die französische Atos Origin kurz vor Weihnachten. Auch wenn das hohe Abschreibungen und Sonderaufwand kostet, und zwar insgesamt eine knappe Milliarde Euro - das Dauerproblem ist endlich vom Tisch. Das würdigten die Aktionäre auf der Hauptversammlung, die zusätzlich durch eine kräftige Dividendenerhöhung schon froh gestimmt wurden.

Kritik kam nur äußerst verhalten, die übliche von Atomkraftgegnern oder von Belegschaftsaktionären gegen zu hohe Dividenden und Vorstandsbezüge. Erstaunlich zahm blieben aber auch die Wortbeiträge zum neuen Vergütungsmodell für die Siemens- Aufsichtsräte. Das ist ein Topthema für gute "Corporate Governance", für die Cromme sich zwischen 2001 und 2008 als Vorsitzender der gleichnamigen Kommission stark gemacht hatte. Erst vor zwei Jahren hatte er bei Siemens ein Modell variabler Vergütung für die Aufsichtsräte eingeführt, was viele Kleinaktionäre auf die Palme brachte. Nun sollen es fixe Vergütungen sein.

Neues Vergütungsmodell: Die Kritik an Cromme bleibt verhalten

"Das bleibt jedem Unternehmen überlassen", sagte Christian Strenger, Aufsichtsrat der Fondsgesellschaft DWS und Gründungsmitglied der deutschen Corporate-Governance-Kommission, dem manager magazin. "Im Fall Siemens führt es allerdings dazu, dass Herr Cromme im nächsten Jahr eine Vergütung von 560.000 Euro erhalten soll. Das halte ich als Signal für nicht ganz unproblematisch".

Während der Hauptversammlung sagte Daniela Bergdoldt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz , Cromme gehe damit "an die obere Grenze". Er stelle sich damit einen Wechsel für die Zukunft aus, der eingelöst werden müsse. Cromme konterte: "Während der Krise war ich neun Monate lang fast jeden Tag hier. Das ist jetzt nicht mehr notwendig, da wir einen Vorstand haben, dem wir vertrauen und der seine Arbeit gut macht. 100 Tage sind es aber immer noch, die ich mich direkt oder indirekt dem Unternehmen widme".

Auch die Sache Heinrich Hiesinger wurde auf dem Aktionärstreffen nur am Rande verhandelt. Cromme hatte den Siemens-Vorstand für die Sparte Industrie dem Unternehmen abgeworben und ihn auf die Position des neuen Vorstandschefs von ThyssenKrupp gehievt, wo Cromme ebenfalls Aufsichtsratschef ist. Damit erntete er damals Verblüffung bis Entsetzen. "Das ist völlig korrekt gelaufen" betonte Cromme. "Sie können sich vorstellen, dass mir die Delikatesse dieser Angelegenheit bewusst gewesen ist". Das alles sei jedoch mit dem Aktiengesetz und dem Corporate Government-Kodex vereinbar, "weil es in völliger Transparenz stattgefunden hat".

Aktionärssprecher Hans-Martin Buhlmann war der einzige, der sich während der Hauptversammlung darüber mokierte, dass Hiesinger an einem Tag morgens Vorstand von Siemens und abends Vorstand von ThyssenKrupp war und fragte, wer da eigentlich wem eine Ausgleichszahlung leisten müsse.

Cromme kam also in München nicht einmal in die Nähe einer Defensive. Die für ihn wahrscheinlich wichtigere Hauptversammlung hatte ohnehin schon am vergangenen Freitag stattgefunden: Auf dem Aktionärstreffen von ThyssenKrupp hatte Cromme den Übergang von Ekkehard Schulz zu Hiesinger zelebriert - im Beisein von Ehrenaufsichtsrat Berthold Beitz, 97, den Cromme einmal an der Spitze der Krupp-Stiftung beerben will. Mit Cromme sei Beitz 1986 "auf den für das Unternehmen wie auch für ihn persönlich Maßgeschneiderten" getroffen, schrieb Ludwig Poullain, erster Chef der WestLB, vor kurzem in einem Gastbeitrag. Wahrscheinlich hielt Beitz ihn schon damals für mehr als nur einen tüchtigen Manager.

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