Siemens Im Reinen mit sich

Starke Quartalszahlen, 12.000 offene Stellen, zwei Frauen im Vorstand. Siemens ist wieder auf Kurs. Die Beschäftigten können stolz und Anleger zufrieden sein. Der Vorstand sollte es mit der wunderbaren neuen Siemens-Welt jedoch nicht übertreiben.
Von Cornelia Knust
Siemens-Chef Peter Löscher: "Wir tragen dankbar und respektvoll die Stafette weiter, mit der Werner von Siemens 1847 gestartet war"

Siemens-Chef Peter Löscher: "Wir tragen dankbar und respektvoll die Stafette weiter, mit der Werner von Siemens 1847 gestartet war"

Foto: Frank Leonhardt/ dpa

München - Stolz, das ist das am meisten verwendete Wort auf dieser Hauptversammlung. "We are proud to be Siemens", so lächelt eine Multikulti-Belegschaft von den Leinwänden und Bildschirmen den Aktionären im Eingangsfilm zu.

In der Hauptversammlungszeitung präsentiert sich Siemens unter dem Titel "Aufbruch ins Grüne", als sei man gemeinsam auf einer Landpartie und nicht bei einem Investitionsgüterkonzern, der die Besorgnis erregende Verstädterung der Welt zwar nicht verursacht, aber gewinnbringend begleitet.

Im Foyer hängen bunte Bilder von Kindern, die ihre Stadt der Zukunft gemalt haben, mit Häusern, die laufen können und Autos, die fliegen. Der Tenor der Kommunikation nach innen und nach außen ist: Wir sind wieder wer.

"Heute sind wir wieder im Reinen mit uns selbst und zurück an der Weltspitze", sagt Vorstandschef Peter Löscher in seiner Rede. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme spricht etwas zurückhaltender von einem "sehr soliden Fundament", auf dem der Konzern jetzt stehe. Er spricht auch von der außerordentlich positiven Entwicklung des Aktienkurses von Siemens  und fügt väterlich hinzu: "Das ist aber kein Grund für Leichtsinn".

Man traut sich auch wieder geschichtliche Bezüge zu, hätte man es doch in den vergangenen Jahren der Schmiergeldaffäre und der Wirtschaftskrise kaum gewagt, dem Unternehmensgründer Werner von Siemens unter die Augen zu treten. Jetzt sagt Löscher in feierlichem Ton: "Mit diesen Leistungen tragen wir dankbar und respektvoll die Stafette weiter, mit der Werner von Siemens 1847 gestartet war". Man hat schließlich hervorragende Quartalszahlen, weltweit 12.000 offene Stellen und zwei Frauen im Vorstand, ist also in jeder Hinsicht vorbildlich.

Das alles möchte man dem Konzern nach all den schweren Jahren gar nicht madig machen. Den Mitarbeitern in aller Welt sei es gegönnt, endlich wieder stolz auf ihr Unternehmen sein zu können. Man kann sich vorstellen, welchen Anfeindungen sie in ihren Gesellschaften ausgesetzt waren und es, etwa im Falle Griechenlands, immer noch sind.

Lediglich möchte man die Verantwortlichen bitten, es nicht zu übertreiben mit ihrer wunderbaren Siemens-Welt. Denn die Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen. Zwei noch bevorstehende Strafprozesse gegen ehemalige Siemens-Vorstände werden sie noch mal hervorholen. Auch die amerikanischen Ermittler könnten noch einmal einzelne Ex-Vorstände ins Visier nehmen.

Man kann nicht so tun, als kämen diese Themen aus einer anderen Welt und einer längst vergangenen Zeit. Als kämen die heute beschäftigten Mitarbeiter in leitenden Positionen aus einer komplett anderen Sozialisation. Vergangenheitsbewältigung, das zeigt die Geschichte, ist ein langer und zäher Prozess.

Das weiß wohl auch der Econ-Verlag: Er ließ am Eingang der Münchner Olympiahalle Flyer an die Hauptversammlungsbesucher verteilen: Werbung für das Buch "Gipfel-Stürme" des ehemaligen Siemens-Chefs Heinrich von Pierer.

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