Osram Emotionen mit Beleuchtung

Der Lampenhersteller Osram hat mit der neuen LED-Technik Großes vor. Die Muttergesellschaft Siemens ringt noch mit sich, ob sie die nötigen Investitionen selber trägt oder den Fremdkörper Osram abstößt. Die Börsenstory wäre vermutlich glänzend.
Von Cornelia Knust
Lichtstelen vor dem Osram-Sitz: Wo geht's weiter?

Lichtstelen vor dem Osram-Sitz: Wo geht's weiter?

Foto: Osram

München - Martin Goetzeler verschenkt gerne Licht. Zum 200. Geburtstag des Oktoberfests im vergangenen Oktober spendierte der Osram-Chef der Stadt München eine abendliche Lichtshow am Hügel über der Festwiese. Die Bronzestatue von Mutter Bavaria und die Ruhmeshalle dahinter verglühten schier unter dem Spektakel aus Lichtprojektoren und 8000 Leuchtdioden - in der Branche nur LED genannt, für Light Emitting Diode.

Seinen schlichten Unternehmenssitz aus Wirtschaftswunderzeiten hatte Goetzeler schon vorher mit sieben Stelen aus LED-Modulen umgeben, auf denen sich Videokünstler unablässig austoben. Der Stau auf dem Mittleren Ring nahe dem Tierpark Hellabrunn ist seitdem etwas weniger öde.

Die hundert Jahre alte Marke mit der Glühlampe hat sich der Langeweile entledigt und setzt auf große Emotionen. Im Investitionsgüterkonzern Siemens wird sie damit nicht heimischer. Die seit vielen Jahren kursierenden Gerüchte über eine Abgabe der Osram GmbH verdichten sich.

Sie ist nicht die einzige GmbH, aber die letzte eigenständige Marke im Konzern. Zwar gibt es im Vertrieb ein paar Synergien mit der Siemens-Gebäudetechnik. Doch Produkte für Endverbraucher machen einen Großteil des Geschäfts aus, wie ein Siemens-Sprecher bestätigt. Nur die 50-Prozent-Beteiligung an Bosch-Siemens-Hausgeräte ist noch ähnlich "konsumig". Und der Konzern will schließlich laut Vorstandschef Peter Löscher ein "grüner Infrastruktur-Pionier" sein.

"Diskurs über das Für und Wider im Zentralvorstand"

Kurz vor Weihnachten hatte Siemens die Sparte SIS nach Frankreich verkauft und den Rest an Krauss-Maffei der Eigentümerfamilie übergeben. Da hieß es plötzlich, jetzt wird bald Osram verkauft oder an die Börse gebracht. Quelle waren Finanzkreise. Im Osram-Aufsichtsrat wurde das Thema bisher nicht konkret; hier führt Siegfried Russwurm Regie, der neue Vorstand der Siemens-Sparte Industrie (33,7 Miliarden Euro Umsatz), zu der Osram nun zählt. "Wir kommentieren das nicht", sagt sein Sprecher zu den Gerüchten.

"Ich glaube, dass es stimmt", meint ein Insider. "Ich glaube aber, dass der Diskurs über das Für und Wider im Zentralvorstand noch nicht beendet ist". Kein Wunder. Osram ist eine Perle: Weltmarktführer für Licht neben General Electric und Philips. Flexibel, ertragsstark, zwar beunruhigend kurz in seinen Geschäftszyklen, aber krisenresistent, wie sich gezeigt hat.

Der Schock über die heftigen Auswirkungen der Finanzkrise (Umsatz- und Gewinneinbruch, weltweit 5000 Arbeitplätze weg, Kurzarbeit auf breiter Front, hohe Abschreibungen) hatte kaum Zeit zu wirken, da brummte bei Osram schon wieder das Geschäft. Im Geschäftsjahr 2010 (30. September) machte die stolze Tochter wieder 4,7 Milliarden Euro Umsatz (plus14 Prozent), also genauso viel wie vor der Krise.

Der Gewinn vor Steuern und Zinsen sprang von 89 auf 569 Millionen Euro. Mit demnach 12,2 Prozent Umsatzrendite war das Plansoll klar übererfüllt. Der weit überproportionale Gewinnsprung zeigte, wie stark der Hebel Stückzahl und Auslastung in diesem Geschäft ist.

Ob Osram auch bei der neuen internen Steuerungsgröße "Gewinn auf das eingesetzte Kapital" (englisch und abgekürzt Roce) gut abschneidet, dazu sagt Siemens nichts. Der Konzern weist nur den Querschnitt für all seine Geschäftsfelder aus: 10,4 Prozent. Gerade Osram-Chef Goetzeler wird sich aber bewusst sein, wie Töchter das in sie investierte Geld immer aufs neue rechtfertigen müssen - hatte er doch in den 90er Jahren unter Finanzvorstand Karl-Hermann Baumann das Projekt "Geschäftswertbeitrag" geleitet, mit dem damals die Siemens-Geschäftsbereiche auf Linie gebracht werden sollten.

50 Millionen für die neue Fertigungslinie

Kapital ist genau das entscheidende Thema. Denn wenn die LED und ihre anspruchsvolleren Schwestern, die auf Folien gedruckten organischen LED (OLED), wirklich die Zukunft bedeuten, dann muss Osram massiv investieren, meint ein Branchenkenner. 50 Millionen Euro sind schon für eine neue Fertigungslinie in Regensburg verplant. In diesem Jahr sollen zwei Drittel der (nicht bezifferten) Forschungsaufwendungen in LED und OLED fließen, obwohl die Produkte erst ein Fünftel vom Umsatz ausmachen. Und mit dem Zukauf der Firma Traxon aus Hongkong hat Osram kürzlich Know-how beim Thema Lichtmanagement und LED erworben.

Aber ist das genug im Vergleich zu Wettbewerber Philips, genug mit Blick auf die asiatische Elektroindustrie? Denn LED-Technologie ist Halbleitertechnologie, und die beherrschen viele, die bisher mit dem Thema Licht nicht viel zu schaffen hatten.

Weil die LED verglichen mit der alten Glühlampe oder Leuchtstoffröhre eine so lange Lebensdauer haben, stellt sich für Osram eine weitere strategische Frage: Soll man auch die Hülle für das Licht, die Leuchte, anbieten, also Licht verbauen in Leuchtkörpern, die nicht mehr ausgewechselt werden müssen? Erste Versuche gibt es schon.

Bei all der LED-Euphorie bleibt zudem die Frage: Wie lange floriert noch das Geschäft mit der konventionellen Beleuchtung, also Energiespar- und Halogenlampen oder Leuchtstoffröhren, aber auch noch traditionelle Glühlampen, wie sie die EU gerade per Verordnung aus dem Verkehr zieht. Mancher meint, das wächst zwar nicht mehr, läuft aber noch ein paar Jahre vor sich hin. Andere sagen, der Markt wird sich rasant verändern, Stückzahl und Preise werden in den Keller gehen. Große deutsche Osram-Werke wie Augsburg oder Berlin hängen aber noch an der "alten" Technologie und fürchten um ihre Zukunft.

"Geräuschloser Stellenabbau"

Das meiste ist ja schon in Billiglohnländer verlagert, sogar das LED-Massengeschäft sitzt längst in einer Fabrik mit 2500 Leuten in Malaysia. Kein Wunder für ein Unternehmen, das seinen Auslandsanteil am Umsatz auf fast 90 Prozent beziffert. Schließlich fertigt auch der wichtige Kunde Automobilindustrie überall auf der Welt. Von den 39.000 Osram-Beschäftigten arbeiten noch 8500 in Deutschland.

Dennoch gilt Osram als ein guter Arbeitgeber, bei dem es jetzt nach überwundener Krise vorgezogene Tariferhöhungen, Sonderzahlungen und Erfolgsbeteiligungen nur so regnete. Außerdem funktionierte der Abbau der 800 deutschen Stellen während der Krise äußerst sozialverträglich und weitgehend geräuschlos. "Die Leute haben einen Stolz", sagt ein alter Osramer, dessen Vater schon beim Unternehmen schaffte. Als Siemens-Leute hätten sie sich nie gefühlt: "Die galten als hochnäsig".

Die Umstrukturierung des gesamten Konzerns in den vergangenen dreieinhalb Jahren unter Peter Löscher wurde bei Osram nicht gerade lauthals begrüßt. Nie vorher seit 1978, seit Osram zu 100 Prozent Siemens gehört, hatte die Mutter so stark hereinregiert. Immerhin behielt man im allgemeinen Personalkarussell im Jahr zumindest Goetzeler, 48 Jahre, an der Osram-Spitze.

Aktien statt Uhrengeschenk

Der Betriebswirt und Finanzierungsexperte aus München war nach vielen Stationen im Siemens-Konzern 1999 zu Osram gekommen und 2005 zum Vorsitzenden der Geschäftsführung avanciert. Von der Korruptionsaffäre war er nicht und Osram offenbar kaum belastet. Auf der Bilanzpressekonferenz 2006 sagte Goetzeler - ganz externer Beobachter - zu der Affäre: "Ich bin seit 25 Jahren im Konzern. Das bewegt mich sehr, was da vorgeht".

Dann wurde die Pressekonferenz abgeschafft. Die Sprecherfunktion abseits der Produkt-PR wanderte zu Siemens-Industrie nach Erlangen. Die Zahl der Osram-Geschäftsführer wurde von vier auf zwei gekappt, einen eigenen Technikchef gab es plötzlich nicht mehr. Sogar Details wie die Geschenkregelung für Jubilare wurden auf Siemens-Standard getrimmt: Statt des traditionellen Uhrengeschenks gibt es jetzt Aktien.

Ein Börsengang könnte das alles schlagartig verändern. Ein furioser Börsengang wie 1999 beim Halbleiterhersteller Infineon , damals angeführt von Goldman Sachs , ließe sich im derzeit günstigen Kapitalmarktklima eventuell wiederholen, womöglich noch in diesem Jahr. Die Investmentbank will sich dazu allerdings nicht äußern, nicht einmal theoretisch.

"Etwas für technikaffine Kleinanleger"

Auch bei Siemens scheint Vorsicht geboten. Die Erinnerung ist noch frisch, wie Infineon nach dem schrittweisen Ausstieg von Siemens an internen Querelen ehemaliger Siemens-Manager fast zerbrochen ist. Auch mancher Aktionär sah sich getäuscht, in was für ein Risikopapier er da investierte.

Anders als die eher sperrigen Tochter Epcos (elektronische Baulemente), die Siemens ebenfalls 1999 an die Börse brachte, könnte man die Osram-Aktie wohlmöglich sogar technikaffinen Kleinanlegern nahebringen - inklusive Emotionen mit Beleuchtung. Allerdings ist Epcos seit Ende 2009 kein Börsenwert mehr, sondern hat mit der TDK-EPC Corporation eine neue Muttergesellschaft. Aber vielleicht hätte Osram selbst gegen eine solche gar nichts einzuwenden.

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