Nach Cancún Industrie im Klima-Nahkampf

Die Bundesregierung fordert nach dem Klimagipfel in Cancún strengere Klimaziele für Europa. Experten fürchten harte Folgen für die deutsche Wirtschaft - und dass die Angst um Arbeitsplätze zum Preis für den Klimaschutz hierzulande werden könnte.
CO2-Ausstoß: Stromproduzenten und Betreiber energieintensiver Industrieanlagen sind für etwa 50 Prozent der Treibhausgase verantwortlich

CO2-Ausstoß: Stromproduzenten und Betreiber energieintensiver Industrieanlagen sind für etwa 50 Prozent der Treibhausgase verantwortlich

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Hamburg - Werner Schnappauf ist genervt. Eigentlich hätte sich der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nach dem Klimagipfel in Cancún entspannt zurücklehnen können. Denn mehr als einen Minimalkompromiss haben die Delegierten in Cancún nicht zustande gebracht. Die Treibhausgasemissionen sollen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Für Deutschland gilt schon seit 2007 das ehrgeizige Klimaziel von minus 40 Prozent. Auch darauf hat sich die Industrie bereits eingestellt.

Man könnte sich also in den Führungsetagen der deutschen Energiekonzerne und Technologieunternehmen zurücklehnen und darauf warten, dass die Klimasünder China und USA erst einmal nachziehen. Man kann nicht: Denn jetzt droht neues Ungemach für die Industrie - durch Umweltminister Norbert Röttgen. Der findet, dass die Europäische Union mit ihrem Reduktionsziel von 20 Prozent nicht weit genug geht. Mindestens 10 Prozentpunkte solle die EU drauflegen.

Falscher Ehrgeiz, findet BDI-Chef Schnappauf: "Die EU kann nur dann ihr Treibhausgas-Reduktionsziel auf 30 Prozent aufstocken, wenn sich auch alle anderen Industrie- und Schwellenländer auf ehrgeizige Reduktionsziele und Emissionsobergrenzen verpflichten", konterte er Röttgens Vorstoß. "Sonst verlieren wir in Europa und vor allem in Deutschland moderne Produktionsanlagen und insbesondere Jobs, ohne den weltweiten Klimaschutz auch nur ein Stück voranzubringen."

Neue Angst um Jobs in Deutschland - ein Albtraum für Millionen Bundesbürger. Gerade erst hat die Aussicht, nach vielen bangen Jahrzehnten aufgrund des Wirtschaftsaufschwungs vielleicht in den kommenden Jahren einmal keine Angst um den eigenen Arbeitsplatz haben zu müssen, für befreites Einkaufen zur Weihnachtszeit gesorgt. Der Konsum der Bundesbürger wurde so selbst zum Teil des Aufschwungs. Jetzt aber soll das alles schon wieder vorbei sein, nur um andere Staaten im Klimaschutz zu überflügeln? Kriecht die alte Angst um die Arbeitsplätze wieder zurück nach Deutschland?

Ehrgeizigere Klimaziele in der EU würden tatsächlich zunächst vor allem die großen, energieintensiven Unternehmen treffen, die bereits jetzt zum Emissionshandel verpflichtet sind. Gerade erst hat die EU-Kommission konkrete CO2-Grenzwerte für die energieintensiven Branchen und ihre Produkte festgelegt. Jedes Unternehmen, das mehr Treibhausgas produziert als die Grenzwerte vorsehen, muss ab 2013 teure CO2-Zertifikate zukaufen. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) schätzt, dass dies 95 Prozent der am Emissionshandel beteiligten Unternehmen treffen wird.

Setzt Röttgen sich mit seinem 30-Prozent-Ziel durch, wird es noch teurer für die Industrie. Das sei untragbar, sagt Annette Loske, Hauptgeschäftsführerin beim VIK: "Eine weitere Erhöhung des europäischen Klimaziels ist ein extrem gefährliches Szenario." Denn das würde bedeuten, dass deutsche Unternehmen noch mehr zum Klimaschutz beitragen müssen, als ohnehin geplant - das deutsche Reduktionsziel bis 2020 werde auf rund 44 Prozent steigen, während die außereuropäische Konkurrenz sich auf keinerlei verbindliche Ziele einlasse. "Schon die Umsetzung der bisherigen Emissionsziele verursacht Kosten, die die Unternehmen kaum tragen können", sagt Loske. Jede zusätzliche Belastung würde die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie noch stärker gefährden. "Es besteht die Gefahr, dass die energieintensiven Unternehmen dann ins außereuropäische Ausland abwandern müssen", sagt die Verbandschefin. Und überhaupt: Immer treffe es nur die energieintensiven Industrien.

"Unsere Mitgliedsunternehmen werden über den Emissionshandel immer besonders stark belastet", so die Verbandschefin. In der Öffentlichkeit herrsche die Ansicht vor, dass Branchen wie die Stahl- oder Zementindustrie altmodische Industriedinosaurier seien, also per se Klimasünder. "Dabei machen gerade diese Unternehmen längst besonders viel in Sachen Energieeffizienz."

Tatsächlich sind Stromproduzenten und Betreiber energieintensiver Industrieanlagen, die am EU-Emissionshandel teilnehmen müssen, nur für etwa 50 Prozent der Treibhausgase verantwortlich, schätzt die EU. Wie viel CO2 die übrigen Unternehmen, also etwa Mittelständler, Konsumgüterhersteller und Dienstleister, jeweils tatsächlich produzieren, wissen Regierung und Wirtschaft nicht präzise. Für Deutschland hat das Bundesumweltamt berechnet, dass 40 Prozent der CO2-Emissionen allein aus dem privaten Konsum stammen.

Die Statistiken sind wenig aussagekräftig, meint Christian Burck, der bei der Lobbyorganisation Germanwatch für den Klimaschutzindex zuständig ist: ein jährliches Ranking, das den CO2-Ausstoß von 57 Staaten miteinander vergleicht. "Die Emissionen werden in der Regel nur für die Produktion im Inland berechnet", sagt der Statistikexperte. "Das bedeutet, dass zum Beispiel die Emissionen von Zulieferern aus dem Ausland nicht einfließen." Deutschland sei aber, obwohl bei Waren und Dienstleistungen Exportweltmeister, CO2-Importeur. "Man kann außerdem nicht genau abgrenzen, wie viel CO2 im privaten Bereich entsteht und wie viel auf Unternehmensseite. Ob Energie oder Konsumgüter, letztlich landet ja ein Großteil der Emissionsverursacher bei den Verbrauchern."

CO2-Bilanzen erstellen

Für die Bundesregierung stellt sich so ganz praktisch die Frage, wie sie ihre ehrgeizigen Emissionsziele tatsächlich erreichen soll. Erst einmal müssen die Klimaretter dazu herausfinden, wer eigentlich genau wie viel CO2 emittiert - und dann die Verbraucher motivieren, klimaschonende Produkte zu kaufen. Experten rechnen daher damit, dass Unternehmen bald CO2-Bilanzen für ihre Standorte und auch für einzelne Produkte berechnen müssen. Bisher beschränkt sich das Bundesumweltministerium auf einen Leitfaden zur Erstellung eines sogenannten Carbon Footprint und verweist darauf, dass eine entsprechende ISO-Norm erst 2012 vorliegen wird.

Beim Thema Klimabilanzpflicht hält sich Klimavorreiter Deutschland auffällig zurück. Entwarnung für die Unternehmen bedeutet das aber nicht. "Die Europäische Kommission befasst sich bereits mit dem Thema CO2-Kennzeichnung. In Ländern wie Schweden, Frankreich, Südkorea und Japan gibt es schon entsprechende Gesetzesinitiativen", fasst Paul Mußler den Stand der Dinge zusammen. Mußler ist Projektleiter des CO2-Dienstleisters Recarbon Deutschland. Die CO2-Experten erstellen unter anderem Carbon-Footprints für Unternehmen - vom Mittelständler bis zum Großkonzern. "Das Interesse der Unternehmen wächst", sagt Mußler. "Ihnen ist bewusst, dass der Druck in Sachen Emissionseinsparungen in den kommenden Jahren steigen wird." Und das nicht nur von der Seite des Gesetzgebers. "Auch der Handel macht zunehmend Druck."

Gerade erst habe er den Fall erlebt, dass ein Nahrungsmittelhersteller von seinen Zulieferern CO2-Bilanzen verlangt habe. "Ohne konkrete Emissionszahlen für die Produkte und die Standorte, an denen er produziert, hätte der Zulieferer den Auftrag nicht bekommen." Ob in der Lebensmittelindustrie, bei Automobilbauern oder in der Baubranche: Konzerne quer durch alle Branchen würden mittlerweile CO2-Bilanzen von ihren Zulieferern einfordern.

Das liegt auch daran, dass die Finanzbranche Druck macht. Allein im sogenannten Carbon Disclosure Project (CDP) haben sich mehr als 500 Banken und industrielle Investoren zusammengeschlossen, die von ihren Kunden Klimaberichte fordern - unter ihnen zum Beispiel die Deutsche Bank  und die Unicredit Gruppe . Nach eigenen Aussagen stehen die CDP-Mitglieder zusammen für ein Anlagevermögen von 64 Billionen US-Dollar. Mehr als 120 der 200 größten deutschen Unternehmen, darunter fast alle Dax30-Unternehmen, melden dem CDP mittlerweile jährlich ihre Klimastrategie, ihre klimaschutzbedingten Chancen und Risiken und ihre Treibhausgasemissionen. "Es gibt immer mehr Investorengruppen, die nachhaltig investieren wollen. Das Thema Klimabilanz ist daher auch ein wichtiges Thema für alle Unternehmen, die sich am Kapitalmarkt Geld besorgen", sagt Stefan Löbbert, Nachhaltigkeitsexperte des CDP-Mitglieds HypoVereinsbank.

Kein Wunder also, dass sich Zug um Zug Unternehmen freiwillig dem Thema Carbon Footprint widmen. Und dass Banken, Wirtschaftsprüfer und Beratungsgesellschaften die CO2-Bilanzen als lukratives Geschäftsfeld entdeckt haben. Auch die HypoVereinsbank (HVB) hat ein eigenes Carbon-Team auf die Beine gestellt. "Als Bank müssen wir in Sachen Klimaschutz auf Augenhöhe mit unseren Kunden sein. Auch deshalb berechnen wir selbst einen Carbon Footprint und setzen uns konkrete Emissionsziele. Sonst könnten wir ja kaum glaubwürdig unsere Kunden beraten", sagt HVB-Experte Löbbert.

Auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie die KPMG haben bereits Spezialisten für das Thema CO2-Emissionen. "Wir gehen davon aus, dass der Trend zu einem integrierten Berichtswesen geht. In ihren Lageberichten sollen Unternehmen schon jetzt Klimarisiken offenlegen. In Zukunft wird das zunehmen", sagt Jochen Pampel, Leiter des Geschäftsbereichs Sustainability Services bei KPMG. "Wahrscheinlich wird früher oder später eine gesetzliche Regelung für das Thema gefunden. Hinzu kommt der Druck der Großkonzerne auf ihre Zulieferer." Auch Pampel ist sich sicher: Kaum ein Unternehmen wird dem Thema CO2-Bilanzierung in Zukunft vollständig entgehen können. Ob es will oder nicht.

Interview: "Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ist durch die Klimaschutzziele nicht gefährdet"

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.