Donnerstag, 21. November 2019

Chemische Industrie Konzerne verzögern Öl-Alternativen

Waschmittel: Alternativen für den Rohstoff Öl gesucht

Die chemische Industrie hängt am Tropf der Erdölproduzenten. Viele Chemische Rohstoffe basieren zu 90 Prozent auf dem fossilen Rohstoff. Alternativen zum Erdöl gibt es längst. Doch die Konzerne haben Gründe, warum sie diese bisher nur sparsam einsetzen.

Seit dem 1. Dezember ist es amtlich: Der Chemie-Konzern BASF darf das Spezialchemieunternehmen Cognis kaufen. Durch die von langer Hand geplante Übernahme macht sich BASF Börsen-Chart zeigen nicht nur unabhängiger vom konjunkturanfälligen Basischemiegeschäft - sondern auch vom langsam zur Neige gehenden Chemierohstoff Erdöl.

Cognis-Vorstand Antonio Trius hatte das Unternehmen zuvor konsequent auf das margenträchtige Geschäft mit Vorprodukten für die Konsumgüterindustrie ausgerichtet. Und dabei auf nachwachsende Rohstoffe statt auf Erdöl als Produktionsbasis gesetzt. Solche grüne Cognis-Chemikalien stecken zum Beispiel in Wasch- und Reinigungsmitteln, in Nahrungsergänzungsmitteln, Arzneimitteln, Farben und Kosmetika. "Insbesondere unser Fokus auf Sustainability und unsere Expertise bei Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen haben sich als Erfolgsfaktoren bewährt", sagte Trius zur geplanten Übernahme. Und Analysten loben, dass das BASF-Management durch die Übernahme sein bislang weitgehend erdölbasiertes Produktportfolio um Know-How zur Produktion alternativer Chemie-Rohstoffe ergänzt.

Das ist zweifellos ein kluger Schachzug. Denn etwa 10 Prozent des weltweiten Erdölverbrauchs fließen heute in die chemische Industrie. Ohne Öl würden die Produktionsanlagen der Chemieriesen nach derzeitigem Stand der Technik stillstehen. Herzstück der Industrie sind sogenannte "Steam-Cracker", die das Erdöl in chemische Grundstoffe aufspalten. Allein am BASF-Standort Ludwigshafen stehen drei dieser riesigen Erdöl-Spalter. Sie liefern Kohlenstoff-Verbindungen, die als Basis für 90 Prozent aller chemischen Produkte dienen.

Ohne Erdöl würden Basischemikalien für Konsumgüter wie Kosmetika und Waschmittel fehlen, ebenso die von vielen Industrie-Branchen benötigten Kunst- und Klebstoffe, Düngemittel, Farben, Lacke und Schmierstoffe. Erdöl wird allerdings stetig knapper - und teurer. Ebenso wie Automobilkonzerne und Energieversorger arbeiten Chemie-Unternehmen und ihre Kunden daher daran, in den verschiedensten Industriebranchen unabhängiger davon zu werden. Handfeste Alternativen bietet derzeit vor allem die industrielle Biotechnologie: Biokunststoff aus Maisstärke, aus Zucker oder Milchsäure und Lacke aus Raps sind inzwischen ebenso gebräuchlich wie Bioreaktoren, in denen Bakterien Feinchemikalien aus Krabbenschalen oder Holz herstellen.

Weltmarkt für Biochemikalien schon 77 Milliarden Dollar groß

Politiker sind begeistert und rufen bereits die Biomasse-Revolution aus: So will die Bundesregierung bis 2020 auf eine "biobased economy" zusteuern, die Europäische Union (EU) hat nachwachsende Rohstoffe für Industrieanwendungen zum Förderschwerpunkt erklärt. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little schätzt den Weltmarkt für Biochemikalien heute auf 77 Milliarden US-Dollar. Das entspräche erst etwa 4 Prozent des Gesamtmarktes. Bis 2025 könne der Marktanteil aber auf bis zu 17 Prozent steigen, prognostizieren die Branchenexperten. Damit wären die Unternehmen auf einem guten Weg, langfristig das zur Neige gehende Erdöl zu ersetzen.

Die hiesige Industrie reagiert auf dieses Potential bislang allerdings verhalten. Von Euphorie ist wenig zu spüren. "Natürlich forscht die Industrie an vielen Fronten zu dem Thema", sagt Sebastian Kreth vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). "In der Politik existieren aber manchmal falsche Vorstellungen davon, was die Umsetzung von Forschungserfolgen im industriellen Maßstab angeht." Sprich: Die Technologien sind da. Aber nur die wenigsten wirtschaftlich nutzbar. Wie komplex die Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe in der Produktion ist, zeigt das Beispiel des Konsumgüterkonzerns Henkel.

Der Konzern bietet bereits mehrere komplett erdölfreie Waschmittel und Kosmetika an: Zurzeit wird etwa das "grüne" Waschmittel Terra massiv beworben. "In der Kosmetik- und Waschmittelindustrie werden ja schon traditionell viele natürliche Inhaltsstoffe eingesetzt", kommentiert Brian Balmer, Experte für die Chemie-Industrie bei der Unternehmensberatung Frost & Sullivan solche Neuerungen: "In diesen Branchen ist daher auch die Umstellung der Produktionsprozesse auf Biochemikalien relativ leicht zu bewerkstelligen.

Die Produktentwickler stehen dennoch vor einem Problem: Auch nachwachsende Rohstoffe sind nicht unbegrenzt verfügbar. "Wenn die Industrie plötzlich große Mengen Raps, Zucker, Palmöle oder andere Biomasse-Grundstoffe nachfragt, kommt sie in Konkurrenz zur Lebensmittelindustrie und verursacht neue ökologische Probleme", sagt Balmer. So auch beim Henkel-Waschmittel Terra: Als Ersatz für Erdöl kommt hier Palmöl zum Einsatz - jener Rohstoff, der dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé gerade öffentlichkeitswirksame Proteste von Umweltschutzorganisationen beschert hat: gegen die ebenfalls mit Palmöl produzierten Kitkat-Riegel. Denn für Palmölplantagen werden regelmäßig Regenwaldflächen abgeholzt. Henkel steuerte gegen mit der Ankündigung, Nachhaltigkeits-Zertifikate für die Produktion zu kaufen. Das Hauptproblem ist damit aber nicht gelöst.

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