Mittwoch, 22. Mai 2019

Deutscher Zukunftspreis Greifarm als Apfelflücker

Träger des Deutschen Zukunftspreises: Die Gewandtheit eines Elefantenrüssels im Greifarm und die nachgiebige Spannkraft einer Fischflosse im Greiffinger

Der Blick in die Natur zahlt sich aus: Ingenieure bauten einen Elefantenrüssel als Greifarm nach und gewannen damit den Deutschen Zukunftspreis. Das Gerät, das unfallfrei mit rohen Eiern umgehen kann, soll künftig neben der Industrie auch in der Landwirtschaft oder der Pflege eingesetzt werden.

Esslingen/Berlin - Große Gefühlsausbrüche sind selten die Sache von Ingenieuren. Doch ein bisschen erwischt es Peter Post dann doch, als Bundespräsident Christian Wulff seine Erfindung mit dem Deutschen Zukunftspreis auszeichnet: einen Hightech-Greifarm, der sogar mit rohen Eiern klarkommt. "Das ist überwältigend. Ich muss meinen Puls fühlen", sagt Ingenieur Post nach der Preisverleihung am Mittwochabend.

Denn der Zukunftspreis ist nicht nur mit 250.000 Euro dotiert und ein Gütesiegel für die künftige Vermarktung. Er ist vor allem eine große Anerkennung für jahrelange wissenschaftliche Arbeit.

Auf den ersten Blick sieht der graue, schlauchförmige Hightech-Helfer, den die Festo AG aus Esslingen gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik in Stuttgart entwickelt hat, nicht sehr spektakulär aus. Der Greifarm hat es aber in sich. Er kann nicht nur Industrieteile montieren, er geht auch unfallfrei mit rohen Eiern und Tomaten um und kann ein Glas Wasser halten.

Zurzeit wird getestet, ob er auch zum Orangenpflücken taugt. Diese Geschicklichkeit kommt nicht von ungefähr. Die Prinzipien haben sich die Entwickler aus einer sicheren Quelle abgeschaut: der Natur.

Rüssel wird mithilfe einer Kamera gesteuert

Das Gerät habe die Gewandtheit eines Elefantenrüssels im Greifarm und die nachgiebige Spannkraft einer Fischflosse im Greiffinger, erläutert Post. Der pneumatische Rüssel kann entweder mit Hilfe einer Kamera oder durch Sprachbefehle gesteuert werden.

Mit ihrer Idee sind die Baden-Württemberger ganz frisch auf dem Markt. Es gibt Prototypen des Geräts, erst wenige sind verkauft. 2011 will die Firma rund 1000 der neuen Präzisions-Greifarme absetzen. Die Werbung durch den Zukunftspreis kommt den Erfindern dabei sehr gelegen.

Der Esslinger Greifarm aus dem nachgiebigen Kunststoff Polyamid wird mit Druckluft betrieben. Im Gegensatz zu einem normalen Roboterarm ist die Neuentwicklung besonders beweglich. In Serie gehen werde das Gerät wahrscheinlich zuerst in der Industrie, zum Beispiel bei Montageautomaten, berichtet Post. Doch auch in der Landwirtschaft, im Haushalt oder in der Pflege sieht er eine Zukunft.

Anwendungen im Alltag interessieren auch den Bundespräsidenten. Gerade in einer alternden Gesellschaft seien Erfindungen wie dieser künstliche Arm sehr wichtig, sagte Wulff. Dafür brauche es die Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften. "Neue Werkstoffe mit neuen Formen des Antriebs erleichtern das Leben im Alter."

Greifarm wird in Esslingen produziert

Das Familienunternehmen Festo beschäftigt weltweit 13.500 Mitarbeiter, rund die Hälfte davon in Deutschland. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro. Der prämierte Greifarm wird weiter in Esslingen produziert. Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut brachte bei dem neuartigen System unter anderem seine Erfahrungen ein, einen ziehharmonikaartigen Faltenbalg als Antrieb zu nutzen.

Mit dem Prinzip Natur setzten sich die Esslinger gegen zwei weitere Bewerber um den Zukunftspreis durch. Auch ihre Erfindungen - eine clevere Laser-Sortiermethode für Plastikmüll und ein rasantes Testverfahren für die Suche nach Katalysatoren - stammten aus Baden-Württemberg. Für diesen erfolgreichen Forschergeist im Südwesten gab es noch ein Extra-Lob vom Bundespräsidenten.

Zufrieden sein dürfte Wulff auch mit den Plänen, die Peter Post und sein Team mit dem Preisgeld haben. Sie wollen damit Stipendien für Technik- und Ingenieursstudiengänge finanzieren.

Oliver Schmale und Ulrike von Leszczynski, dpa

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung