Samstag, 20. Juli 2019

Hochtief Aufsichtsrat steht zur Abwehrfront

Kein Interesse an ACS als neuen Besitzer: Hochtief-Beschäftigte demonstrieren gegen die Übernahme ihres Unternehmens

Beschäftigte des größten deutschen Baukonzerns protestieren gegen die von ihnen als feindliche Übernahme empfundenen Hochtief-Zukaufpläne des ACS-Konzerns. Die Spanier werden mit Buhrufen empfangen. Der Aufsichtsrat stärkt Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter in seiner Abwehrhaltung den Rücken.

Essen - Der Aufsichtsrat des größten deutschen Baukonzerns Hochtief hat sich angesichts der drohenden Übernahme durch den spanischen Konkurrenten ACS hinter seinen Vorstand gestellt. "Wir teilen die Einschätzung des Vorstands zur Ankündigung von ACS und unterstützen nachdrücklich dessen Einsatz zur Wahrung der Interessen der Hochtief AG, ihrer Aktionäre und Mitarbeiter", sagte Hochtief-Aufsichtsratschef Detlev Bremkamp laut Mitteilung nach einer Sitzung seines Gremiums am Montag.

Dem Vorstandschef, Herbert Lütkestratkötter, sprach der Aufsichtsrat das Vertrauen aus. Lütkestratkötter hatte eine mögliche Übernahme durch ACS Börsen-Chart zeigen in einem Interview vor kurzem als "grotesk" bezeichnet. Die beiden ACS-Vertreter im Hochtief-Aufsichtsrat hatten an der eigentlichen Sitzung des Aufsichtsrats nicht teilgenommen. Zuvor hatten sie lediglich eine Erklärung zu dem angekündigten Angebot abgegeben und dann die Veranstaltung verlassen.

Vor der Sitzung hatten rund 500 Hochtief-Beschäftigte gegen die drohende Übernahme protestiert. Sie empfinden den Kaufplan des spanischen Unternehmens ACS für den größten deutschen Baukonzern Hochtief Börsen-Chart zeigen als feindlich.

ACS-Vertreter wurden mit Buhrufen und einem Trillerpfeifen-Konzert empfangen. Der Konzernbetriebsratsvorsitzende Siegfried Müller warnte, der Betriebsrat rechne im Fall einer Übernahme mit einem "massiven Arbeitsplatzabbau in Deutschland". Unternehmensführung und Betriebsrat hoffen auf die Hilfe der Bundesregierung bei der Abwehr der Übernahme. Müller sagte, Hochtief sei schließlich "das letzte große deutsche Bauunternehmen mit Kompetenzen von Tunnelbau bis zur Errichtung von Kernkraftwerken". Konzernchef Herbert Lütkestratkötter hatte bereits am Wochenende erklärt, er gehe davon aus, dass Berlin ein Interesse daran habe, dass die deutsche Bauindustrie international wettbewerbsfähig bleibe.

Das Bundeswirtschaftsministerium dämpfte allerdings am Montag Hoffnungen auf Rückendeckung aus Berlin. Ein Sprecher des Hauses sagte, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) wolle sich nicht in den Streit um Hochtief einmischen. "Sie kennen ja die grundsätzliche Haltung des Ministers, dass Unternehmen generell ihre Verhandlungen allein und erfolgreich führen können." Brüderle gehe auch in diesem Fall davon aus, dass die beteiligten Unternehmen vernünftige und faire Gespräche führen würden.

"Wir lassen uns nicht ausplündern"

Um der Forderung nach politischer Rückendeckung für den Abwehrkampf des Bauriesen Nachdruck zu verleihen, wollen Hunderte Hochtief-Beschäftige schon in Kürze nach Berlin fahren. Müller kündigte an, die Arbeitnehmer würden in der spanischen Botschaft eine Resolution gegen die ACS-Pläne übergeben und das Gespräch mit Bundespolitikern suchen. Hilfe erhoffen sich die Beschäftigten nicht zuletzt von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die sich auch im Fall Karstadt für die Interessen der Beschäftigten eingesetzt habe.

Die Hochtief-Beschäftigten nutzten eine Aufsichtsratssitzung des Baukonzerns für ihre Proteste. Auf Plakaten hieß es in Deutsch und Spanisch: "Wir lassen uns nicht ausplündern" und "ACS Nein". Der Hochtief-Großaktionär ACS hatte vor wenigen Wochen angekündigt, er plane, die Mehrheit an Hochtief zu übernehmen. Die Beschäftigen befürchten, dass der spanische Konkurrent das Essener Traditionsunternehmen nach einer Übernahme zerschlagen und die Filetstücke verkaufen könnte, um die eigenen leeren Kassen zu füllen. Der Hochtief-Mitarbeiter Ulrich Harting sagte: "Wir vom Bau werden für unsere Arbeitsplätze kämpfen. Wir tun alles dafür."

Trotz des heftigen Protests der Beschäftigten beurteilt der Betriebsratsvorsitzende die Chancen für eine erfolgreiche Abwehr der Spanier allerdings als "schlecht". Er sei nicht so naiv zu glauben, dass die Proteste der Beschäftigten die Spanier beeindrucken würden, sagte Müller. "Aber wir haben eine Chance." Notwendig sei die Hilfe der Politik. Und auch der Vorstand habe noch einige Mittel im Rucksack.

ACS selbst hielt trotz der Proteste an seinen Übernahmeplänen fest. In einer Erklärung betonte der Konzern, er strebe ein Kooperationsmodell an, von dem beide Unternehmen profitierten. "Ein Beherrschungsvertrag ist nicht vorgesehen", betonten die Spanier. Hochtief solle auch nach der Übernahme weiter an der Frankfurter Börse notiert bleiben. Firmensitz werde auch weiterhin Essen sein. Außerdem bekenne sich ACS vorbehaltlos zur Mitbestimmung und den Tarifvereinbarungen.

kst/ak/apd/dpa

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