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Management Im Blindflug

Die Risikosysteme der deutschen Banken weisen noch immer große Schwachstellen auf, belegt eine Studie exklusiv für manager magazin.
aus manager magazin 12/2008

Mit 157 900 000 000 Euro könnte man eigentlich eine Menge anfangen. Mehr als die Hälfte des Bundeshaushalts für 2009 finanzieren, mehr als 50 Atomkraftwerke bauen, 630 Exemplare des Airbus A 380 kaufen - oder aber Vorsorge treffen für die Finanzkrise in Deutschland. Mit ziemlich genau 158 Milliarden Euro mussten Aktionäre, Finanzindustrie und Steuerzahler (Stand: Anfang November) geradestehen: für Abschreibungen auf minderwertige Hypothekenpapiere (43,5 Milliarden Euro), für Nothilfen aus den Kassen der Bundes- und Länderfinanzminister (26,1 Milliarden Euro) und für Garantien, die mögliche künftige Wertverluste ausgleichen sollen (88,3 Milliarden Euro).

"Die Risikomanagementsysteme der deutschen Banken waren dem Ablauf der Subprime-Krise schlicht nicht gewachsen", diagnostiziert Professor Christoph Wamser von der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung: "Frühwarnsysteme, die die Banken auf den massiven Wertverfall ihrer Wertpapierbestände bei gleichzeitiger massiver Beschränkung ihrer Refinanzierungsmöglichkeiten vorbereitet hätten, gab es in der deutschen Finanzindustrie so gut wie nicht. Das gilt für Geschäftsbanken, Landesbanken sowie für die relevanten Sparkassen und Volksbanken gleichermaßen."

Aber auch mehr als ein Jahr nach Ausbruch der Krise weist das Risikomanagement der deutschen Finanzindustrie noch erhebliche Schwachstellen auf. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die die Deutsche Gesellschaft für Managementforschung zusammen mit der auf Risikomanagement spezialisierten Unternehmensberatung MsgGillardon durchgeführt hat und die ma-nager magazin exklusiv veröffentlicht (zur Methode siehe Kasten unten).

Es sind vor allem drei Indikatoren, die auf die nach wie vor unzureichenden Fähigkeiten der hiesigen Banken hindeuten, ihre Risikosituation adäquat zu steuern:

n Personelle und finanzielle Ressourcen, die für das Risikomanagement derzeit eingesetzt werden, sind bei einigen Banken noch immer viel zu gering. Rund ein Fünftel der befragten Geldhäuser hält eine bessere Ausstattung dieses Bereichs für notwendig - 11 Prozent der Befragten schätzen den Mehrbedarf auf 21 bis 30 Prozent.

n Bei sämtlichen Banken existiert zwar ein Risikomanagementsystem, das den formalen Anforderungen des Bundesamts für Finanzdienstleistungsaufsicht genügt, aber es reicht bei Weitem nicht aus, um die wahre Gefahrenlage einer Bank adäquat einschätzen zu können. So verfügt ein Drittel der untersuchten Finanzhäuser bestenfalls über vage formulierte Ziele für das Management ihrer Risiken.

n Nach wie vor spielt ein adäquates Risikomanagement im Zielsystem der Bankmanager eine eher untergeordnete Rolle. Befragt zur künftigen Bedeutung verschiedener Zielgrößen zur Steuerung ihrer Bank, nannten rund 60 Prozent der Befragten Kunden- und Vertriebsziele und 53 Prozent Produktivitätsziele - erst danach folgen Risikozielgrößen (Management des Kreditausfallrisikos: 39 Prozent, Steuerung des Liquiditätsrisikos: 35 Prozent).

Nachgerüstet werden muss, auch das legen die Resultate der Befragung nahe, vor allen Dingen beim Management der Liquiditätsrisiken und der Refinanzierungsmöglichkeiten im Krisenfall. Weil die meisten Kreditinstitute in der Vergangenheit davon ausgingen, dass sie sich jederzeit problemlos frisches Kapital beschaffen können, wurde dieser Bereich sträflich vernachlässigt. Viele Geldhäuser bedienten sich bei der Erfassung und Bewertung einer möglichen Gefährdung ihrer Zahlungsfähigkeit veralteter und unzureichender Methoden. Das Ergebnis: Häufig blieb das Ausmaß der eingegangenen Risiken im Verborgenen.

"Dieses Ergebnis", sagt Risikospezialist Stephan Schmid von MsgGillardon, "ist eine der wichtigsten Lektionen der gegenwärtigen Krise." Dietmar Palan

Finanzkrise. Weitere Details sind bei der DGMF in Bonn erhältlich (bankenstudie@financeportal.de).

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