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Wie die IG Metall Industriepolitik macht Die rote Seite der Macht

Auf der Großdemonstration in Berlin gibt sich die IG Metall als kämpferische Gewerkschaft. Dabei ist sie längst Treiber des industriellen Umbruchs. Konsequent hat sie ihren Einfluss ausgebaut. Heute dominiert sie Konzerne wie ThyssenKrupp oder Volkswagen - und gibt die Industriepolitik vor. Kapitalismus verkehrt.
aus manager magazin 12/2018
Der Boss: Seit 2015 ist Jörg Hofmann Chef von Europas größter Einzelgewerkschaft.

Der Boss: Seit 2015 ist Jörg Hofmann Chef von Europas größter Einzelgewerkschaft.

Foto: Gene Glover für mm

Vorm Werkstor von Siemens in Görlitz herrscht an diesem Morgen Ende 2018 normaltägliche Ruhe, einzig der Verkehr auf der Lutherstraße dröhnt. Jan Otto allerdings traut dem Frieden nicht. "Wir bleiben in Achtsamkeitshaltung", sagt er.

"Held von Görlitz" wird er genannt. 37 Jahre alt, lange blonde Haare, graues Hemd, schwarzes Jackett. Ein gelernter Lokführer, der hier in Ostsachsen die Geschäfte der IG Metall leitet. "Erster Bevollmächtigter" heißt die Berufsbezeichnung in der Hierarchie der Gewerkschaft, wobei der Mittelteil "mächtig" zweifellos den Kern ausmacht – und den der folgenden Geschichte.

Eineinhalb Jahre hat Otto dafür gekämpft, dass der Siemens-Standort in Görlitz erhalten bleibt. Jan Otto gegen Joe Kaeser (62), den Chef des zweitgrößten deutschen Konzerns. Ein Metallknappe gegen König Joe.

Er mobilisierte Politiker aus Stadt und Land, sogar der Bundespräsident kam. Noch ein paar Monate zuvor ballten sich 7000 Menschen auf dem Obermarkt in der Altstadt, die größte Ansammlung seit der Wiedervereinigung. Sie brüllten und pfiffen. Auf der Straße kämpfte Otto wie ein Arbeiterführer zu Zeiten der Dampfmaschine – hinter den Kulissen aber: flexibel, pragmatisch, kreativ. Mit der Taktik der Zukunft.

Ende September 2018 hat er dem Weltkonzern einen Interessenausgleich abgehandelt, der nicht nur – wie sonst üblich – Arbeitsplätze sichert. Sondern, basierend auf seinen Konzepten, auch Investitionen in neue Technologien (etwa Wasserstoff) vorsieht. Plötzlich scheint in Görlitz etwas möglich. "Warum ist darauf nicht das Management gekommen?", fragt Otto. "Statt Stellen zu streichen, erwarte ich von einem Konzern dieser Größe mehr Innovationen und auch Lust am Standort Deutschland."

So erlebt er es immer häufiger. "Um Jobs zu erhalten, entwickeln wir den Unternehmen neue Ideen und machen intensive Lobbyarbeit, was eigentlich nicht unsere Aufgabe ist", sagt er. Politiker fragen, ob er für die Kohlekommission nicht ein Verkehrskonzept für die Lausitz ausarbeiten könne. Ingenieure schicken ihm Geschäftsideen, die in ihren trägen Firmen nicht aufgegriffen würden, verbunden mit der Bitte: "Mach etwas draus am hiesigen Standort!"

Jan Otto, der Frontmann an der Grenze zu Polen, steht für die neue Gestaltungsmacht der IG Metall. Die größte Einzelgewerkschaft der westlichen Hemisphäre, die mehr als doppelt so viele Mitglieder führt wie die Volksparteien CDU und SPD zusammen (siehe Grafik "Volkspartei IG Metall"), ist in eine neue Rolle hineingewachsen. Die reinen Krachmacherzeiten unter roter Fahne sind vorbei. Vielmehr präsentieren Pragmatiker an den Schaltstellen der Organisation eigene Ideen für neue Arbeitsformen und neue Technologien, für den Umbau von Konzernen und sogar ganzen Branchen.

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