OECD-Prognose "Die deutsche Wirtschaft rutscht in eine Rezession"

Ob Industrie, Dienstleister, Handel oder Baugewerbe – die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich deutlich verschlechtert. Die OECD rechnet mit einer Rezession in Deutschland im kommenden Jahr. Die Bundesrepublik sei vom globalen Abschwung besonders stark betroffen.
Wenig Licht, viel Schatten: Unternehmen und Volkswirte schätzen die Aussichten für sich selbst und die deutsche Wirtschaft düster ein

Wenig Licht, viel Schatten: Unternehmen und Volkswirte schätzen die Aussichten für sich selbst und die deutsche Wirtschaft düster ein

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich angesichts des Ukraine-Krieges und der Nachwirkungen der Pandemie deutlich verschlechtert. Das Ifo-Geschäftsklima fiel im September zum Vormonat um 4,3 Punkte auf 84,3 Zähler, wie das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Montag mitteilte. Das ist der niedrigste Stand seit Mai 2020. Experten hatten mit einer Eintrübung gerechnet, allerdings nur auf 87 Punkte. Schon in den Monaten zuvor hatte sich die Stimmung zumeist eingetrübt.

"Die deutsche Wirtschaft rutscht in eine Rezession", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest (54). "Der Pessimismus mit Blick auf die kommenden Monate hat deutlich zugenommen." Die befragten Unternehmen bewerteten sowohl ihre aktuelle Lage als auch die zu erwartende Entwicklung schlechter. Das Geschäftsklima trübte sich auch in allen betrachteten Sektoren ein, also in der Industrie, unter Dienstleistern, im Handel und im Baugewerbe. Im Einzelhandel seien die Geschäftserwartungen auf ein historisches Tief gefallen, erklärte das Institut.

Die deutsche Wirtschaft leidet unter einer Vielzahl krisenhafter Entwicklungen. Allen voran steht der Krieg Russlands in der Ukraine, der die Unsicherheit erhöht hat. Hinzukommen die Energiekrise, Probleme im Welthandel und steigende Leitzinsen, die Kredite verteuern. Außerdem ist die Pandemie nicht überwunden: Vor allem Chinas Anti-Corona-Politik sorgt immer wieder für Belastungen im Welthandel, etwa weil der Betrieb in Häfen oder Fabriken wegen Eindämmungsmaßnahmen gestört ist.

"Deutschland ist durch die massiv verteuerten Energieimporte ärmer geworden"

Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer

Der gesamte Ifo-Index signalisiere mehr denn je eine Rezession im Winterhalbjahr, betonte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Der Energiepreisschock lasse die Kaufkraft der Konsumenten einbrechen und mache die Produktion vieler Unternehmen unrentabel. "Deutschland ist durch die massiv verteuerten Energieimporte ärmer geworden", sagte Krämer. "Wir stehen vor einem wirtschaftlich schwierigen Winter." DZ Bank-Chefvolkswirt Michael Holstein rechnet mit einem konjunkturellen Abwärtsstrudel. "Für das Jahr 2023 erwarten wir einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in Deutschland um knapp 2 Prozent."

OECD rechnet mit Rezession in Deutschland 2023

Die Industriestaatenorganisation OECD erwartet, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um 0,7 Prozent schrumpft. Deutschland wäre demzufolge eines der am stärksten betroffenen Länder. Für 2022 prognostizierte die Organisation ein Wachstum von 1,2 Prozent. Auch die Inflation dürfte so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr bleiben: Für 2022 erwartet die OECD in Deutschland eine Teuerungsrate von 8,4 Prozent und für 2023 von 7,5 Prozent.

Weltweit prognostizieren die Experten für dieses Jahr ein Wachstum von 3 Prozent, das sich 2023 auf 2,2 Prozent abschwächen dürfte. Russlands Krieg gegen die Ukraine habe die weltweite Wirtschaft hart getroffen und die Preise für Energie und Lebensmittel genau dann erhöht, als die Lebenshaltungskosten ohnehin stark gestiegen seien.

Es gebe einige Unsicherheiten rund um die Prognosen, hieß es. Würde beispielsweise Gas noch knapper als bisher, könnte das Wachstum weiter schrumpfen. Die Staaten müssten nun mit finanziellen Hilfen die Auswirkungen auf Haushalte und Unternehmen abfedern. Solche Maßnahmen sollten aber nur vorübergehend sein und müssten sich auf die Bedürftigsten konzentrieren.

Auch Bankvolkswirte äußerten sich pessimistisch. "Kurzfristig lässt sich wegen anhaltend hoher Gas- und Konsumentenpreise, der Versorgungsunsicherheit, der geopolitischen Risiken und der steigenden Zinsen nicht erkennen, dass die Stimmung der deutschen Wirtschaft schon bald auf Erholungskurs geht", sagte Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen. An dem Plan der Europäischen Zentralbank, die Zinsen weiter zu erhöhen, werde sich kaum etwas ändern. Ein konjunktureller Abschwung werde in Kauf genommen.

Das Ifo-Geschäftsklima ist Deutschlands wichtigster konjunktureller Frühindikator. Es basiert auf einer monatlichen Umfrage unter etwa 9000 Unternehmen.

rei/dpa-afx/Reuters
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