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"Ich war der Oberidiot"

Manager und Medien: Heinz Dürr musste viel einstecken, auch von mm. Aber er konnte austeilen, auch gegenüber mm: "Ihr Hunde." Ein Gespräch über den Biss von Journalisten und mögliche Wunden.
Von Wolfgang Hirn und Wolfgang Kaden
aus manager magazin 9/2001

mm Herr Dürr, Sie sind für das manager magazin Zielgruppe pur: einerseits Leser, andererseits Akteur in vielen Geschichten. Fanden Sie sich in mm richtig beschrieben?

Dürr Im Großen und Ganzen ja. Die Fakten waren einigermaßen zutreffend. Aber das Drumherum, das, was die Stimmung ausmachte, war gelegentlich ein bisschen anders.

mm Gab es etwas, das Sie bei uns besonders geärgert hat?

Dürr Ja. Sie haben mal, es ist rund 20 Jahre her, eine Geschichte über die Firma Dürr gemacht. Ich arbeitete da schon nicht mehr in unserem Familienunternehmen, sondern war Vorstandschef der AEG. In diesem Beitrag war zu lesen, dass die Firma Dürr massive Probleme hat. Ich habe mich wahnsinnig geärgert. Diese Hunde, habe ich gedacht. Und Sie sehen, die Firma lebt immer noch.

mm Es gab mal eine Missmanagementgeschichte über Ihre Arbeit bei der Bahn ...

Dürr ...die hat einigermaßen gestimmt. Da habe ich mich nicht weiter aufgeregt, obwohl sie unfreundlich war. Dann gab es noch eine zweite Geschichte. Die war von mir sauber vorbereitet worden. Ihre Redakteure bekamen Termine bei allen Vorständen. Ich habe das so organisiert, dass die jeweiligen Gesprächspartner auf Bahnseite rechtzeitig über die vorausgegangenen Gespräche informiert wurden. Ich weiß ja - Sie leben davon, dass zwei Vorstände etwas Unterschiedliches sagen ...

mm ... das ist nicht schlecht.

Dürr Eben. Bei der zweiten Bahn-Geschichte habe ich solche Widersprüche verhindert. Und die Geschichte war gut.

mm Die war dann nicht zutreffend?

Dürr Die war so, wie wir sie gebraucht haben. Bei Ihnen mag das anders gewesen sein, das manager magazin lebt ja nicht von Jubelstories.

mm Ihre ersten nachhaltigen Medien-erfahrungen als Topmanager sammelten Sie bei der AEG. Wie ist das, wenn Sie als Unternehmer unter Beschuss der Presse geraten?

Dürr Bei meinem AEG-Start haben mich die Medien hochgelobt. Ich war der junge, der sportliche Manager, obwohl ich wirklich ziemliche Sprüche geklopft habe. Dann, als ich die AEG aus dem Vergleich führte - was keine schlechte Leistung war -, da war ich der Minusmann schlechthin.

mm Noch mal: Was empfindet jemand wie Sie, wenn er quasi Opfer der Berichterstattung ist?

Dürr Ich war abgehärtet, schon aus meiner Zeit in der Tarifpolitik. In diesen Jahren wurde ich oft als der Oberidiot dargestellt. Mich hat das nach einiger Zeit nicht mehr bewegt. Meine Familie, meine Frau und meine Töchter, die hat sich jedes Mal wieder aufgeregt. Sie haben gesagt: "Das bist du doch nicht, wie du da beschrieben wirst."

mm Sie haben an Nehmerqualitäten gewonnen?

Dürr Weil ich gelernt habe, dass vieles morgen wieder vergessen ist. Dazu eine kleine Geschichte. Beim Arbeitgeberverband in Stuttgart mussten wir mal einen Pressereferenten einstellen; ein Kandidat war Journalist bei einer schwäbischen Zeitung. Beim Vorstellungstermin kritisierte ihn einer der Unternehmer wegen eines Leitartikels, den der Mann 14 Tage vorher geschrieben hatte. Der Journalist konnte sich überhaupt nicht erinnern. Ich schreibe jeden Tag einen Kommentar, sagte der. Seither wusste ich, dass wir uns nicht zu wichtig nehmen dürfen.

mm Worin unterscheidet sich für Sie manager magazin von den übrigen Medien?

Dürr Zunächst einmal ist das Blatt wesentlich dicker als andere Magazine ...

mm ... Value for money.

Dürr Der interessanteste Teil, das lesen alle, ist vorn die Rubrik Namen und Nachrichten. Sie waren die ersten, die solche Persönlichkeitsgeschichten druckten. Inzwischen wird das von vielen nachgemacht ...

mm ... nur nicht so gut.

Dürr Okay. Bis heute unterscheiden Sie sich vor allem bei den Artikeln, die danach kommen. Die sind rund und gründlich, da merkt man, dass Sie mehr Zeit als andere zum Recherchieren haben. Besonders aufmerksam lese ich natürlich die Missmanagementgeschichten. Schließlich kenne ich viele von denen, die in diesen Beiträgen Ihre Opfer sind.

mm Rufen Sie dann schon mal jemanden an und spenden Trost?

Dürr Das habe ich nie gemacht. Umgekehrt haben mich bei solchen Anlässen schon mal Leute angerufen, und ich wusste genau: Das ist pure Heuchelei.

mm Geht das manager magazin mit den Akteuren in der Wirtschaft kritisch genug um? Oder schont das Blatt die Kientel?

Dürr Das ist ausgewogen. Manchmal gehen Sie zu hart ran. Manchmal wissen Sie einfach zu wenig, weil Sie nicht dabeisitzen.

mm Gelegentlich sitzt einer für uns dabei.

Dürr Und den versuchen Sie dann vor Enttarnung zu schützen. Da gilt die alte Regel: Der Informant kommt gut weg in dem Artikel.

mm Die Redaktion kann auch falsche Fährten legen.

Dürr Da müssen Sie schon zwei Mal um die Ecke denken.

mm Welche Medien lesen Sie täglich?

Dürr Den "Tagesspiegel", weil ich hier in Berlin lebe, "Financial Times", "Zürcher Zeitung", "FAZ" - und die "Börsenzeitung", weil die ihre Artikel so schreiben, wie es die Firmen sagen.

mm Fernsehen?

Dürr Nur Nachrichten. Die Wirtschaftssendungen sind schwach.

mm Es gibt immer mehr Medien mit Wirtschaftsthemen. Hat die Quantität die Qualität verbessert?

Dürr Absolut nicht. Heute sprechen so genannte Wirtschaftsjournalisten mit mir, bei denen ich sofort merke, dass sie völlig uninformiert sind. Viele Journalisten sind übrigens nicht empfänger-, sondern absenderorientiert.

mm Was heißt das?

Dürr Da bitten mich Leute um einen Termin, weil sie angeblich Informationen für einen Artikel brauchen - und wollen mir dann, wenn sie hier sitzen, klarmachen, was Sache ist. Nach einer halben Stunde sage ich: "Das war ja hochinteressant." Und das war es. Die wussten offenbar schon alles, als sie zu mir kamen.

mm Was raten Sie Ihren Unternehmerkollegen im Umgang mit den Medien?

Dürr Sie müssen eine stabile Beziehung zu den Journalisten aufbauen, ein Vertrauensverhältnis entwickeln. Das hilft dann vor allem in kritischen Zeiten. Ich bin nie enttäuscht worden; wenn ich Journalisten etwas mit der Bitte um Vertraulichkeit gesagt habe, ist das vertraulich geblieben.

mm Haben Sie sich schon mal veranlasst gesehen, gegenüber Journalisten die Unwahrheit zu sagen?

Dürr Nein, die Unwahrheit nicht. Aber ich habe nicht alles gesagt, was ich wusste. Und ich habe auch schon mal Redakteure, die nicht sauber arbeiteten, auf eine falsche Fährte gesetzt.

mm Würden Sie Journalisten instrumentalisieren, wenn es Ihrer Sache dient?

Dürr Natürlich. Das gehört zum Spiel.

mm Wie würden Sie das Verhältnis Ihrer Unternehmerkollegen zu den Medien beschreiben?

Dürr Es gibt welche, die brauchen die Medien. Wenn über die nicht ständig berichtet wird, fehlt denen was. Dann sind die ganz Empfindlichen zu nennen, für die sind alle Journalisten ganz furchtbare Kerle. Und schließlich gibt es welche, die alles das, was sie über sich in der Presse lesen, als ganz normal ansehen; die wissen, dass Medien zu unserer Gesellschaft gehören. Diese Gruppe regt sich auch über eine negative Berichterstattung nicht besonders auf. Ich glaube, dass solche Kollegen inzwischen die überwiegende Mehrheit bilden.

mm Eine gute Entwicklung?

Dürr Ja. Ich galt früher in Stuttgart als der linke Dürr - weil ich sogar mit "Spiegel"-Journalisten gesprochen habe. So was wäre heute undenkbar.

mm Warum?

Dürr Die Gesellschaft ist transparenter geworden. Wirtschaft, Politik und Kultur wachsen zusammen. Der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin sagt, unser Wirtschaftssystem werde umgebaut von der großen Fabrik zum großen Theater. Auf dieser Bühne sind die Unternehmer die Stars.

mm Ein gutes Image ist für die Unternehmen sehr wichtig geworden. Und Image wird über Personen transportiert.

Dürr Richtig. General Electric ist oder war Jack Welch, VW ist Piëch.

mm Unternehmer als Medienstars - ist das eine gute Entwicklung?

Dürr Die Gefahr besteht, dass der Topmanager, der in den Medien hochgejubelt wird, irgendwann jegliche Bodenhaftung verliert. Andererseits muss man sehen, dass sich ein Unternehmen an einer solchen Führungsfigur besser ausrichten kann.

mm Das gilt für Großunternehmen. Bei vielen Familienunternehmen mangelt es noch heute an einem Verständnis für die öffentliche Darstellung.

Dürr Als ich bei der Firma Dürr das erste Mal den Umsatz öffentlich gemeldet habe, es war in den 60ern, hat mein Onkel, auch mittelständischer Unternehmer, entsetzt meinen Vater angerufen: Er solle mal nach seinem Jungen gucken, der spinne wohl. So war es mal. Und viele glauben heute noch, auf Öffentlichkeitsarbeit verzichten zu können. Aber es wird besser.

mm Verfügen Journalisten über Macht?

Dürr Ja.

mm Ist das Verhältnis zwischen Journalisten und Unternehmen ausgeglichen? Oder sitzen die Unternehmen letztlich immer am langen Hebel?

Dürr Wenn das nicht so wäre, wäre in unserem Wirtschaftssystem etwas falsch. Das ist nicht wie in der Politik, wo inzwischen nach meinem Eindruck häufig die Medien das Geschehen bestimmen.

mm Die Unternehmen haben es doch weitgehend in der Hand, was sie rausgeben, wirklich investigative Recherche gelingt selten.

Dürr Das ist aber anders, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten steckt. Dann ist der Laden durchlässig wie ein löchriger Käse.

mm 30 Jahre mm - wie soll es aus der Sicht des Lesers Dürr weitergehen?

Dürr Achten Sie drauf, dass Sie weiterhin gut ausgebildete Redakteure beschäftigen. Fachleute, die wissen, was in einer Bilanz steht; die wissen, was Führung in einem Unternehmen bedeutet. Und die sich die Zeit nehmen, ordentlich zu recherchieren. An meine Unternehmerkollegen kann ich nur einen klaren Appell richten: Sprecht mit Journalisten. Sagt denen, was ihr für Sorgen habt, damit die wissen, mit welchen Problemen wir uns im Management herumschlagen.Profil

Heinz Dürr (68) war fast drei Jahrzehnte lang ein Mann der Medien; auch einer, mit dem sich mm auseinandersetzte. Das geringste Aufsehen erregte er noch in jener Funktion, die ihn zu einem der wirklich Wohlhabenden im Lande machte: als Mehrheitsgesellschafter des Lackieranlagenherstellers Dürr AG in Stuttgart. Presseerfahrung sammelte Heinz Dürr in den 70ern; gemeinsam mit dem baden-württembergischen IG-Metall-Führer Franz Steinkühler führte er als regionaler Metall-Arbeitgeberchef etliche Tarifverhandlungen mit bundesweiter Bedeutung. Dann folgten die Jahre an der Spitze der fallierenden AEG (1980-90); auch hier unter scharfer Medienbeobachtung. Und schließlich die Zeit als Bahn-Chef (1991-97). Nimmermüde versuchte er, das Staatsunternehmen den Medien als modernen Dienstleistungsbetrieb zu verkaufen. Die Wirklichkeit kontrastierte manchmal leider allzu stark mit seinen PR-Bemühungen.

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