Airline-Verband IATA Die Impfstoffverteilung ist die "Mission des Jahrhunderts"

Inzwischen kommen schon zwei Impfstoffe für eine baldige Notfall-Zulassung in Frage. Doch wie können die Mittel überhaupt verteilt werden? Die Luftfahrtbranche stellt sich auf den größten Job aller Zeiten ein.
Planspiele: Die Luftfracht-Branche bereitet sich auf eine Megamission vor

Planspiele: Die Luftfracht-Branche bereitet sich auf eine Megamission vor

Foto: Z1005 Waltraud Grubitzsch/ dpa

Der internationale Airline-Verband IATA ruft für den Kraftakt der weltweiten Verteilung von Corona-Impfstoffen alle Beteiligten zur Zusammenarbeit auf. Die globale Lieferkette sei komplex und zersplittert. Angesichts der großen Unsicherheit in der Pandemie sei es wichtiger denn je, dass es engen Austausch gebe über Produktion, Transportbedingungen und Routen, erklärte der Verband am Montag.

Statt der üblichen bilateralen Geschäftsbeziehungen in der Luftfracht müssten multilaterale Partnerschaften dafür aufgebaut werden. Schließlich gehe es "um die größte und komplexeste globale Logistikoperation, die jemals unternommen werde". Impfstoffe müssten im üblichen Temperaturband von zwei bis acht Grad bis hin zu minus 80 Grad befördert werden. "Das sichere Ausliefern der Covid-19-Impfstoffe wird für die globale Luftfrachtbranche die Mission des Jahrhunderts", so IATA-Chef Alexandre de Juniac (58).

Seit Monaten arbeiten Regierungen und Unternehmen intensiv daran, die Logistik für die anstehenden Massenimpfungen aufzubauen. In den USA obliegt die Organisation im Rahmen der "Operation Warp Speed", die von der Regierung Donald Trumps (74) initiiert wurde, dem Militär. Das Kommando hat der Vier-Sterne-General Gustave Perna (60). In Deutschland übernimmt die Bundesregierung die Koordination.

Drehkreuz Frankfurt

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Flughafen Frankfurt, der größte Umschlagplatz für Luftfracht von kühlbedürftigen, sensiblen Pharmaprodukten in Europa. Insgesamt 13.500 Quadratmeter genau temperierbare Fläche stehen dafür zur Verfügung, von denen 8800 die Lufthansa nutzt. Airline-Chef Carsten Spohr (53) setzt auf ein "großes, hochprofitables Geschäft" für die Frachttochter Lufthansa Cargo. "So traurig es ist, diese Krise und die Notwendigkeit von Impfen, das wird ein größeres Geschäft", sagte er kürzlich. Die Lufthansa und ihre Tochter Swiss Worldcargo gehörten zu den wenigen Fluggesellschaften weltweit, die lückenlose Kühltransporte anböten. Ihre Konkurrenten sind zum Beispiel der Frachtflieger Cargolux oder die Golf-Airline Emirates.

Am Frankfurter Airport laufen die Fäden aller Beteiligten – Spediteure, Frachtabfertiger, Airlines und der Flughafenbetreiber Fraport – bei der Air Cargo Community Frankfurt zusammen. Ihre Pharma-Arbeitsgruppe beschäftige sich schon seit März mit verschiedenen Szenarien, um die Lieferkette vorzubereiten, sagte Joachim von Winning, Hauptgeschäftsführer der Air Cargo Community, der Nachrichtenagentur Reuters. Innerhalb Europas würden die meisten Impfstoffkontingente nicht mit dem Flugzeug, sondern per Lkw ausgeliefert, da auf dem Kontinent auch produziert werde. "Wir gehen für unsere Planung davon aus, dass wir hauptsächlich Exporte aus Europa heraus, etwa nach Afrika abzufertigen haben. Oder dass Impfstoffe aus Indien und China in Frankfurt umgeschlagen werden." Das Konzept für die Abläufe sehe vor, dass bis zu fünf Flugzeuge gleichzeitig be- und entladen werden könnten. "Durch kurze Transportwege werden Temperaturschäden vermieden."

Eine besondere Herausforderung wird es, wenn Vakzine wie die der Mainzer Biotechfirma BioNTech und des US-Pharmariesen Pfizer zum Einsatz kommen, die nach derzeitigem Stand nur ultra-tiefgekühlt bei bis zu minus 80 Grad Celsius transportiert werden können. "Für die Luftfracht gibt es dazu spezielle, so genannte aktive, elektronisch steuer- und kontrollierbare Container, die sehr teuer sind – sie kosten etwa so viel wie ein Kleinwagen", erklärte von Winning. Die Hersteller vermieteten die Transportbehälter an Airlines und Spediteure. Um die extreme Kälte zu erreichen, wird Trockeneis eingesetzt – doch das begrenzt aus Sicherheitsgründen die zulässige Frachtmenge.

Schätzungen, wie viele Flüge für eine globale Versorgung mit Covid-Impfstoffe abheben müssen, reichen von 8000 des internationalen Luftfahrtverbandes IATA bis hin zu rund 15.000 von DHL. Um ein Stück von diesem Kuchen abzubekommen, arbeitet bei Lufthansa Cargo eine Task Force seit Juni an der Organisation und bedenkt dabei alle möglichen Szenarien. Die Frachtkapazität ist wegen der vielen Passagierflugzeuge am Boden in der Corona-Krise bei Lufthansa Cargo allerdings um ein Drittel gesunken.

Auf die fehlenden Zulademöglichkeiten in klassichen Passagierfliegern weist nun auch der Verband IATA hin. Damit alle Länder mit Impfstoffen versorgt werden können, sei es wichtig, dass die Regierungen die Quarantänepflichten lockern und Fliegen nach negativem Corona-Schnelltest wieder möglich wird. Die schon einige Monate alte Forderung fand bei den Regierungen im Kampf gegen die anschwellende zweite Pandemie-Welle jedoch bisher kein Gehör. Der Verband mahnte außerdem, Regierungen dürften die im eigenen Land produzierten Vakzin-Bestände nicht verstaatlichen und Druck ausüben, damit das Impfen der eigenen Bevölkerung garantiert sei. Vielmehr müsse ein gerechter, fairer Zugang für alle sichergestellt werden.

lhy/Reuters, dpa