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Forschung Homo irrationalis

Zwei Insider-Berichte aus den Experimentallabors der Verhaltensökonomie.
aus manager magazin 12/2008

ERKENNTNISWERT: Was ist der Mensch doch für ein Wunderwerk an Verstand und Willenskraft! Mit kühlem Kopf trifft er Entscheidungen auf Basis einer akkuraten Kosten-Nutzen-Analyse, kauft im Supermarkt nur, was er wirklich braucht, und passt seine Geldanlagen diszipliniert dem Auf und Ab der Märkte an. So ist er, der rationale Marktteilnehmer, der Homo oeconomicus, die Grundlage der gesamten volkswirtschaftlichen Theorie. Leider haben Leitbild und Realität wenig gemeinsam.

Unser alltägliches Verhalten passt so gar nicht zur Lehre der Ökonomen. Wir folgen in unseren Entscheidungen der Masse, schieben Unangenehmes auf, überschätzen unsere finanzielle Kompetenz und können Gratisangeboten nicht widerstehen. Statt bei Amazon ein Buch zu bestellen, kaufen wir gleich drei, um ein paar Euro Versandkosten zu sparen.

Eine neue Teildisziplin der Volkswirtschaft, die Verhaltensökonomie, setzt der gängigen Theorie ein auf experimenteller Basis entworfenes Bild menschlichen Entscheidungsverhaltens entgegen. Die Autoren der hier vorgestellten Bücher sind prominente Vertreter dieses jungen Fachs - und sie verbindet eine Mission: Sie schreiben für uns, für Konsumenten und Geldanleger. Die Erkenntnis für den nicht ganz so rationalen Durchschnittsmenschen: Unsere Entscheidungen folgen gewissen vorhersehbaren Irrtümern - wenn wir deren Gesetzmäßigkeiten nachvollziehen könnten, würden wir lernen, vernünftiger mit Geld und Gütern umzugehen.

Dan Ariely, Professor am Massachusetts Institute of Technology, illustriert den Hang des Menschen zu finanziellen Dummheiten mit allerlei verblüffenden Experimenten. Bei Richard Thaler und Cass Sunstein, ebenfalls Professoren renommierter US-Universitäten, gerät die Verhaltensökonomie zum politischen Programm. Sie wollen ihre Leser anstupsen - "nudgen" -, besser für sich zu sorgen, ohne dass der Staat mit rigiden Geboten und Verboten eingreifen müsste.

Stil: Deutsche Studenten dürften neidisch werden bei der Lektüre. Beide Bücher sind in leicht verständlichem Englisch geschrieben, sind witzig und stecken voller persönlicher Anekdoten. Beruhigend: Auch Ökonomieprofessoren halten über Jahre an Zeitungsabos fest, die sie eigentlich längst abbestellen wollten, nur weil sich das Abonnement automatisch verlängert und sie zu träge sind, den Kündigungsbrief zu schreiben.

Nutzwert: Thaler, Berater des künftigen US-Präsidenten Barack Obama, fokussiert sich auf das Konsumverhalten der Amerikaner. Doch vieles lässt sich auf Europa übertragen - etwa der Vorschlag, Privatleute mit mobilen Messgeräten auszustatten, die bei geringem Energieverbrauch im Haushalt grün leuchten, während sie auf hohe Strommengen mit rotem Licht reagieren. Kalifornier, denen solche Instrumente im Rahmen eines Feldversuchs an die Hand gegeben worden waren, senkten ihren Energieverbrauch um rund 40 Prozent - weil sie ihr Verhalten jederzeit vor Augen hatten.

Dan Arielys Buch hingegen besticht vor allem durch spannende Einblicke in die aktuelle Forschung und eignet sich als Einstieg in die Materie.

Eva Buchhorn

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