Heiner Thorborg

Homeoffice-Pflicht für Unternehmen Völlig unnötige Bevormundung

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Die jüngsten Corona-Beschlüsse der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten sind wieder einmal nur Symbolpolitik – die vor allem belegt, wie wenig Kontakt viele Politiker mit der Wirtschaft haben.
Allein daheim: Sollten Unternehmen in Pandemiezeiten dazu verpflichtet werden, ihren Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen? Darüber lässt sich trefflich streiten.

Allein daheim: Sollten Unternehmen in Pandemiezeiten dazu verpflichtet werden, ihren Mitarbeitern Homeoffice zu ermöglichen? Darüber lässt sich trefflich streiten.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut innerhalb von einem Tag erneut mehr als 15.000 Neuinfektionen und mehr als 1000 Tote im Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet. Als Reaktion darauf wird der Lockdown verlängert und die Arbeit im Homeoffice zur Pflicht.

Das neue Büroverbot bedeutet konkret, dass ab einem Inzidenzwert von 50 Coronavirus-Fällen pro 100.000 Einwohnern Arbeitgeber ihre Angestellten nach Hause schicken müssen, wenn dem "keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen". Wer weiter im Büro arbeiten muss, soll mindestens zehn Quadratmeter Arbeitsfläche zur Verfügung haben. Ist das nicht umsetzbar, werden Lüftungsmaßnahmen oder Trenneinrichtungen zwischen den einzelnen Mitarbeitern zur Pflicht. Gemeinsame Mittagessen oder Kaffeepausen unter Kollegen sind verboten. Im Amtsdeutsch klingt das so: "Der Arbeitgeber hat alle technischen und organisatorischen Maßnahmen zu treffen, um betriebsbedingte Personenkontakte zu reduzieren." Alle diese Pflichten sollen künftig auch kontrolliert werden.

Mitarbeiter müssen nicht vor ihren Chefs beschützt werden

Das klingt, als hätten die Unternehmen bislang völlig versagt und ihre Mitarbeiter schutzlos ihrem virenzerfressenen Schicksal überlassen. Nun müssen Bund und Länder eingreifen und die armen Arbeitsdrohnen in den Büros vor ihren grausamen Chefs beschützen. Mit Verlaub: Das ist dummes Zeug.

Die Arbeitgeber haben von Haus aus – und nicht nur in Zeiten einer Pandemie – eine Fürsorgepflicht ihren Arbeitnehmern gegenüber, die nicht nur längst in diversen Gesetzen und Auflagen festgeschrieben, sondern in den allermeisten Unternehmen inzwischen Teil der betrieblichen DNA ist. Keiner will seine sorgsam ausgewählten, oft teuer aus- und weitergebildeten Mitarbeiter verlieren, niemand das Leben seiner Kollegen riskieren. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, in der viele Unternehmen kaum noch über harte Assets verfügen. Ihr wichtigstes Kapital sind die Menschen.

Entsprechend ist die Situation in den Unternehmen: Die Büros  sind leer, nahezu alle Betriebe haben ihre Leute schon vor Monaten nach Hause geschickt, Homeoffice ist längst die neue Realität, ganz ohne Verfügungen von Bund und Ländern. Die Unternehmen sind doch nicht dumm, sie schützen ihre Mitarbeiter schon aus Eigeninteresse. Schließlich wollen alle nach dem Ende der Krise so gut und so schnell durchstarten, wie es irgend geht. Und dafür brauchen sie ihre Mitarbeiter. Das gilt übrigens quer durch alle Branchen und Betriebsgrößen.

Homeoffice ist längst die neue Normalität

Nun haben Vertreter von Bund und Ländern lange konferiert, gestritten und sich profiliert, um dann zur Pflicht zu erklären, was die Unternehmen schon seit Monaten freiwillig und mit großer Sorgfalt tun. Wieder mal nur Symbolpolitik!

Diese symbolisiert aber nicht etwa Kompetenz und Fürsorge seitens unserer Politiker, sondern eigentlich nur, dass die Granden in den Landeshauptstädten und in Berlin mit der Wirtschaft nicht wirklich im Austausch stehen. Würden die Politiker tatsächlich mit den Menschen sprechen, die in den Firmen die Entscheidungen treffen, wüssten sie längst, dass nicht nur das Homeoffice heute überall die Normalität darstellt, sondern dass auch dort, wo Menschen immer noch konkret im Betrieb arbeiten müssen, alles getan wird, damit die Räder unserer Volkswirtschaft nicht stillstehen, ohne dabei die Gesundheit der Mitarbeiter zu gefährden.

Schließlich müssen Elektrizitäts- und Wasserwerke weiter betrieben, Lebensmittel hergestellt, verpackt und verteilt werden. An den Tankstellen gibt es weiterhin Sprit, die Regale der Apotheken sind gut gefüllt. In den Labors wird unter Hochdruck geforscht und in vielen Werken stehen die Bänder nicht still. Dafür riskieren viele Menschen täglich die Ansteckung, und ihren Chefs ist das sehr wohl bewusst. Folglich tun sie seit Monaten alles, um den Alltag ihrer Leute so sicher zu gestalten wie irgend möglich. Wer chronische Vorerkrankungen hat, sitzt übrigens in den allermeisten Unternehmen längst zu Hause.

Die Infektionszahlen stiegen, als niemand in den Büros war

Es wäre wünschenswert, die Politiker würden die Fakten studieren, statt nur gesetzlich festzuschreiben, was längst umgesetzt ist. Die entscheidende Frage ist doch: Wo und wie entstehen Infektionscluster? Das Faktenstudium unterbleibt jedoch offenbar – es ist ja auch anstrengender als Symbolpolitik.

Bisher bleibe in vielen Fällen unbekannt, wo Infizierte sich angesteckt haben, sagt beispielsweise Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Im Fokus stünden meist Pflegeheime, Kliniken oder Privathaushalte. Sollte es den Entscheidern in der Politik nicht zu denken geben, dass die Infektionsraten vor allem nach Weihnachten und Neujahr so dramatisch zugenommen haben – also nach einer Zeit, in der nun wirklich kaum einer im Büro war? Zeeb zumindest warnt davor, es sich bei der Argumentation zu einfach zu machen nach dem Motto: In den Firmen und Büros sind noch Leute zusammen, also wird das schon die Ursache sein. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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