Teamleitung by Algorithmus Was, wenn der Rechner Ihre Arbeitsleistung misst?

Haben Sie im Homeoffice schon wieder gebummelt? Moderne New-Work-Tools sammeln ständig Daten, Arbeitnehmer können nur noch wenig verbergen. Bewerten bald Algorithmen die Arbeitsleistung, so dass sich das Jahresgespräch mit dem Chef erübrigt?
Homeoffice: Mit Tools wie "Teams" oder "My Analytics" lässt sich die Arbeitsleistung schon jetzt messen

Homeoffice: Mit Tools wie "Teams" oder "My Analytics" lässt sich die Arbeitsleistung schon jetzt messen

Foto: damircudic / Getty Images

14.000 Schritte am Sonntag, 8.000 Schritte am Montag – für viele sind die Errungenschaften der Digitalisierung inzwischen ein fester Teil des Alltags. Doch was bei einer Fitness-App noch harmlos wirkt, löst oftmals Bedenken aus, wenn es um die eigene Arbeitsleistung geht. New Work hat neue technologische Möglichkeiten hervorgebracht, viele Unternehmen investieren in digitale Tools. So werten Programme wie "MyAnalytics" des weit verbreiteten Microsoft-Produkts "Office 365" zum Beispiel aus, wie schnell jemand auf E-Mails antwortet oder wie vernetzt er ist. Sogar Aussagen über das Wohlbefinden sind dabei möglich.

Zwar stehen diese Daten bislang nur dem Nutzer selbst zur Verfügung oder werden zumindest anonymisiert. Doch es besteht immer auch die Furcht, durch solche Analysetools vom Arbeitgeber kontrolliert werden können. So ist zum Beispiel im Chatverlauf der Konferenzfunktion "Microsoft Teams" bereits für jeden Teilnehmer in der Gruppe einsehbar, wer wann auf eine Frage geantwortet hat und wie lange er oder sie für eine Reaktion gebraucht hat.

Dient die Digitalisierung also wirklich einem selbstbestimmteren Arbeiten oder schafft sie neue Kontrollinstrumente – quasi eine digitale Blackbox? Die Antwort ist schwierig, denn New Work definiert sich ja auch über sich selbst organisierende Teams. Und dort ist agiles Arbeiten angesagt, die alte Organisation mit Anweisungen von oben nach unten in der Firmenhierarchie hat ausgedient. Dafür agieren nun im Hintergrund Algorithmen, gesteuert von einer Künstlichen Intelligenz (KI), die jedoch stets nur so intelligent sein kann, wie sie zuvor programmiert wurde.

"Bei Fehlentwicklungen muss es Regulierungen geben"

Entspannter gibt sich bei dieser Frage Kristian Schalter, Direktor für "Strategy and Future of Work" bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): "Algorithmen können ein selbstbestimmteres Arbeiten ermöglichen und bei einem verantwortungsvollen Umgang mit den entstehenden Daten zugleich für mehr Objektivität, Transparenz, Produktivität und Effizienz sorgen". sagt der KI-Experte. "Wir neigen in Deutschland dazu, Technologien schon vor ihrem breiten Einsatz umfassend regulieren zu wollen. Damit beschränken wir jedoch unseren Spielraum für Innovationen", sagt er und betont zugleich, dass Missbrauch nicht zulässig sei: "Sollte es jedoch Fehlentwicklungen geben, muss es selbstverständlich Regulierungen geben. Die Datenschutzgrundverordnung, das Bundesdatenschutzgesetz und das Betriebsverfassungsgesetz bieten aber heute bereits einen breiten rechtlichen Rahmen beim Einsatz von KI."

New Work nutzt demnach nur eine technische Entwicklung, die in Zukunft wohl trotzdem immer wieder neu eingeschätzt werden muss. Doch natürlich gibt es auch viele positive Beispiele für den Einsatz von Algorithmen. Wurden in einem Unternehmen etwa früher lange Zeit keine Mitarbeitergespräche geführt, ging das oft unter. Die Termine wurden verschoben oder fanden überhaupt nicht statt. In den modernen New-Work-Systemen fällt das jedoch sofort auf, der Teamleiter wird dann aufgefordert, die Gespräche mit seinen Mitarbeitern zeitnah zu führen.

In Artikeln und Blogbeiträgen über Künstliche Intelligenz finden sich vornehmlich Bedenkenträger. "Die ethische Dimension von KI im Blick zu behalten, ist wichtig", sagt auch Schalter, sieht dabei aber vor allem die enormen Möglichkeiten der Digitalisierung: "Wir sollten hier jedoch genauso viel über Chancen und Wertschöpfungspotentiale sprechen und nicht nur skeptisch auf neue Technologien blicken." So fordert er ein technologieoffeneres Mindset in Deutschland. "Ansonsten müssen wir uns nicht wundern, wenn wir auch in den kommenden zehn Jahren kaum Tech-Unternehmen haben, die mit den großen Playern in den USA oder China mithalten können. Denn es sind die Technologieführer, die die Standards der Zukunft setzen. Das muss unser Anspruch sein."

Im Praxisalltag der Unternehmen beobachtet Schalter jedoch noch oft eine gewisse Furcht vor allem Neuen. "Hier gilt es für uns alle, unsere Anpassungsbereitschaft zu erhöhen und zu erkennen, dass niemand mehr am lebenslangen Lernen vorbeikommt", sagt er. Die Etablierung des New-Work-Gedankens und seiner Tools ist dabei ein Fortschritt. "Corona hat einen Schub gebracht: viele technische Möglichkeiten waren schon da, wurden aber kaum genutzt", berichtet Schalter, "durch den Druck der Pandemie ging nun alles schneller – und das lässt sich auch nicht mehr umkehren."

Für die Führung von Teams bedeutet das, zumindest einen Teil der Kontrolle künftig an Algorithmen zu übertragen. Die dadurch eingesparte Zeit kann dann für kreative und strategische Gedanken genutzt werden.

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