Büro oder Homeoffice Wie sich die Arbeitswelt jetzt teilt

Die Corona-Infektionen gehen zurück, die Büros füllen sich wieder – und in vielen Unternehmen stellt sich nun die Frage: Wie viel Homeoffice soll es in Zukunft geben? Die Antworten könnten kaum unterschiedlicher sein.
Bürofan: Amazon-Gründer und Corona-Gewinner Jeff Bezos in einer Glaskuppel der "Amazon Spheres" im Zentrum von Seattle

Bürofan: Amazon-Gründer und Corona-Gewinner Jeff Bezos in einer Glaskuppel der "Amazon Spheres" im Zentrum von Seattle

Foto: AP

Etwa 56 Prozent der Jobs in Deutschland könnten auch von zuhause erledigt werden, schätzt das Ifo-Institut . In der Corona-Krise wurde das Homeoffice für so viele Menschen Realität wie noch nie: Etwa 30 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiteten im Februar wenigstens teilweise im Homeoffice.

Das ändert sich nun wieder. Je weiter die Infektionszahlen sinken und die Impfquote steigt, desto mehr Menschen kehren zurück an die Büroschreibtische. Ende Juni läuft voraussichtlich die deutsche Corona-Arbeitsschutzverordnung aus, die Homeoffice überall vorschreibt, "wo es möglich ist".

Was haben die Firmen daraus gelernt? Bleibt der Trend? Die Bewertungen der Topmanager sind jedenfalls ziemlich divers. Wer sich ihre Aussagen anschaut, ahnt: Künftig werden die Unterschiede wohl nicht nur nach Branchen sichtbar, sondern sind vor allem eine Frage der Unternehmenskultur.

Goldman Sachs: Homeoffice als Irrweg

Goldman-Sachs-Chef David Solomon fand im Februar auf einer Bankenkonferenz deutliche Worte zum Arbeiten von zu Hause: Das sei keineswegs die neue Normalität, sondern vielmehr "ein Irrweg , den wir so schnell wie möglich korrigieren werden". Für eine "innovative, kollaborative Kultur" wie bei Goldman sei die physische Distanz schlicht nicht ideal. Wohlgemerkt: Zu dem Zeitpunkt hatte die Investmentbank laut Solomon immer noch weniger als ein Zehntel ihrer Beschäftigten weltweit in die Büros zurückgerufen. In New York war es da aber schon ein Viertel, in Asien zwischenzeitlich mehr als die Hälfte. Wo immer die Pandemie nachlässt, nutzt Goldman die Chance zur Rückkehr.

Netflix: "Rein negativ"

Noch etwas mehr überraschen könnte die Haltung von Reed Hastings (60), dem Chef von Netflix. Schließlich profitiert kaum ein Unternehmen so sehr wie der Streamingdienst davon, dass so viele Menschen permanent zu Hause bleiben. Für die eigene Arbeit aber, urteilte Hastings gegenüber dem "Wall Street Journal" , sei es "rein negativ, nicht persönlich zusammenkommen zu können, besonders international". Ihm falle kein einziger Vorteil ein.

Amazon: "Bürozentrierte Kultur"

Der größte Corona-Gewinner heißt sicher Amazon. Das Vermögen von Gründer Jeff Bezos (57) stieg in der Krise von 114 auf 188 Milliarden Dollar. Die Zahl der Beschäftigten des Ecommerce- und Cloud-Riesen wuchs 2020 um eine halbe Million auf 1,3 Millionen. Die meisten davon arbeiten in Logistikzentren oder als Kuriere, für sie war Homeoffice ohnehin nie eine Option. Doch auch die Büros mit 70.000 Beschäftigten alleine in Seattle sollen sich schnellstmöglich wieder füllen. "Unser Plan ist, zu einer bürozentrierten Kultur als Basis zurückzukehren", teilte Amazon  den Mitarbeitern Ende März mit. Bis zum Herbstbeginn würden die meisten US-Büroangestellten wieder am Arbeitsplatz erwartet. In Europa könnte es etwas länger dauern, aber nur wegen Corona. Die Büros seien auch nie komplett geschlossen worden, betont Amazon. Der neue Chef Andy Jassy (53) beklagte im Fernsehsender CNBC über digitale Meetings: "You just don't riff the same way", frei übersetzt: Ein Team rockt eben nicht so gut zusammen, wenn nicht alle in einem Raum sind.

Microsoft: Weniger als 50 Prozent

Unbehagen äußerte auch Microsoft-Chef Satya Nadella (53): Ohne klare Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben "fühlt es sich manchmal so an, als würde man bei der Arbeit schlafen". Dennoch arbeitet der Konzern wie die meisten an einem hybriden Modell, einer Mischung aus Büro und Heimarbeitsplatz. Ziel sei es, das Homeoffice als Standard für die meisten Jobs einzuführen, aber nur "in Teilzeit (weniger als 50 Prozent)".

Porsche: "Ferienhäusle oder Café, ist uns egal"

Dass auch Industrieunternehmen das mobile Arbeiten nutzen können, zumindest für ihre Schreibtischkräfte, zeigt Porsche. Zum 1. Mai trat bei der Volkswagen-Tochter eine Betriebsvereinbarung in Kraft, mit deren Hilfe die Angestellten Flexibilität bekommen sollen. "Uns ist wichtig, dass wir hochmotivierte Mitarbeiter haben", erklärte Personalvorstand Andreas Haffner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" . Jeder könne an bis zu zwölf Tagen im Monaten arbeiten, wann, wo und wie er will, solange das Arbeitsergebnis stimmt. Ob "im Ferienhäusle in Oberbayern oder im Café nebenan, das ist uns letztlich egal". Für Porsche hat das einen netten Nebeneffekt: Kosten sparen. 2025 will Porsche nur noch Schreibtische für 60 Prozent der Büromitarbeiter vorhalten müssen.

Deutsche Bank: Flexibilität zwischen 40 und 60 Prozent

Die Deutsche Bank plant ein Modell, in dem die Mitarbeiter tageweise nach eigener Wahl von zu Hause arbeiten dürfen, dies aber über ihre Vorgesetzten kommunizieren. "Wir glauben, dass die Flexibilität zwischen 40 und 60 Prozent liegt", sagte Finanzvorstand James von Moltke (52) der Nachrichtenagentur "Bloomberg". Die hauseigenen Volkswirte haben ein Analysepapier mit dem Titel "Homeoffice - gekommen um zu bleiben"  herausgebracht, das aber auch die Erwartungen der "ersten Homeoffice-Euphorie" dämpft - der Büroimmobilienmarkt habe beispielsweise keine starken Einbußen zu befürchten. Einer der ersten Euphoriker war Bankchef Christian Sewing (51), der auf der Hauptversammlung im Mai 2020 fragte: "Wenn unsere Bank trotzdem hervorragend für unsere Kunden da sein kann, brauchen wir dann noch so viel Büroraum in teuren Metropolen?" Zwischenzeitlich machte das Bank-Research auch mit der Idee einer Homeoffice-Steuer zum sozialen Ausgleich Furore, davon ist aber keine Rede mehr.

Allianz: Keine feste Quote

Die Allianz hat bereits seit Jahresanfang ihr "New Work Model". Konzernchef Oliver Bäte (56) hatte nach der ersten Corona-Welle bekannt, er selbst erlebe sich "manchmal erheblich produktiver" ohne die Ablenkung im Büro. Im Juli 2020 wollte er dauerhaft ein Drittel der Büroflächen und gar die Hälfte der Reisekosten sparen ("Wir brauchen diese ganzen Reisen nicht mehr"). Demgegenüber betonte Personalchefin Renate Wagner (46), der Versicherungskonzern lege sich nicht auf eine starre Homeoffice-Quote oder Sparziele für Büroflächen fest. Im Zentrum stünden die Bedürfnisse der Mitarbeiter, die Vorgesetzten müssten "auch loslassen können" .

Google: Leben in Büroreichweite erwartet

Das Beispiel Google wurde in der Pandemie oft als Vorreiter fürs Homeoffice bemüht. Der Internetkonzern setzte Homeoffice zum Standard für alle, gab großzügige Zuschüsse für die Einrichtung der Heimarbeitsplätze und verlängerte die Frist zur Rückkehr in die Büros immer weiter. Jetzt setzte die neue Personalchefin Fiona Cicconi den 1. September als Stichdatum für die rund 130.000 Beschäftigten - aber nur für Homeoffice ohne Rücksprache. Wer danach noch mehr als 14 Tage von zu Hause aus arbeiten will, muss das dann beantragen. Außerdem erwarte das Unternehmen von seinen Angestellten, "innerhalb einer Pendeldistanz zu Büros zu leben".

Facebook: Freie Ortswahl - eventuell mit Lohnabzug

Facebook-Chef Mark Zuckerberg (37) erklärte, er rechne damit, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren die Hälfte der Angestellten ihren Arbeitsort frei wählen würden. Das Unternehmen beginnt gerade erst, seine Büros im Silicon Valley wieder zu öffnen. "Mobiles Arbeiten ist die Zukunft", erklärte Personalmanagerin Brynn Harrington der BBC, räumte jedoch ein, das gesunde Maß für die Aufteilung der Arbeitsplätze noch zu suchen. Das erzwungene Homeoffice unter Pandemiebedingungen dürfe man nicht als Muster sehen. Grundsätzlich sollen die Angestellten selbst entscheiden, auch darüber, wo sie sich niederlassen wollen. Allerdings "bezahlen wir nach den örtlichen Arbeitskosten", stellte Harrington klar. Zu Silicon-Valley-Lohn auf die Malediven ziehen, ist also eher nicht drin.

Spotify: "Work From Anywhere"

Der Musikstreamingdienst Spotify hat im Februar sein neues Regelwerk "Working From Anywhere"  getauft. Alle Angestellten sollen gemeinsam mit ihren Vorgesetzten flexibel über die passende Mischung aus Heim- und Büroarbeit entscheiden, bei Bedarf bezahle das Unternehmen auch die Miete für einen Coworking Space. Theoretisch könnten sich die Spotify-Angestellten überall auf der Welt niederlassen, müssen sich aber auf eine Zeitzone festlegen, die auch zur Kommunikation mit den Kolleginnen passt.

Twitter: Homeoffice für immer, für manche

Ein ausgemachter Homeoffice-Fan ist Twitter-Chef Jack Dorsey (44), der im Mai 2020 verkündete, ab sofort könnten die Angestellten für immer von zu Hause arbeiten, wenn sie es wünschten. Er selbst hatte schon 2018 eine längere Zeit im Homeoffice als Aha-Erlebnis verbucht: Vieles gehe außerhalb des Büros deutlich besser. Nach der großen Ankündigung schränkte das Unternehmen allerdings ein, es hänge von der Situation und der konkreten Rolle der Beschäftigten ab, ob sie wirklich so frei entscheiden können. Von der Mehrheit erwarte Twitter auch künftig, dass sie zumindest ab und zu im Büro Präsenz zeigen.

Shopify: Zentrale geräumt

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Shopify-Chef Tobias Lütke (40) schrieb schon im vergangenen Frühjahr, sein Unternehmen sei ab jetzt "digital by default", also standardmäßig digital. Das verwundert erst einmal wenig bei einer E-Commerce-Plattform, doch die Strategie ist ziemlich gegensätzlich zum Branchenkollegen Amazon. Er verkündete, dass die meisten Angestellten permanent mobil arbeiten sollen. "Die Bürozentriertheit ist vorbei", erklärte Lütke. Und er handelte: Die bestehenden Büros wurden komplett geräumt für einen Umbau, um sich an die neue Arbeitsweise anzupassen. Im September wurde gemeldet, dass Shopify seine Zentrale in der kanadischen Hauptstadt Ottawa aufgibt.

ak
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