Insolvenz vieler Anbieter Wie Energieversorger in turbulenten Zeiten überleben

Rasant steigende Preise für Gas und Strom setzen Energieunternehmen unter Druck. Erste kleinere Anbieter mussten bereits aufgeben, während die Konzerne versuchen, sich abzusichern. Was Kunden beachten sollten.
Pipeline für Erdgasleitung Nord Stream 2 in Lubmin: Nicht nur der Streit um die neue Pipeline trägt zu höheren Gaspreisen bei

Pipeline für Erdgasleitung Nord Stream 2 in Lubmin: Nicht nur der Streit um die neue Pipeline trägt zu höheren Gaspreisen bei

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Energiekosten sind die Preistreiber der aktuell hohen Inflation in Deutschland – allein im Dezember verteuerten sich Gas und Strom um 18,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Darunter leiden nicht nur die Privatverbraucher, sondern auch Unternehmen. Vor allem in den energieintensiven Branchen, etwa in der Stahl- oder Chemieindustrie, sorgen die hohen Kosten für Probleme – in einigen Betrieben wurde bereits die Produktion gedrosselt.

Darüber hinaus ist auch die Branche betroffen, die doch auf den ersten Blick von höheren Preisen profitieren sollte: die Anbieter von Strom und Gas selbst. Diese können die exorbitant steigenden Einkaufspreise jedoch wegen der oft langen Vertragslaufzeiten nicht an ihre Kunden weitergeben.

Als eines der ersten Unternehmen traf es hier den Strom- und Erdgaslieferanten Otima Energie. Im Oktober 2021 musste der Betrieb aus Neuenhagen bei Berlin Insolvenz anmelden. Mehr als 400 Kunden, vor allem öffentliche Auftraggeber und private Unternehmen, waren davon betroffen. Weitere kleinere Energieversorger konnten dem Druck zuletzt ebenso nicht mehr standhalten, die Liste der Ausfälle mit Namen wie Lition Energie oder Smiling Green Energy wächst.

Geht der Versorger pleite, rutscht der Kunde in die meist teurere "Ersatzversorgung"

"Diese Explosion der Großhandelspreise für Strom und Gas ist so noch nie dagewesen und stellt Energieversorger vor völlig neue Herausforderungen", berichtet Lundquist Neubauer, Energieexperte bei Verivox: "Bleibt die Lage im Großhandel so angespannt, könnten weitere Versorger in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten – vor allem Versorger, die nicht langfristig eingekauft haben und nun kurzfristig teuer Energie beschaffen müssen."

Verbraucherschützer warnen Kunden allerdings davor, Verträge nun zu kündigen und empfehlen stattdessen, die festen und oft noch günstigen Konditionen auf jeden Fall erst einmal beizubehalten. Sollte ein Versorger Insolvenz anmelden, stehen sowohl die privaten Kunden als auch Betriebe nicht plötzlich ohne Energieversorgung da, sondern rutschen automatisch in die "Ersatzversorgung" und werden weiter mit Gas oder Strom versorgt, wenn auch dann meist zu höheren Preisen.

Höhere Tarife für Neukunden

Ein Wechsel des Anbieters gestaltet sich derzeit schwierig. "Bisher waren Neukunden begehrt, doch durch die sehr hohen Beschaffungspreise sind sie offenbar für einige Versorger nicht mehr lukrativ", sagt Neubauer. Seine Beobachtung ist es, dass in der Folge auch immer mehr große Grundversorger Tarife für Bestandskunden anbieten und daneben wesentlich höhere Tarife für Neukunden.

Große Konzerne widerstandsfähiger

Die großen Versorger haben überdies andere Möglichkeiten, ihr Geschäft abzusichern. So gab der Düsseldorfer Konzern Uniper in der vergangenen Woche bekannt, nun über zwei zusätzliche Kreditlinien in Milliardenhöhe zu verfügen, unter anderem bei der bundeseigenen KfW Bank. So möchte das Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber den teilweise extremen Preisentwicklungen werden.

Auch der Rivale RWE hat mitgeteilt, mit seinen Kreditlinien und weiteren Finanzierungsinstrumenten Vorsorge getroffen zu haben, um sich gegen weitere Sprünge bei den Kosten für Strom und Gas zu wappnen. Konzerne wie Uniper oder RWE nutzen oftmals Sicherungsgeschäfte und müssen dann bei hohen Preisschwankungen Vorauszahlungen leisten.

Entspannung erst im Frühjahr?

Eine weitreichende Beruhigung der Lage auf den Energiemärkten ist indes nicht in Sicht. Weiterhin trifft eine starke Nachfrage auf niedrige Speicherstände, auch die Wirkung der CO2-Bepreisung macht sich zunehmend bemerkbar. Hinzu kommen die Furcht vor einem kalten Winter, fortdauernde Spekulationen über das weitere Lieferverhalten Russlands und Unsicherheiten über die Inbetriebnahme der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream II.

"Wir gehen deshalb davon aus, dass die Preise kurzfristig auf diesem hohen Niveau bleiben", sagt auch Lundquist Neubauer vom Preisportal Verivox, "erst im Frühjahr, zum Ende der Heizsaison, rechnen wir wieder mit einer Entspannung."

hr
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