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"Hinein ins Gasgeschäft"

Klaus Rauscher, künftiger Chef von Vattenfall Europe, muss vier Stromfirmen zusammenschließen. Wie will er da den Wettbewerbern RWE und Eon einheizen?
Von Arno Balzer und Dietmar Student
aus manager magazin 8/2002

mm* Herr Rauscher, die Liberalisierung des deutschen Energiemarktes ist nach vier Jahren gescheitert. Neue Stromanbieter melden Konkurs an, die Großen werden noch größer. Werden Sie gegen die Ministererlaubnis für die Fusion Eon/Ruhrgas klagen?

Rauscher Nein.

mm Warum nicht? Hoffen Sie, dass von den Beteiligungen, die Eon nun verkaufen muss, etwas für Sie abfällt?

Rauscher Mit Hilfe der Auflagen aus der Ministererlaubnis kann der Gasmarkt in Deutschland neu strukturiert werden. Diese neue Lage werden wir genau prüfen, denn wir wollen in das Gasgeschäft einsteigen - vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen und der Preis stimmen.

mm Haben Sie nicht längst Interesse angemeldet an der Leipziger Gasfirma VNG? Eon und Ruhrgas müssen sich von ihren Anteilen trennen.

Rauscher Wir müssen die sehr komplexen Details der Ministererlaubnis erst noch sorgfältig analysieren. VNG ist dabei ein wichtiger Punkt.

mm Der Kunde hat von dem Geschacher der Energiemultis wenig. Vom Gaswettbewerb profitiert er bislang kaum. Und die Strompreise steigen sogar wieder.

Rauscher Dass die Tarife wieder anziehen, liegt im Wesentlichen an den staatlichen Abgaben, die mittlerweile rund 40 Prozent des Strompreises ausmachen: Stromsteuer, Subventionen für die Kraft-Wärme-Kopplung, für Windenergie und so weiter.

mm Schieben Sie nicht alles auf den Staat. Sie haben Ihre Margen doch auch erhöht. Für Erzeugung, Transport und Vertrieb berechnen Sie deutlich mehr.

Rauscher Wegen höherer Brennstoffkosten haben wir einen leichten Anstieg, das ist richtig. Trotzdem ist der Anteil der staatlichen Abgaben enorm. Wir sind die Gehilfen der öffentlichen Hand beim Geldeintreiben. Das darf nicht sein.

mm Dafür hilft Ihnen der Staat. Vattenfall Europe, ein Zusammenschluss der deutschen Energiefirmen Bewag, HEW, Veag und Laubag, war politisch gewollt, um Multis wie Eon oder RWE kräftig einzuheizen. Sogar der Bundeskanzler hat sich für das Projekt eingesetzt. Haben Sie sich schon bei ihm entschuldigt?

Rauscher Wofür?

mm Dass aus dem Einheizen vorerst nichts wird, weil Vattenfall auf Jahre mit sich selbst beschäftigt ist.

Rauscher Nun übertreiben Sie nicht. Sicher, wir arbeiten an dem komplexesten Integrationsvorhaben, das der- zeit europaweit läuft. Aber wir sind auf einem guten Weg und werden den Kanzler sicher nicht enttäuschen.

mm Wie will Vattenfall den Wettbewerbern trotzen? Der Konzernaufbau ist immer noch nicht abgeschlossen, von einer erfolgreichen Integration ganz zu schweigen. Ihnen läuft die Zeit weg.

Rauscher Einspruch. Tatsache ist, dass wir enorm aufs Tempo gedrückt haben. Zunächst sollten die Fusionen erst Mitte nächsten Jahres besiegelt werden. Ich habe darauf gedrängt, dass die Unternehmen schon ein Jahr früher rechtlich vereint und am Markt funktionsfähig werden.

mm Die eigentliche Arbeit beginnt erst nach der Fusion. Sie müssen vier Unternehmen mit vier Kulturen zusammen- führen; viele Konzernchefs sind schon mit zweien überfordert.

Rauscher Es war mir von Anfang an klar, dass das kein Selbstläufer wird. Wir müssen in der Tat Unternehmen mit langer Tradition vereinen. Wir arbeiten in acht Bundesländern. Das heißt, acht Landesregierungen wollen möglichst viel vom Kuchen abbekommen. Dann haben wir es mit drei Gewerkschaften zu tun, mit zwei verschiedenen Mitbestimmungsmodellen in den Aufsichtsräten. Und unser Großaktionär kommt aus Schweden.

mm Wie wollen Sie unternehmerisch Sinnvolles durchsetzen, wenn Sie nur mit Kompromissen und Interessenausgleich beschäftigt sind?

Rauscher In dieser Gemengelage ein Unternehmen zu formen, ist in der Tat eine abendfüllende Veranstaltung. Aber nun ist das Gebilde faktisch beschlossen, so wie wir es von Anfang an geplant haben. Am 21. August halten wir die entscheidende Hauptversammlung ab. Dann können wir uns wieder auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren: Strom und Fernwärme aggressiv zu verkaufen.

mm Wie soll denn der Furcht einflößende Marktauftritt aussehen? Mit niedrigen Preisen können Sie kaum angreifen; Sie brauchen beständig hohe Gewinne, um die teuren Akquisitionen zu finanzieren.

Rauscher Wir wollen mit innovativen Vertriebskonzepten antreten und zum Beispiel Bündelkunden gewinnen: große Wohnungsbaugesellschaften mit vielen tausend Einzelkunden oder Ölmultis mit tausenden von Tankstellen. Um diese bedienen zu können, braucht man hochintelligente Abrechnungssysteme. Die haben wir, anders als die Wettbewerber.

mm Sie müssen massiv Stellen streichen und gleichzeitig Ihre Mitarbeiter auf die Vorwärtsstrategie einschwören.

Rauscher Natürlich werden Arbeitsplätze abgebaut, wenn man vier Unternehmen zusammenführt. Aber wir werden betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Und wir garantieren Arbeitsplätze. Wir haben zum Beispiel in Hamburg eine Vereinbarung mit Senat und Betriebsrat getroffen, dass wir dort bis 2005 mindestens 3000 Arbeitsplätze erhalten werden.

mm Sind Sie überhaupt Herr des Verfahrens? Ihr Hauptaktionär, der staatliche Vattenfall-Konzern, führt Sie an der kurzen Leine.

Rauscher Die Schweden wissen, dass sie die Integration nicht aus Stockholm machen können. Deshalb haben sie mich ja geholt. Natürlich stimmen wir wichtige Dinge ab und diskutieren kontrovers. Es ist aber nicht so, dass die ständig bei uns hineinregieren.

mm Der Erfolg von Vattenfall Europe ist entscheidend für die Zukunft des ganzen Konzerns; in Deutschland werden künftig 60 Prozent des Gesamtumsatzes erzielt. Und trotzdem sind Sie im Vattenfall-Vorstand nur ein Mitglied unter vielen.

Rauscher Ich gehöre immerhin zum Führungstrio von Vattenfall und vertrete alle deutschen Unternehmen. Und ich bin an den Strategiediskussionen des Gesamtkonzerns beteiligt.

mm Was gibt es da viel zu bereden? Sie müssen sparen, während sich die Konkurrenten mit voller Energie auf das zukunftsträchtige Gasgeschäft stürzen. Ein Wettlauf zwischen Hase und Igel?

Rauscher Gas ist für uns ja auch eine Option. Mittelfristig brauchen wir den Brennstoff eventuell in neuen Kraftwerken. Aber das bedeutet nicht, dass wir jede Gasfirma kaufen müssen, die uns angeboten wird.

mm Schwedische Regierungsvertreter haben kürzlich erklärt, für den massiven Ausbau des Gasgeschäfts gebe es kein Geld.

Rauscher Seien Sie versichert: Sollte der Fall eintreten, werden wir das auch finanzieren.

mm Frankreichs Staatsbetriebe EdF und Gaz de France werden vielleicht bald privatisiert, in Spanien und Italien könnte es auch interessante Beteiligungsmöglichkeiten geben - für einen Konzern, der gut bei Kasse ist. Aber nach der jüngsten Akquisitionstour türmen sich bei Vattenfall die Schulden. Haben Sie sich übernommen?

Rauscher Sie unterstellen uns eine Finanznot, die es so nicht gibt. Wir wollen die Nummer fünf im europäischen Energiemarkt bleiben. Wenn wir diese Position nur halten können, indem wir uns an anderen Konzernen beteiligen, werden wir das tun.

mm Sie müssen aufpassen, dass Sie nicht selbst zum Opfer werden, wenn der schwedische Staat sich irgendwann aus Vattenfall zurückzieht. Wir sehen Sie schon als Eon-Tochter.

Rauscher Das halte ich für unwahrscheinlich. Über die Privatisierung von Vattenfall wird zwar diskutiert. Aber in Schweden ist man in dieser Sache sehr sensibel. Dort ist Wasserkraft, die Hauptenergiequelle, eine emotionale Frage. Das wäre so, als würde Bayern das Münchener Hofbräuhaus verkaufen wollen. u

*Das Interview führten die Redakteure Arno Balzer und Dietmar Student.

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Klaus Rauscher

Bayerisch Von 1988 bis 1991 leitete Klaus Rauscher (53) die Bayerische Staatskanzlei, brachte es später bei der Bayerischen Landesbank bis zum Vorstand und schien eher auf einen Chefposten in Sichtweite der Frauenkirche abonniert.

Hanseatisch Im November 2001 wechselte der fränkische Jurist überraschend an die Spitze der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW).

Schwedisch Für den schwedischen HEW-Eigentümer Vattenfall formt Rauscher nun den drittgrößten deutschen Energiekonzern, Vattenfall Europe mit Sitz in Berlin.

*Das Interview führten die Redakteure Arno Balzer und DietmarStudent.

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