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Hartz, aber herzlich

Porträt: Ein Automanager soll für Kanzler Schröder das Arbeitslosenproblem lösen. Sein Name steht für die wichtigste und schwierigste Reform des Standorts Deutschland. Wer ist dieser Peter Hartz? Was treibt ihn an, was bremst ihn?
aus manager magazin 8/2002

Fototermin in der Wolfsburger Autostadt. Der Profi mit der großen Kamera erteilt seinem weißhaarigen Modell detaillierte Anweisungen: "Den Körper mehr nach vorn beugen. Etwas dynamischer, bitte." Die Assistentin zupft eine letzte Staubflocke vom Revers, pudert rasch noch einmal die glänzende Nase.

Peter Hartz (60) lässt sich geduldig herumkommandieren. Gleichwohl signalisiert seine verspannte Körperhaltung arges Unbehagen. Nervös nestelt er an der Krawatte, rückt sich artig in Pose, strahlt angestrengt. Und fragt unsicher: "Sehe ich wirklich gut aus?"

Der Mann, der seit neun Jahren als Personalvorstand für die menschliche Seite beim VW-Konzern verantwortlich ist, hat die Routine der Selbstdarstellung nie verinnerlicht. Wie sollte er auch? Hin und wieder war er mit unkonventionellen Konzepten in den Zeitungsspalten aufgetaucht - etwa mit der Einführung der Vier-Tage-Woche oder dem Projekt 5000 mal 5000 (siehe Kasten Seite 74). Letztlich aber stand Hartz immer in der zweiten Reihe, weit hinter so schillernden Figuren wie dem ehemaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch oder dem berüchtigten Einkaufschef Ignacio López.

Reminiszenzen aus einer vergangenen Zeit. Seit diesem Sommer spielt Hartz in einer anderen Liga. Er ist der Hoffnungsträger, der verspricht, den Arbeits- markt grundlegend zu reformieren und die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu halbieren.

Plötzlich kann sich Hartz vor Kamerateams kaum mehr retten. Mikrofone recken sich ihm auf Schritt und Tritt entgegen. Journalisten lauern mit gezücktem Notizblock.

Und wie reagiert Hartz?

Er flüchtet.

So auch an jenem letzten Donnerstag im Juni, als die Moderatorin Maybrit Illner in ihrer Sendung "Berlin Mitte" mit Gewerkschaftern und Politikern über die Vorschläge der "Hartz-Kommission" debattierte. Natürlich war der Protagonist eingeladen, doch er wollte nicht.

Stattdessen setzt sich Hartz Punkt 22.15 Uhr in einen grün-samtenen Sessel im VW-Gästehaus und starrt auf den Fernseher. Jedes Mal, wenn sein Name fällt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Mensch ja, er freut sich riesig, dass sie über ihn und seine Kommission reden. Nur zu gern wäre er jetzt in Berlin; er würde sein Konzept verteidigen, und er könnte sich im Applaus des Publikums rekeln.

Aber Hartz traut sich nicht. Er kennt seine Schwächen. Reden liest er vom Blatt ab und verhaspelt sich trotzdem. Bei kontroversen Diskussionen in größerer Runde schweift er ab, bringt seine Botschaft nicht gleich rüber. So gesehen war es konsequent, dass er nicht zu Illner gegangen ist. Er hätte sich nur geschadet.

Der Mann ist hin und her gerissen. Selbstschutz, einerseits. Der Wunsch, im Scheinwerferlicht zu stehen, andererseits. "Peter Hartz wollte immer schon berühmt werden", behauptet eine enge Mitarbeiterin. Er selbst drückt das erwartungsgemäß anders aus. "Erfolg", sagt er, sei seine wichtigste Triebfeder.

Um die ersehnte Anerkennung musste Hartz hart ringen. Der Vater schuftete in den saarländischen Hüttenwerken; nach einer Krankheit kam die Kraft nicht mehr zurück, er wurde als Hilfsarbeiter herumgeschubst. Für die Ausbildung der drei Buben blieb kein Geld. Sie gingen nach der Volksschule in die Lehre.

Peter Hartz lässt sich lange bitten, bis er über seine Kindheit und Jugend spricht. Er verdrängt die Jahre der Entbehrung, die er nur mit "unglaublicher Selbstdisziplin" überstanden hat. Die Demütigung, arm gewesen zu sein, um Bildung kämpfen zu müssen, scheint noch heute zu schmerzen; dann beginnt er doch zu reden, und mit jeder kleinen Geschichte, die er von zu Hause erzählt, wird sein Tonfall weicher, wird der Singsang des Saarländischen, den er normalerweise gut zu kaschieren weiß, deutlicher vernehmbar.

In einer mittelständischen Firma hat er Industriekaufmann gelernt und sich mit 16 oder 17 gesagt: "Von so einem Laden will ich auch mal Chef werden." Also ging er wieder in die Schule, abends nach dem Job saß er im verschwitzten Hemd über der Lateinarbeit. Und immer, wenn er spät in der Nacht nach Hause kam, "wartete die Mutter mit einem warmen Essen ..." Die Stimme bricht an dieser Stelle.

Irgendwann war es geschafft: Erst Abendgymnasium, dann Fachhochschule im Abendkurs, mit 27, damals schon Vater eines dreijährigen Sohnes, endlich Abschluss als Betriebswirt.

26 Jahre nach dieser Tortur ein Festakt in der Universität Trier. Der Rektor verleiht Hartz die Ehrendoktorwürde. "Bereits Tage vor dem Ereignis", kolportiert ein Weggefährte, waren die neuen Briefbogen mit dem Doktortitel gedruckt.

Man mag über solche Anekdoten der Eitelkeit schmunzeln, aber kaum einer mokiert sich. Wenn einem Arbeitsdirektor die akademische Auszeichnung zusteht, dann Peter Hartz. Mit seinen unkonventionellen Projekten hat er Industriegeschichte geschrieben. Tabus gebrochen, Standards gesetzt.

Auf welcher Seite steht eigentlich dieser Mann? Ist er wirklich der Gutmensch von der Saar, der sich - geprägt von den Erlebnissen in seinem Elternhaus - unermüdlich für die geschundene Arbeiterklasse einsetzt?

Immerhin war es Hartz, der zwischen 1979 und 1993 als Personalvorstand in den krisengebeutelten Konzernen der saarländischen Stahlindustrie dafür sorgte, dass tausende überflüssig gewordene Mitarbeiter ordentlich abgefunden oder mit Weiterbildungsmaßnahmen aufgefangen wurden. "Es hat damals keinen einzigen Streik gegeben", erinnert sich ehrfurchtsvoll Karlheinz Blessing, der Hartz 1993 als Arbeitsdirektor der Dillinger Hütte beerbte.

Um das Bild eines linken Visionärs zu zeichnen, bräuchte es nur wenige Pinselstriche: Seit über 40 Jahren Mitglied der IG Metall, seit jeher bekennender Sozialdemokrat. Duzkumpel von Kanzler Gerhard Schröder, von Klaus Volkert, dem VW-Betriebsratsvorsitzenden, und von IG-Metall-Führer Klaus Zwickel.

Doch das Bild wäre falsch; Hartz ist kein Sozialromantiker. Er hat immer beides vor Augen: die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit und das Wohl der Beschäftigten.

Vielleicht ist dies sogar die größte Stärke des Peter Hartz - dass es ihm immer wieder gelingt, die Anliegen aller Beteiligten in Einklang zu bringen. Oder anders formuliert: Er macht den Menschen klar, dass in einer Notlage alle bluten müssen, Unternehmen und Mitarbeiter.

Wie 1993, als VW in einer existenzbedrohenden Kri- se steckte. Um den Be- schäftigtenüberhang zu kappen, hätte Piëch 30 000 Mitarbeiter entlassen müssen. Aber welchen Imageschaden hätte das Unternehmen erlitten? Und welch gigantische Kosten wären durch die Sozialpläne auf VW zugekommen?

Hartz löste das Problem auf seine Weise: 100 000 Beschäftigte verzichteten freiwillig auf 15 Prozent ihres Lohnes; alle arbeiteten einen Tag weniger in der Woche, keinem wurde gekündigt. Und der Konzern sparte knapp zwei Milliarden Mark. "Hartz hat Piëch damals den Hintern gerettet", sagt ein VW-Manager.

Piëch hatte Hartz an den Mittellandkanal geholt, weil er nicht mehr ein noch aus wusste. Der Verweis auf den zu jener Zeit bestenfalls in der Stahlindustrie bekannten Personalmanager kam von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel.

Als Peter Hartz neun Jahre später von Kanzler Schröder gedrängt wurde, Reformvorschläge für die Bundesanstalt für Arbeit vorzulegen, war er mit einer ähnlich vertrackten Lage konfrontiert wie 1993 bei VW: Auch heute können - wie damals - alle nur noch verlieren, weil sich nichts mehr bewegt.

In solchen Situationen brilliert Hartz. Nicht auf offener Bühne, sondern hinter dem Vorhang. Er führt zahllose Zweiergespräche, in denen er auslotet, wie viel Veränderung und Belastung den Menschen aufgebürdet werden kann. Für den Entwurf des Kommissionspapiers befragte er sogar Schwarzarbeiter, bei welchem Steuersatz sie bereit wären, ein reguläres Beschäftigungsverhältnis aufzunehmen.

Zuhören, möglichst alle Beteiligten einbinden und immer auf den Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessengruppen achten - dies ist Hartz' Erfolgsrezept. Direkten Druck übt er selten aus, der Konfrontation geht er aus dem Weg, wo immer möglich - nicht einmal an Tarifverhandlungen nimmt er teil. Aber überzeugen - ja, das kann er. Hartz fasst seinen Gesprächspartner dann am Arm, schaut ihm ins Gesicht, lächelt gewinnend und appelliert an den gesunden Menschenverstand: "Wissen Sie", beginnt er oft seine Sätze, "wissen Sie, die Sache ist doch ganz einfach: Einem jungen, ungebundenen Menschen können wir zumuten, dass er eine Arbeitsstelle 60 Kilometer von seinem Heimatort annimmt. Bei einem 55-jährigen Familienvater können wir das nicht."

Der Mann ist tatsächlich ohne Managerallüren, eher kumpelhaft im Umgang, bescheiden im Auftreten und bedingungslos freundlich - auch wenn er übermüdet ist und dann leicht fahrig wirkt, was häufiger vorkommt in diesen Tagen. "Hartz bringt ein Stück Menschlichkeit rein, egal in welchem Gremium er sich bewegt", lobt der IG-Metall-Gewaltige Zwickel.

Ein Topmanager, der ein gutes Verhältnis zu Gewerkschaftern und Politikern pflegt, der ideenreich und umsetzungsstark ist und der zudem für seine mutigen Vorschläge zur Reform des Arbeitsmarktes viel Zustimmung erntet - wäre der nicht ein prima Arbeitsminister? Offenkundig befasst sich auch der Kanzler mit derlei Gedankenspielen. Jedenfalls hält sich hartnäckig das Gerücht, Gerhard Schröder wolle Hartz, sofern die SPD die Wahl gewinnt, in sein Kabinett holen.

"Nein, bloß nicht!" Jeder, der Hartz näher kennt, winkt spontan ab. Die Politik ist nichts für diesen redlichen, geradlinigen Mann, der obendrein dünnhäutig ist und schnell mal aus der Haut fährt. So einer würde im Intrigendschungel der Parteien nicht überleben.

"Wir haben mit Walter Riester einen guten Arbeitsminister. Peter Hartz soll bei Volkswagen bleiben, in Wolfsburg ist er viel besser aufgehoben als in Berlin", sagt auch Klaus Zwickel, der im VW-Aufsichtsrat den stellvertretenden Vorsitz einnimmt. Und er fügt hinzu: "Nach Lage der Dinge werden wir in den nächsten Monaten Hartz' Vorstandsvertrag um weitere fünf Jahre verlängern."

Was sagt der Umworbene zu all dem Wirbel um seine Person? Erst einmal gar nichts. Hartz weiß ohnehin nicht, was er zuerst machen soll. Er verantwortet im Volkswagen-Vorstand neben seiner Funktion als Arbeitsdirektor auch die Kontinente Südamerika und Afrika. Das heißt: Viele anstrengende Reisen. Dazu die nervenaufreibende und zeitzehrende Arbeit in der nach ihm benannten Kommission. Und als sei dies nicht mehr als genug, belagern ihn auch noch die Journalisten.

Zumindest hat er jetzt den Fototermin in der Wolfsburger Autostadt hinter sich gebracht. Hartz verabschiedet sich von dem Mann mit der Kamera, bedankt sich herzlich und drängt mit eiligem Schritt davon. Nach zwanzig Metern hält er inne. "Habe ich der Assistentin ,Auf Wiedersehen' gesagt?" Hat er vergessen. Also macht er auf dem Absatz kehrt und schüttelt auch der jungen Dame, die ihm anfangs so nett die Nase gepudert hat, die Hand.

Ein letzter, prüfender Blick in die Runde. Keinen übersehen? Nein. Erleichtert zieht Hartz von dannen. u

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Profil

Herkunft: Peter Hartz wurde 1941 als Sohn eines Hüttenarbeiters im Saarland geboren.

Ausbildung: Nach der Volksschule machte Hartz eine Lehre als Industriekaufmann. Abendkurse führten ihn bis zum Diplombetriebswirt.

Aufstieg: Nach mehreren Stationen bei saarländischen Unternehmen wird Hartz 1979 zum Arbeitsdirektor der Dillinger Hüttenwerke ernannt. 1993 wechselt er als Personalvorstand zu VW.

Familie: Hartz ist verheiratet und hat einen Sohn.

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Die mutigen Ideen des Peter H.

Aus den zahlreichen Projekten innovativer Personalpolitik von Volkswagen können andere Unternehmen viel lernen

Die Woche zählt nur vier Tage

1993 steckte der VW-Konzern in einer existenziellen Krise. Zu hohe Kosten, 30 000 Menschen zu viel in den Werken. Die Lösung von Personalvorstand Peter Hartz: Radikale Arbeitszeitverkürzung um 20 Prozent auf 28,8 Stunden pro Woche. Keiner der 100 000 VW-Beschäftigten in Deutschland verlor seinen Job, aber alle mussten sich mit 15 Prozent weniger Jahreseinkommen abfinden.

Die atmende Fabrik

Weil die starre Vier-Tage-Woche bei VW zu Engpässen führte, lässt Hartz jetzt die Fabriken "mit der Auftragslage atmen". Seit 1995 arbeitet Volkswagen bei mäßiger Nachfrage 28,8 Stunden. Häufen sich die Aufträge, steigt die Arbeitszeit auf bis zu 38,8 Stunden. Das Ungewöhnliche an diesem Tarifmodell: Die Beschäftigten erhalten für Mehrarbeit nicht automatisch Zuschläge. Erst wenn sie über einen längeren Zeitraum - etwa ein Jahr - mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten, zahlt der Konzern Überstundenzuschläge.

Die verzinste Zeit

Beschäftigte, die ihre Überstunden sammeln, geben nach der strengen Logik von Peter Hartz dem Unternehmen einen Kredit, der selbstverständlich verzinst werden muss. Deshalb legt VW den geldwerten Betrag der angesparten Zeit am Kapitalmarkt an. Die Mitarbeiter erhalten für ihre Überstunden ein "Zeitwertpapier". Der stetig steigende Wert des Papiers kann für den Vorruhestand oder die Altersversorgung genutzt werden.

Mittlerweile findet Hartz' Idee auch über den Autokonzern hinaus Beachtung: In einem Pilotversuch vertreibt VW gemeinsam mit der HypoVereinsbank das Zeitwertpapier an ausgewählte Großunternehmen und deren Mitarbeiter.

Aussteigen mit 55

Verzinsliche Papiere erhalten VW-Beschäftigte auch für Boni oder Prämien, die sie sich nicht auszahlen lassen. Wer in jüngeren Jahren tüchtig Geld und Arbeitszeit gespart hat, braucht - in Kombination mit dem Altersteilzeitgesetz - ab 55 Jahren nicht mehr am Band zu stehen und erhält dennoch 85 Prozent seines früheren Lohns.

Volkswagen will mit dem vorzeitigen Ruhestand nicht nur Arbeitsplätze abbauen, sondern auch Stellen, die bislang von älteren Arbeitnehmern besetzt waren, für Nachwuchskräfte frei machen. Hartz und sein Team haben rund hundert Modelle entwickelt, die es ermöglichen, dass junge Menschen mehr und ältere weniger arbeiten.

Rendite für alle

Als erster deutscher Konzern hat Volkswagen die betriebliche Altersvorsorge auf Pensionsfonds umgestellt (Dax-Aktien; festverzinsliche Wertpapiere). Dank hoher Renditen sollen die VW-Zuschüsse zu den Betriebsrenten (bislang 8,7 Prozent der Personalkosten) langfristig auf null sinken. Die Mitarbeiter erhalten für ihr eingezahltes Kapital einen Garantiezins von 3 Prozent. Entwickelt sich der Kapitalmarkt günstig, könnten die Renten künftig höher liegen als heute.

5000 mal 5000

Die Kosten zu senken und dennoch niemanden entlassen zu müssen - diese Idee zieht sich durch alle Hartz'schen Modelle. Ausnahme: Das Angebot, 5000 Arbeitslose einzustellen, unter der Bedingung, dass sie mit einem Bruttogehalt von 5000 Mark zufrieden sind und ihre Arbeitszeit danach richten, ob die geplante Stückzahl und die vorgegebene Qualität erreicht wurde.

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