Mittwoch, 19. Juni 2019

Zalando-Vorbild Zappos Das passiert, wenn ein Unternehmen die Chefs abschafft

Ein Bild aus fröhlichen Tagen: Inzwischen sind viele Mitarbeiter bei Zalando-Vorbild Zappos unzufrieden - weil das Unternehmen die Chefs abgeschafft hat

"Sei witzig und ein bisschen verrückt": So heißt einer der zehn Grundwerte, die der US-Onlinehändler Zappos seinen Mitarbeitern vorgibt. Doch die neueste Idee von Chef Tony Hsieh war offenbar ein wenig zu verrückt für die Belegschaft.

Hsieh setzt seit kurzem auf das Organisationsmodell "Holocracy", in dem es keine Chefs mehr gibt, außer ihm. Zumindest deuten es viele der 1500 Mitarbeiter des Unternehmens so und auch das konservative "Wall Street Journal". Das neue Modell kommt jedenfalls nicht besonders gut an im Unternehmen, das einst als Vorbild für Zalando Börsen-Chart zeigen diente. Etwa 14 Prozent der Belegschaft haben wegen seiner Einführung gekündigt, schreibt die US-Zeitung.

Darunter sind offenbar viele Führungskräfte, denen Zappos keine vergleichbare Position in der neuen Organisationsstruktur anbieten konnte. Möglicherweise müssen einige Einbußen beim Gehalt hinnehmen, was das Unternehmen aber als "unwahrscheinlich" bezeichnet.

Mitarbeiter fühlen sich von dem neuen System überrumpelt

Doch auch einfache Mitarbeiter fühlen sich von dem neuen System überrumpelt. Von bis zu fünf Stunden pro Woche zusätzlichem Organisationsaufwand ist die Rede - und das alles für das Ziel, nicht mehr von einem Chef angeleitet zu werden, sondern den Arbeitsablauf eigenständig zu gestalten.

"Holocracy", erdacht vom Softwareunternehmer Brian Robertson, setzt auf den permanenten Austausch der Mitarbeiter untereinander. Dazu organisieren sich in so genannten Kreisen.

Einzelne Mitglieder dieser Kreise halten Kontakt zu anderen Kreisen. Es gibt Treffen, bei denen die Teilnehmer ausschließlich die Entscheidungsprozesse besprechen und solche, bei denen es ums operative Geschäft geht.

Wie sollen Mitarbeiter dokumentieren, dass sie für Chefpositionen geeignet sind?

Ziel ist es, bürokratische Prozesse zu umgehen. Die Belegschaft soll ihre kollektive Intelligenz besser ausschöpfen und an aktuelle Entwicklungen anpassen anstatt fast ausschließlich auf die Führungskraft und Visionen der Chefs zu vertrauen.

Doch dieses Ideal kollidiert offenbar mit den Karrierevorstellungen einzelner Zappos-Mitarbeiter. Wie sollen sie in ihrem Lebenslauf dokumentieren, dass sie für Führungspositionen geeignet sind? Wie gelangen sie an eine Gehaltserhöhung? Auf diese Fragen gibt es bisher zu wenig Antworten.

Zappos-Chef Hsieh hat sich nun in einer langen E-Mail an seine Leute gewandt, um sein Projekt zu retten. Das System "braucht seine Zeit und erfordert viel von dem Prinzip Versuch und Irrtum", ermunterte er die Belegschaft.

Mit Holocracy würden die Mitarbeiter mittelfristig mehr wie Unternehmer handeln. Und dann klappe es auch mit dem eigentlichen Ziel - deutlich mehr Schuhe zu verkaufen.

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