Angriff auf die nächste Bastion Wie Amazon den Einzelhandel knacken will

Amazons Laden-Offensive: Whole-Foods, Amazon Go und Amazon 4-star-Läden

Amazons Laden-Offensive: Whole-Foods, Amazon Go und Amazon 4-star-Läden

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In Amazons Netz: Wo Amazon überall aktiv ist

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Mit einem Börsenwert von 797 Milliarden Dollar hat der Online-Händler Amazon (Kurswerte anzeigen) gerade Microsoft  als das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt abgelöst. Und auch für Amazon-Chef Jeff Bezos selbst läuft es momentan sehr gut. Mit einem Vermögen von mehr als 123 Milliarden Dollar ist er mittlerweile der reichste Mann der Welt. Ein Vermögen, das sich stündlich um 4,5 Millionen erhöht, wie kürzlich die Wirtschaftsseite "Businessinsider" ausgerechnet hat. Doch Bezos wäre nicht Bezos, wenn sich der US-Manager auf dem Erreichten ausruhen und nicht weiter am Siegeszug seiner Unternehmens arbeiten würde.

Eine Branche nach der anderen hatte sich Bezos in der Vergangenheit vorgenommen, um sie zu "amazonisieren". Bezos größte Herausforderung dabei: Die noch immer existierende Dominanz des stationären Handels. "90 Prozent aller Transaktionen finden offline statt", formulierte es kürzlich Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber in einem Interview . Es bringe daher nichts, sich auf die zehn Prozent zu konzentrieren, die online einkauften.

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Entsprechend verstärkt Amazon, wie übriges seine internationalen Wettbewerber auch, aktuell massiv seine Bemühungen im stationären Handel. Und plant offenbar nicht nur den Ausbau des Filialnetzes der 2017 gekauften Supermarktkette Whole Foods. Sondern treibt auch die Eröffnung zahlreicher neuer Filialen seiner teilautomatisierten Amazon Go und seiner 4-Stars-Kaufhäuser voran.

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Ein Vorhaben, das angesichts hoher Technikkosten wie für Kameras, Sensortechnik und kassenlose Bezahlsysteme erst einmal sehr teuer werden dürfte. Das sich Experten zufolge für Amazon jedoch nicht nur aufgrund der technischen Erfahrungen lohnen dürfte.

So schätzen Marktforscher des Analysehauses RBC Capital Markets aufgrund von Daten aus eigenen Testkäufen und erhobenen Besucherzahlen, dass Amazon-Go-Läden 50 Prozent mehr Umsatz erwirtschaften als durchschnittliche Läden. Die Marktforscher kommen damit auch einen hochgerechneten Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Bei einem angeblich geplanten Ausbau auf bis zu 3000  kassenlose Filialen bis 2021 käme so ein Umsatz von 4,5 Milliarden Dollar jährlich zusammen, rechnen die Marktforscher vor.

Von Null auf 4,5 Milliarden Dollar in 4,5 Jahren

Zahlen und eine Expansionsgeschwindigkeit, die, wenn es wirklich so kommt, so manch andere Supermarktkette vor Neid erblassen lassen dürften. Bislang betreibt Amazon laut der US-Seite Recode  neun Amazon-Go-Läden in den USA - alle in Metropolen wie Seattle, San Francisco oder Chicago. Diese unterschieden sich zum Teil deutlich bei den angebotenen Produkten. Während einige vor allem auf frisch zubereitetes Essen wie Salate und Sandwiches setzten, sind demnach andernorts auch Bier und Lebensmittel zu erhalten, die nicht für den direkten Verzehr gedacht sind.

Zudem hat der Onlinehändler, der bereits mehrere stationäre Buchläden betreibt, im Oktober in New York demnach seinen vierten sogenannten "4-star-Store" eröffnet. Auf rund 400 Quadratmetern können sich Kunden dort Trendartikel, Produkte mit einer Bewertung von mindestens 4 Sternen und andere Topseller erstehen. Und auch bei der 2017 für 13,5 Milliarden Dollar gekauften Supermarktkette Whole Foods plant Bezos offenbar einen US-weiten Ausbau -  auch um von dort aus mit seine Frische-Lieferdiesten künftig mehr Leute erreichen zu können. Und auch in Indien ist Amazon in eine Supermarktkette investiert.

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Aber Amazon ist längst nicht der einzige Tech-Riese, der auf stationäre Läden setzt, um Kunden- und Umsatzzahlen weiter in die Höhe zu treiben. Auch in Asien versuchen Tech-Riesen wie Alibaba und Tencent mit dem Kauf riesiger Filialketten für Milliardenbeträge auch die Offline-Bedürfnisse ihrer Kunden kennenzulernen und sie zu bedienen und auf diese Weise Online- und Offlinegeschäft miteinander zu verschmelzen - New retail nennt Alibaba dies.

Die Chinesen sind schon weiter

Schon 2017 stieg beispielsweise Alibaba für einen Milliardenbetrag bei der chinesischen Supermarktkette Sun Art sowie bei der Elektronikkette Suning ein. Anfang 2018 folgte dann ein weiteres Millioneninvestment in die Möbelkette Easyhome. Insgesamt 10 Milliarden Dollar hat Alibaba sich seine Offlineaktivitäten laut dem "Economist"  bislang kosten lassen.

Alibabas Vorzeigeprojekt ist jedoch die Supermarktkette Hema. 2015 gegründet, existieren mittlerweile 46 Läden der Kette in 13 Städten. Weitere 2000 sind offenbar geplant. Neben dem Einkauf frischer Lebensmittel können Kunden sich dort die gekauften Produkte auch direkt zubereiten, innerhalb von 30 Minuten nach Hause liefern lassen und an der Kasse per Gesichtserkennung bezahlen.

Auch Konkurrent Tencent  sowie der chinesische Alibaba-Konkurrent JD.com tummeln sich längst im stationären Handel. So unterhält Tecent, Betreiber des in China beliebten Chatdienstes Wechat, zusammen mit Rossmann-Großaktionär A.S. Watson und dem Supermarktkonzern Yonghu mehr als 70 Supermärkte in der chinesischen Provinz Guangdong. Zudem testen die Chinesen zusammen mit der französischen Supermarktkette Carrefour neue "Smart-Retail"-Technologien wie etwa kassenlose Bezahlsysteme.

Und auch J.D.com hat die Verknüpfung von On- und Offlinehandel für sich entdeckt und zuletzt massiv in das Geschäft mit frischen Lebensmitteln investiert. Medienberichten zufolge will das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren seine Supermarktkette 7Fresh um 1000 Läden erweitern.

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