Online-Riese startet Arzneimittelverkauf Warum sich Apotheken kaum vor "Amazon Pharmacy" fürchten müssen

Die Nachricht von Amazons Einstieg in den Medikamentenhandel hat die Aktien etablierter Player der Branche einbrechen lassen. Doch die Sorgen vor der Verdrängung sind diesmal womöglich übertrieben.
Gefürchteter Gegner: Wenn Amazon einen neuen Markt betritt, beginnt oft das große Zittern

Gefürchteter Gegner: Wenn Amazon einen neuen Markt betritt, beginnt oft das große Zittern

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Das Prozedere ist bereits eingeübt: Amazon startet einen neuen Geschäftsbereich, und in der Branche, die der Online-Riese damit betritt, beginnt das große Zittern. Schauplatz diesmal: Das Geschäft mit Medikamenten, traditionell Domäne des Drogerie- und Apothekengewerbes.

Vor knapp zwei Wochen verkündete Amazon den Start von "Amazon Pharmacy" in den USA. Unternehmensgründer und -chef Jeff Bezos (56) steigt also in den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ein. Investoren werteten das offenbar als ernste Bedrohung für jene Unternehmen, die in dem Geschäft bereits aktiv sind. Aktien großer US-Pharmahändler sowie Drogerie- und Apothekenketten wie CVS Health , Walgreens , Cigna , UnitedHealth  oder Rite Aid  gingen spontan massiv in die Knie. Binnen weniger Stunden verloren die Konzerne Milliarden Dollar an Marktwert - zum Großteil haben sie sich bis heute nicht komplett von den Kursverlusten erholt. Die Papiere von Amazon  auf der anderen Seite stiegen gleichzeitig weiter im Wert.

Die Sorge der Börse ist klar: Amazon wird den Markt aufmischen, Marktanteile gewinnen, seine Gewinne steigern - und dem Rest der Branche das Wasser abgraben, bis es für diese Firmen gefährlich wird. Doch ist diese Sorge auch berechtigt? Experten äußern Zweifel.

Ohnehin wirkt die drastische Reaktion der Börse übertrieben. Denn die Nachricht von Amazons Einstieg in den Medizinhandel kam keineswegs überraschend. Bereits 2018 hatte der Online-Riese für mehr als 700 Millionen Dollar die Internet-Apotheke PillPack übernommen. Schon lange davor hatte es zudem Spekulationen über einen Eintritt Amazons in dieses Geschäft gegeben, die seither nicht weniger geworden sind.

"Nicht der Bereich, in dem das Geld verdient wird"

"Die Leute flippen aus", zitiert die "Financial Times " zudem einen Branchenanalysten von Jefferies mit Blick auf die Reaktion der Börse. "Dabei gibt es dafür eigentlich kaum einen Grund, jedenfalls nicht in nächster Zukunft."

Grund: Anders als bei anderen Produkten des Einzelhandels wie Büchern oder Unterhaltungselektronik gehen viele Menschen zum Kauf von Medikamenten nach wie vor gerne in die Apotheke um die Ecke, wo es auch eine persönliche Beratung gibt. Viele ältere Leute, so der Jefferies-Analyst, betrachten diesen Ausflug sogar als den "Höhepunkt ihrer Woche".

Hinzu kommt: Noch immer gibt es einen großen Teil an Arzneimitteln, die für den Online-Handel gar nicht infrage kommen. Beispiele sind laut "Wall Street Journal " etwa Grippeimpfungen sowie, vermutlich demnächst, Covid-19-Medikamente.

Eine Folge dieser Hintergründe ist, dass Amazon vermutlich eher weniger lukrative Käuferschichten ansprechen wird, wie Lawton Burns, Professor von der University of Pennsylvania’s Wharton School, meint. "Sie erreichen vielleicht die jungen Millennials, die gelegentlich ein Akne-Mittel brauchen", so Burns laut "FT". Oder junge Menschen mit Herpes oder dem Wunsch nach Verhütung. "Das ist nicht der Bereich, in dem im Medikamentenhandel das Geld verdient wird", sagt der Experte.

Insgesamt hat der Online-Versand nach wie vor einen Anteil von weniger als 10 Prozent am Gesamtgeschäft, so die "FT" mit Verweis auf Daten des Drug Channel Institutes. Höherpreisige Präparate für chronische oder Komplexe Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose oder HIV kommen demnach auf einen höheren Anteil. Diese Produkte hat "Amazon Pharmacy" der Zeitung zufolge aber nicht im Angebot.

Kein Wunder also, dass auch die künftige Konkurrenz von Amazons neuer Online-Apotheke momentan noch entspannt bleibt. Das ist ein ernst zu nehmender Wettbewerber", sagt etwa James Kehoe, Finanzchef von Walgreens, der nach CVS Health zweitgrößten Apothekenkette in den USA. "Aber wir vergleichen da ein wenig Äpfel mit Birnen: Wenn Sie ein Mittel gegen Covid-19 brauchen - wenden Sie sich dann an Amazon oder an Walgreens oder CVS?"

cr
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