EY-Studie Chinas Firmenjäger übernehmen wieder mehr Unternehmen in Europa

2021 hat sich die Zahl der Firmenübernahmen durch chinesische Investoren wieder erhöht. Allerdings zeigen auch die höheren Hürden in sensiblen Branchen ihre Wirkung.
Größter Firmenkauf in Europa: 2021 zahlte die Investmentfirma Hillhouse Capital mit Sitz in Hong Kong 4,4 Milliarden Dollar für die Haushaltsgeräte-Sparte von Philips

Größter Firmenkauf in Europa: 2021 zahlte die Investmentfirma Hillhouse Capital mit Sitz in Hong Kong 4,4 Milliarden Dollar für die Haushaltsgeräte-Sparte von Philips

Foto: Eva Plevier / REUTERS

Nach dem pandemiebedingten Einbruch bei den chinesischen Firmenübernahmen in Europa im Jahr 2020 hat sich die Zahl der Transaktionen im Jahr 2021 wieder deutlich erhöht – von 132 auf 155. Auch das Transaktionsvolumen ist deutlich gestiegen: Der Wert der Beteiligungen und Übernahmen hat sich auf 12,4 Milliarden US-Dollar mehr als verachtfacht. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY.

Auch in Deutschland traten chinesische Investoren wieder häufiger in Erscheinung. Nachdem 2020 nur 28 Transaktionen gezählt worden waren, gab es im vergangenen Jahr 35 Beteiligungen oder Übernahmen.

"Chinesische Unternehmen bleiben bei ihren Investitionen in Europa insgesamt noch zurückhaltend", beobachtet Yi Sun (47), Partnerin und Leiterin der China Business Services in der Region Europe West bei EY. Dazu trage zum einen nach wie vor die Pandemie bei, die auch 2021 noch zu Beeinträchtigungen geführt habe. Die meisten chinesischen Unternehmen, die schon im Ausland Firmen übernommen haben, haben sich laut Sun in den letzten Jahren eher damit beschäftigt, die Restrukturierung in Europa voranzutreiben als weiter zu expandieren – besonders in den Sektoren Automobilzulieferer und Maschinenbau.

Steigende Preise und Hürden der Regulatoren

Ebenfalls dämpfend wirkten sich die inzwischen hohen Hürden für ausländische Beteiligungen gerade in bestimmten kritischen Branchen sowie die zunehmende Konkurrenz durch kapitalstarke Finanzinvestoren aus. Die Kaufpreise auf dem M&A-Markt seien zuletzt stark gestiegen – in einigen Fällen wollten die chinesischen Interessenten da nicht mehr mitgehen. "Besonders die börsennotierten chinesischen Unternehmen fürchten, mit teuren Zukäufen den eigenen Aktienkurs unter Druck zu setzen", so Sun. "

Interesse an deutschen Zulieferern und Maschinenbauern

Nach wie vor entfallen auf klassische Industrieunternehmen die meisten Deals – gerade in Deutschland: 12 der 35 Transaktionen in Deutschland und 30 der 155 Transaktionen in Europa fanden im Industriesektor statt.

Allerdings ist deren Zahl rückläufig: 2020 waren europaweit noch 36 Industrietransaktionen gezählt worden. Nach wie vor besteht laut der Studie bei chinesischen Investoren Interesse an europäischen Automobilzulieferern oder Maschinenbauern – allerdings inzwischen eher in den Subsektoren Elektromobilität, autonomes Fahren und High Tech-Materialien.

Hohe Investitionen in Start-ups

Ein deutlich gestiegenes Interesse gibt es aber an anderer Stelle: Chinesische Private Equity Fonds und Risikokapitalgeber werden immer aktiver. Gerade in Deutschland habe es – so Sun – im vergangenen Jahr einige sehr große Investitionen in Start-ups, an denen chinesische Investoren maßgeblich beteiligt waren, gegeben.

Auf High-Tech und Softwareunternehmen entfielen im vergangenen Jahr europaweit 27 Transaktionen. Im Vorjahr waren es noch 20. Gerade der aktivste chinesische Investor vergangenen Jahr, Tencent, hat sich nach Angaben der Studie zuletzt in diesem Segment stark engagiert.

Gestiegen ist auch die Zahl der Übernahmen und Beteiligungen im Bereich Gesundheit: von 16 auf 26 Transaktionen. "Der Gesundheitssektor – ob Pharma, Biotech oder Medizintechnik – wird zunehmend zu einem der wichtigsten Zielsektoren chinesischer Unternehmen", sagt Sun. In diesem Sektor gebe es einen großen Nachholbedarf in China, insbesondere bei der Forschung und Entwicklung.

36 Übernahmen in Großbritannien

Die meisten Transaktionen wurden im vergangenen Jahr in Großbritannien verzeichnet. Mit 36 Übernahmen und Beteiligungen liegt Großbritannien knapp vor Deutschland, die 35 Transaktionen verzeichnen und deutlich vor den drittplatzierten Niederlanden (13). Im Vorjahr besetzte Deutschland noch die Spitze.

Sun ist allerdings überzeugt, dass Deutschland für chinesische Investoren ein attraktiver Markt bleibt: "Viele chinesische Unternehmen haben gute Erfahrungen mit ihren Investitionen gerade in Deutschland gemacht."

Die europaweit größte Investition war im vergangenen Jahr der Verkauf der Haushaltsgeräte-Sparte von Philips an die Investmentfirma Hillhouse Capital mit Sitz in Hong Kong für 4,4 Milliarden US-Dollar. Die zweitgrößte Transaktion war die Übernahme des britischen Entwicklerstudios Sumo Digital durch Tencent für 1,1 Milliarden US-Dollar, gefolgt von der Übernahme des dänischen Kühlcontainer-Herstellers Maersk Container Industry durch China International Marine Containers für ebenfalls 1,1 Milliarden US-Dollar.

sio