Erste Filiale in Leipzig Russischer Discounter greift mit Niedrigstpreisen an

Der Lebensmittel-Einzelhandel in Deutschland ist hart umkämpft. Dennoch wagt der vergleichsweise kleine russische Discounter "Torgservis" aus Sibirien den Markeintritt. Dass die erste deutsche Filiale in Ostdeutschland entsteht ist kein Zufall. "Jeden Tag nur Tiefstpreise", verspricht das verschwiegene Unternehmen. Doch kann das gut gehen?
Die ersten Kunden kaufen Discounter "Mere" in Leipzig ein. Die aus Sibirien stammende Kette Torgservis will mit niedrigsten Preisen in Teilen Ost- und Norddeutschlands Aldi und Co Konkurrenz machen

Die ersten Kunden kaufen Discounter "Mere" in Leipzig ein. Die aus Sibirien stammende Kette Torgservis will mit niedrigsten Preisen in Teilen Ost- und Norddeutschlands Aldi und Co Konkurrenz machen

Foto: DPA

Der Blick in den ersten russischen Discounter in Deutschland erinnert an die Anfänge dieser Branche: Auf den hellen Fliesen stehen unter Neonlicht Paletten mit Warenkartons, in den Hochregalen stapeln sich Konserven und Gläser mit Lebensmitteln. So hatte es seinerzeit auch bei Aldi ausgesehen.

An diesem Dienstag (29. Januar) soll die erste Filiale des russischen Discounters Torgservis in Leipzig eröffnen - ausgerechnet in einer alten Aldi-Filiale am nördliche Rand der Messestadt. Erstmals versucht damit ein russischer Discounter auf dem extrem hart umkämpften Einzelhandelsmarkt für Lebensmittel Fuß zu fassen.

Beim Blick durch die Fensterscheibe auf die knapp 1000 Quadratmeter große Verkaufsfläche wird die puristische Einrichtung des Marktes deutlich. Hier werden Obst und Gemüse nicht unter schmeichelndem Licht angeboten. Der Kunde greift die Ware direkt von der Palette ab. Auch die Einkaufswagen sind gebraucht. Günstig soll es eben sein.

Ware direkt von der Palette, Einkaufswagen gebraucht

"Wir arbeiten nach dem Motto 'Jeden Tag nur Tiefstpreise' heißt es auf der Internetseite der deutschen Tochter von Torgservis, TS-Markt. Lebensmittel machen demnach 70 Prozent des Sortiments aus. Der Rest ist Tierbedarf Haushaltswaren, Drogerieartikel und Bekleidung.

Das 2009 gegründete Unternehmen, das nach eigene Angaben in Osteuropa und Asien 928 Filialen betreibt, gibt sich sehr diskret. Auf Nachfrage werden keine Angaben zur Strategie und den Ausbauplänen gemacht. Der Eigentümer "mag keine übermäßige Werbung", heißt es kurz und knapp.

Die Kette gehört laut "Süddeutsche Zeitung"  mehrheitlich der Unternehmerin Valentina Shnayder, die den Discounter auch gegründet hatte. Die rund 800 Filialen in Russland sollen umgerechnet 1,3 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Andere sind aber auch hier viel größer: Sie heißen "Magnit" oder "X5 Retail". Letzterer macht den deutschen Discountern in einzelnen Länder Osteuropas das Leben schwer. Laut "Lebensmittelzeitung" sei X5 mit einem Jahresumsatz von knapp 18 Milliarden Euro bereits der drittgrößte Discounter in Europa.

Torgservis auch in Russland keine große Nummer

Das in Deutschland als "TS Markt GmbH" firmierende Unternehmen will nach eigenen Angaben neue Märkte in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Berlin eröffnen, berichtete bereits zu Monatsbeginn die "Mitteldeutsche Zeitung" .

Die neuen Märkte sollen vornehmlich in Ortslage oder in der Nähe von Industriegebieten mit guter Anbindung und behindertengerechtem Zugang. Die Böden sollen eben, flach, staubdicht, waschbar, und belastbar bis zu drei Tonnen pro Quadratmeter sein.

Zweifel an einem deutschen Markt für Ultra-Billig-Angebote

Für den Marketingexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf ist es kein Zufall, dass die erste Filiale des russischen Discounters in Ostdeutschland eröffnet. "Ich glaube, dass es eine Kundschaft in manchen Regionen Deutschland für einen solchen Discouter gibt." Die Kaufkraft sei in Ostdeutschland teils geringer und es gebe mehr günstige Flächen als im Süden oder Westen Deutschlands. Auch über die wenig anmutende Ausstattung werde der Kunde hinwegsehen, wenn die Preise günstiger sind, ist Fasnacht überzeugt.

Um als Discounter in dieser Branche erfolgreich zu sein, brauche man aber Masse, viele Filialen und eine große Nachfrage, um auch mit den Herstellern über niedrige Preise zu verhandeln. "Selbst 100 Filialen reichen nicht aus, um erfolgreich sein zu können", sagt der Experte. Die Süddeutsche Zeitung will erfahren haben, dass die TS-Markt GmbH bis zu 100 Filialen in Ost- und Norddeutschland plane.

Geringere Kaufkraft und günstigere Flächen sprechen für Ostdeutschland

Es ist nicht der erste Anlauf eines ausländischen Einzelhändlers den anspruchsvollen deutschen Markt zu erobern. Nicht nur der US-Konzern Wal-Mart hat bei dem Versuch in Deutschland ein Debakel erlebt. Auch die französische Intermarché-Gruppe zog 2006 einen Schlussstrich unter ihr verlustreiches Deutschland-Engagement und verkaufte die Handelskette Spar an Edeka.

Ob es einen ausreichenden Markt für Ultra-Billig-Angebote in Deutschland gibt, ist durchaus zweifelhaft. Real ist jedenfalls mit dem Versuch gescheitert, eine Billigmarke "Ohne Schnickschnack. Ohne teuer" einzuführen, deren erklärtes Ziel es war, die etablierten Discounter preislich zu unterbieten.

Das Unternehmen hatte damals argumentiert, die Discounter hätten ihre Qualität immer weiter nach oben geschraubt, so dass darunter wieder Raum sei. Doch funktioniert hat es offenbar nicht. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt still und leise eingestellt.

Wal-Mart und Intermarché gaben bereits auf

Ob es nun dem russischen Discounter Torgservis gelingt, bleibt abzuwarten. "Ich gehe davon aus, dass Aldi und Lidl den Start beobachten", sagt Matthias Queck von Retailytics, der Analystengruppe der "Lebensmittel Zeitung". Die Branchenriesen könnten akzeptieren, wenn der Konkurrent günstiger bei geringerer Qualität wäre. "Wird aber jemand günstiger bei vergleichbarer Qualität, werden die Marktführer vehement zurückschlagen", ist Queck überzeugt.

Zum Start sucht das russische Unternehmen noch Mitarbeiter für seine Leipziger Filiale. So hängt an der Fensterfront ein Zettel auf dem Verkäufer/innen für die Kasse sowie die Regalpflege und das Einräumen der Ware gesucht werden. Gleichzeitig wird auf der Homepage des Unternehmens ein Leiter für eine weitere Filiale in Zwickau gesucht. Das Unternehmen beantwortet entsprechende Anfragen aber nicht.

rei/dpa
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