Corona-Ausbruch lässt Schlachterfehde weiter eskalieren Robert Tönnies fordert seinen Onkel zum sofortigen Rücktritt auf

Clemens (l) und Robert Tönnies: Onkel und Neffe liegen seit Jahren im Clinch

Clemens (l) und Robert Tönnies: Onkel und Neffe liegen seit Jahren im Clinch

Foto: Bernd Thissen / DPA

Der Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Schlachthof Tönnies lässt den seit Jahren schwelenden Gesellschafterstreit eskalieren. Mitgesellschafter Robert Tönnies fordert seinen Onkel Clemens Tönnies, die übrige Geschäftsführung und den unter anderem mit dem ehemaligen Siemens-Vorstand und designierten BDI-Präsidenten Siegfried Russwurm prominent besetzten Beirat zum sofortigen Rücktritt auf.

"Aufgrund dieses unverantwortlichen Handelns und der Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung fordere ich die Geschäftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder auf, die notwendigen Konsequenzen aus ihrem Tun zu ziehen und geschlossen von Ihren Ämtern zurückzutreten", schreibt Tönnies in einem Brief an die Geschäftsführung des Konzerns. Weiter heißt es in dem Brief, der manager magazin vorliegt: "Die Führung des Unternehmens muss so schnell wie möglich einem erfahrenen und verantwortungsbewussten Krisenmanagement übertragen werden."

Robert Tönnies will Gesellschafter einberufen

Clemens Tönnies Sohn Max Tönnies soll die Arbeit in der Geschäftsführung übernehmen. Außerdem fordert Robert Tönnies die Einberufung einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung.

Nach dem Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies hatte Robert Tönnies bereits zuvor den Rücktritt seines Onkels aus der Geschäftsleitung gefordert. Er warf in einem Schreiben vom 17. Juni der Geschäftsleitung und dem Beirat des Konzerns unverantwortliches Handeln sowie die Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung vor.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass es unter den Mitarbeitern des Schlachtbetriebs in Ostwestfalen zu einem Ausbruch mit einer Vielzahl von Corona-Infizierten gekommen ist. Nach der Ursache wird noch gesucht. Der Kreis Gütersloh ordnete Quarantäne für die Betroffenen an und schloss bis zu den Sommerferien als Vorsichtsmaßnahme Schulen und Kindergärten.

Robert Tönnies hält wie sein Onkel Clemens die Hälfte an dem Unternehmen. Seit Jahren streiten sich die beiden um die Führung und Ausrichtung des Konzerns. Robert, Sohn des verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, wirft der Geschäftsleitung und dem kontrollierenden Beirat vor, seit 2017 geltende Unternehmensleitsätze zur Abschaffung von Werkverträgen nicht umzusetzen

In dem Tönnies-Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück wurde am Mittwoch ein neuer Corona-Ausbruch bekannt. Inzwischen sind 657 der 2500 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden. Die Produktion wurde vorübergehend eingestellt, der Kreis Gütersloh hat bis zu den Sommerferien Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. 7000 Menschen wurden unter Quarantäne gestellt. Erboste Eltern rufen für heute zu einem Protest gegen die Führung des Konzerns auf.

Robert Tönnies gehört die Hälfte an dem mit rund sieben Milliarden Euro Umsatz größten Schweine-Schlachthof Deutschlands. Seit Jahren liegt er mit seinem Onkel Clemens Tönnies (64) im Clinch. Zu den Streitpunkten gehört eine Kreditlinie des Konzerns über 25 Millionen Euro, über die Clemens Tönnies "für sein Hobby Schalke 04" frei verfüge; ebenso die angebliche Weigerung des Onkels, mehr Geld für einen besseren Umgang mit den Schlachttieren auszugeben und weniger Mitarbeiter per Werkvertrag zu beschäftigen. Die in der Vergangenheit gestiegene öffentliche Kritik am gemeinsamen Unternehmen könnte seine Argumentation im Familienstreit nun stützen.

Robert Tönnies fordert Abschaffung der Werkverträge

Robert Tönnies fordert das Unternehmen schon lange dazu auf, keine Mitarbeiter mehr über Werkverträge zu beschäftigen. Das Personal in Schlachthöfen wird zumeist über Arbeitsvermittler aus Osteuropa angeworben. Die Arbeitskräfte wohnen teils auf engstem Raum in Wohnheimen, was eine erhöhte Ansteckungsgefahr zur Folge hat

"Die neuen Unternehmensleitsätze von 2017, die die Abschaffung der Werkverträge vorsehen, meine diversen Vorstoße dazu, wurden von Geschäftsführung und Beirat stets ignoriert und abgeblockt", behauptet Tönnies in dem Brief. "Dass sich aus dem überholten System der Werkvertrage aufgrund seiner Struktur und seiner fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz unberechenbare Risiken ergeben, wurde immer wieder bestritten."


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Das Unternehmen selbst nennt die Rückkehr von Arbeitern nach Heimaturlauben als mutmaßlichen Grund für den Ausbruch. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für eine Reise genutzt. Außerdem beförderten offenbar gekühlte Räume das Übertragen des Virus auf viele Personen, so Tönnies-Vertreter Gereon Schulze Althoff. "Wir können uns nur entschuldigen", sagte Tönnies-Sprecher Andre Vielstädte. Man habe "intensiv" daran gearbeitet, das Virus "aus dem Betrieb zu halten".

mm, mg mit Material von dpa