Sonntag, 17. November 2019

Warum Vorwerk digitaler Vorreiter und Dinosaurier zugleich ist Das Thermomix-Dilemma

Thermomix: Ein Schnellkochtopf als digitaler Alleskönner - und doch Dinosaurier zugleich
Rolf Vennenbernd/ DPA
Thermomix: Ein Schnellkochtopf als digitaler Alleskönner - und doch Dinosaurier zugleich

Wenn es ein Produkt gibt, von dem man bislang dachte, es sei ein Vorreiter der Digitalisierung, dann war es der Thermomix von Vorwerk. Ein Schnellkochtopf mit Internetanschluss, mit eigener App und Online-Rezeptwelt: So macht man Alltagsprodukte smart. Kinderleichtes Zubereiten nach Anleitung, der Thermomix war so etwas wie die YouTubisierung des Kochens, ein IT-Produkt, ein Must-have für viele Besitzer gehobener Einbauküchen.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Und trotzdem ist der digitale Vorreiter zugleich auch ein digitaler Dinosaurier: Denn das Vertriebsmodell des Thermomix ist im Zeitalter der Avon-Beraterin stehen geblieben. Es wirkt wie der letzte Gletscher in Grönland, der sich beharrlich gegen die Klimaerwärmung wehrt. Wie ein Dieselmotor, der immer weiter vom Band läuft, als gäbe es keine E-Autos und neue Mobilitätskonzepte. Oder wie eine Vinyl-Schallplatte, die über den Ladentisch gereicht wird, während rings herum Musik nur noch gestreamt wird. Ein digitales Gerät, das mit analogen Methoden verkauft wird, wirkt wie ein trotziger Dinosaurier, der angriffslustig durch die Steppe stapft und den kleinen, wendigen Säugetieren zuruft: "Ich bin viel stärker als ihr!"

Und nun das: Vorwerk hat bestätigt, dass der Thermomix demnächst nicht mehr in Deutschland produziert wird. Die Nachfrage in Europa geht zurück, günstigere Nachahmerprodukte erschweren das Geschäft, zuletzt hatte das Unternehmen sogar noch den Unmut der eigenen Fans auf sich gezogen, weil es ihnen veraltete Modelle andrehte, obwohl es neuer, leistungsfähigerer Nachfolger längst bereit stand.

Einen Thermomix kaufen? Gar nicht so einfach!

Der Thermomix droht an seinem eigenen Erfolg zugrunde zu gehen - und an einer Vertriebsstrategie, die in den 1970er Jahren stehen geblieben ist. Auf der Webseite bewirbt Vorwerk den schlauen Kochhelfer mit den Worten "Zeit, sich in den Thermomix TM6 zu verlieben". Wer noch nicht ganz verliebt ist, findet auf einem eigenen YouTube-Kanal alles, um aus anfänglicher Verliebtheit eine Liebe fürs Leben zu machen. Doch dann - kaum ist der Kunden ernsthaft verliebt - beginnt das Problem.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als es plötzlich um meine Frau geschehen war: "Schatz, ich bestell uns den online." Eine halbe Stunde später: "Das habe ich noch nie gesehen. Den gibt es nicht online." Verständnislosigkeit. Auf zum Vorwerk-Geschäft in der Stadt. Dort stand er, wie ein kleines Heiligtum. Der Familienrat beschloss: "Na gut, dann schleppen wir das Ding eben nach Hause." Und zum Verkäufer gerichtet: "Den hätten wir gerne." Die Antwort: "Das geht nicht."

"Wie? Ich zahle jetzt und nehme ihn mit. Ganz normal."

"Den können Sie nicht einfach normal kaufen. Ich kann Ihnen die Telefonnummer einer Dame geben, die zu Ihnen nach Hause kommt und Ihnen den Thermomix vorführt."

Wie bitte?? Ein Geschäft, in dem Kunden wieder nach Hause geschickt werden? Das ist wie ein Autohaus, in dem der Verkäufer sagt: " Ich verstehe nicht, wie sie auf die Idee kommen, hier ein Auto kaufen zu wollen." Oder ein Versicherungsmakler, der Sie auslacht: "Was? Eine Hausratversicherung? Bei mir? Sie sind ein komischer Vogel!"

So ist Thermomix. Unweigerlich schaut man sich als Kunde um, ob nicht irgendwo eine versteckte Kamera steht. Und gleich taucht Guido Cantz auf und fragt: "Verstehen Sie Spaß?" Sie ahnen es: Wir sind an diesem Tag keine Thermomix-Kunden geworden.

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