Taiwan-Konflikt "Eskalation mit China wäre für europäische Unternehmen der Gau"

Der Besuch der US-Politikern Nancy Pelosi in Taiwan erhöht die Spannungen zwischen China und den USA. Sollte sich der Konflikt zuspitzen, dürfte das fatale Folgen für die europäische Wirtschaft haben. Besonders die Elektroindustrie wäre getroffen. Denn der wichtigste Chiphersteller der Welt kommt aus Taiwan.
Wachsender Konlikt: Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen China und den USA hat durch den Besuch Nancy Pelosis in Taiwans Parlament einen weiteren Tiefpunkt erreicht

Wachsender Konlikt: Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen China und den USA hat durch den Besuch Nancy Pelosis in Taiwans Parlament einen weiteren Tiefpunkt erreicht

Foto: IMAGO/Makoto Lin/Taiwan Presidential / IMAGO/ZUMA Wire

Wie ist die politische Situation?

Der demokratische Inselstaat Taiwan mit knapp 25 Millionen Einwohnern strebt nach Unabhängigkeit von China. Dessen Staatspräsident Xi Jinping (69) nennt Taiwan allerdings eine "abtrünnige Provinz" und möchte das Land als Teil der Volksrepublik an China anschließen. Aufgeheizt wurde der Konflikt nun durch die Reise der Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi (82) – der erste hochrangige Besuch aus den USA seit 1997. Offiziell halten die USA ebenso wie Deutschland keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat Taiwan?

Taiwan stellt hochwertige Halbleiter her, etwa zwei Drittel aller weltweit benötigten Mikrochips kommen aus dem Inselstaat, überwiegend produziert von dem Unternehmen "Taiwan Semiconductor Manufacturing Company" (TSMC). Nicht nur mit einem Marktanteil von 53 Prozent ist TSMC weltweit führend, auch technologisch liegt der Konzern an der Spitze. Würde China Taiwan militärisch angreifen oder auch nur die Handelswege beschneiden, dürfte das massive Auswirkungen für die Wertschöpfungsnetzwerke rund um die High-Tech-Industrie haben. Und sollte der Westen daraufhin China mit Sanktionen belegen, kämen die meisten globalen Lieferketten komplett zum Erliegen.

Welche Gefahren drohen der deutschen Wirtschaft, sollte es zu politischen Spannungen mit China kommen?

Der Anteil Chinas an der globalen Elektroproduktion liegt bei einem Volumen von 2337 Milliarden Euro im Jahr 2020 bei mehr als 50 Prozent. "China ist der größte Elektromarkt der Welt – das kann man nicht ignorieren, auch wenn sich politische Rahmenbedingen verändern. Der Preis für eine komplette Entkoppelung von China wäre gigantisch hoch, denn diesen Markt wird man so schnell nicht ersetzen können", so Oliver Blank, Leiter Global Affairs beim ZVEI-Verband der Elektro- und Digitalindustrie, gegenüber manager magazin. "Der Markt in China wächst Jahr für Jahr, auch unsere Exporte nach China haben zugenommen. Allerdings sind die Direktinvestitionen der Elektro- und Digitalindustrie in den vergangenen zwei Jahren zurückgegangen", so der China-Experte, "das spricht dafür, dass unsere global aufgestellten Unternehmen sich genau anschauen, wo sie was produzieren und wo es möglicherweise Alternativen gibt.

Welche weiteren Entwicklungen gibt es hier?

"Viele deutsche Unternehmen aus der Elektro- und Digitalindustrie sind schon seit Jahrzehnten in China tätig, große Konzerne, aber auch mittelständische Unternehmen aus der Automatisierung", sagt Blank, "durch gewachsene Wirtschaftskontakte konnten auch schwierige Themen angesprochen und Lösungen gefunden werden." Im Spannungsfeld zwischen Deutschland und China seien neben den Menschenrechten im Zuge der Digitalisierung jedoch auch neue Themen hochgekommen, vor allem im Umgang mit Daten und im Bereich der Cybersicherheit. Zwei Entwicklungen sorgten zuletzt für Probleme: "Die chinesische Regierung versucht sehr aktiv, den sogenannten innerchinesischen Wirtschaftskreislauf zu stärken", berichtet Blank. Hinzu kommt die Null-Covid-Strategie mit den harten Lockdowns wie in Shanghai:  "Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Zahl der Expats stark zurückgegangen ist."

Gibt es Alternativen zur engen wirtschaftlichen Verflechtung mit China?

"Wir haben viele Dinge auch selbst in der Hand", sagt Blank und fordert, dass Deutschland eingebettet in einem Kontext mit der Europäischen Union gegenüber China agieren sollte. "Wichtig ist es, unseren Binnenmarkt zu stärken und die Dinge hier zusammenzuführen. Unsere innovativen Unternehmen können durchaus selbstbewusst gegenüber ihren chinesischen Wettbewerbern auftreten."

Wie sieht der zeitliche Horizont für solche Veränderungen aus?

Es stehen sicherlich viele Entwicklungen an, die allerdings Jahre dauern können. "Wir sollten etwa prüfen, welche Rohstoffe und Materialen wir in den kommenden Jahrzehnten benötigen und wie wir diese auch alternativ auf anderen Märkten besorgen können, um nicht zu sehr in der Abhängigkeit eines Landes zu verharren", sagt Blank und fordert: "Ein geeignetes Mittel dafür sind Freihandelsabkommen, die wieder verstärkt auf die Tagesordnung gehören."

Wie reagieren die deutschen Unternehmen in China?

Die meisten in China investierten Unternehmen beschäftigen sich ernsthaft mit der Situation. Laut Blank sehen sie vor allem zwei Dinge mit Sorge: zum einen die Entwicklung in China selbst, aber auch, wie China und die USA sich gerade begegnen. "Eine Eskalation des Taiwan-Konflikts wäre auch für europäische Unternehmen der Mega-Gau", warnt Blank, "in der aktuell angespannten Situation darf es nicht zu einer weiteren Zuspitzung kommt. Die Politik muss jetzt deeskalieren."

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