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Neuer französischer Konsum-Patriotismus: Die Geschichte von Le Slip Français

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Fußball-EM: der neue Konsum-Patriotismus in Frankreich Liberté, Egalité, Unterhosé

Knallenge Unterhosen, zu hundert Prozent in Frankreich hergestellt: Die Slips der Marke "Le Slip Français" erobern gerade die Grande Nation. Denn die Franzosen haben trotz der Wirtschaftskrise ihren Humor nicht verloren - und entdecken im Jahr der Fußball-EM den Patriotismus.
Von Till Daldrup

Pariser Cafés waren schon immer ein Hort der Ideen: Sartre entwickelte hier seinen Existenzialismus, André Breton den Surrealismus - und der junge Unternehmer Guillaume Gibault die Idee zu seinem Label für knallenge Herrenschlüpfer. Ein Comeback des unmodischen Slips, und das in der Modehauptstadt Paris.

Bei einem Bier schließt Gibault mit einem Freund eine Wette ab: Er will den klassischen Männerslip wieder zum Verkaufsschlager machen, zu hundert Prozent in Frankreich hergestellt und in den Grundfarben der Tricolore. Knallenge Schlüpfer in einem von Boxershorts dominierten Markt? "Wer bitteschön soll deine Unterhosen denn kaufen?", fragt sein Freund und schlägt ein. Gibault aber ist überzeugt, auch wenn er selbst keine Ahnung von der Modebranche hat - und bietet ihm sogar noch an, Teilhaber des Unternehmens zu werden, aber vergeblich.

Das war im Jahr 2011. Heute gilt Gibaults Firma "Le Slip Français" als Paradebeispiel für junges französisches Unternehmertum: In den vergangenen vier Jahren hat die Firma ihren Umsatz jedes Jahr mehr als verdoppelt, 2016 will Gibault Kleidungsstücke im Wert von sieben Millionen Euro verkaufen. Und das Wachstum soll weitergehen, eine legendäre Modemarke dient als Vorbild: "Wir wollen das nächste Lacoste werden", sagt der 30-Jährige. Er gründete sein Unternehmen mitten in der Wirtschaftskrise und vermarktet ein aus der Mode gekommenes Produkt - wahrscheinlich fragt sich nicht nur Gibaults Freund, wie aus "Le Slip Français" eine Erfolgsstory werden konnte.

Eine Formel lautet: "L'achat patriotique". Diese Losung zum patriotischen Einkauf gab der damalige Industrieminister Arnaud Montebourg der Sozialistischen Partei (PS) im Jahr 2012 aus, als er sich für eine Pariser Illustrierte im gestreiften bretonischen Fischerhemd fotografieren ließ. Sein Appell: Franzosen, kauft bei Franzosen!

Es ist ein PR-Manöver, Populismus, doch der Aufruf zeigt Wirkung: Seitdem räumen viele Supermärkte wie zum Beispiel Carrefour Regale für französische Produkte frei, Unterhaltungsshows im Fernsehen widmen dem französischen Handwerk Sonderrubriken, zeigen in der Normandie hergestellte Pinsel und Pfeifen aus dem Jura. Heimische Produkte zu kaufen, wird in den Medien zur "Bürgerpflicht" erklärt. Gibault schwimmt mit seinen Unterhosen in den Nationalfarben auf dieser Welle mit - dabei hat er zunächst keinen blassen Schimmer von seinem neuen Metier.

Seine Fabrik findet Gibault via Google

Zwar hat er die renommierte Managementschule HEC in Paris absolviert und einige Zeit bei General Electric und einer Bio-Supermarktkette gearbeitet. Doch von Stoffen, Mustern und Schnitten hat er ebenso wenig Ahnung wie von Nähten, Bünden und Marktpreisen. Alles was er hat, sind zwanzig verschiedene Marken-Unterhosen auf dem Beifahrersitz, als er sich vor fünf Jahren mit einem Mietwagen in die tiefste französische Provinz aufmacht: Saint-Antoine-Cumond in der Dordogne. Ein 400-Seelen-Ort mit einer Textilfabrik, die Gibault bei Google gefunden hat - wer "Textilfabrik Unterwäsche Frankreich" auf Französisch eingibt, findet sie auf der ersten Seite.

Der Betreiber ist verdutzt von dem jungen Hauptstädter, der mit allerhand Unterhosen vor seiner Nase herumwedelt und erklärt, was ihm an den Slips von Lacoste und Calvin Klein gefällt und was nicht - und wie die perfekte Unterhose auszusehen habe. "Er hat sich schließlich darauf eingelassen", sagt Gibault. "Ich glaube, er dachte: 'Der kommt von einer der besten Managementschulen des Landes, der wird schon wissen, was er tut.'"

So entsteht die erste Kollektion: vier Modelle, einfarbig und benannt nach Militär-U-Booten ("der Vernichter", "der Kühne", "der Schreckliche", "der Feurige"). Stoffe, Bund, Etikett: All das wird in Frankreich hergestellt und in der in der Dordogne zusammengenäht.

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Gibault investiert 10.000 Euro, seine gesamten Ersparnisse, die Slips verkauft er über einen selbstgebastelten Online-Shop. Seine heimisch produzierten Schlüpfer passen zum ökonomischen Patriotismus der Franzosen: Schon nach wenigen Wochen ist die erste kleine Auflage ausverkauft, obwohl die Slips knapp 30 Euro pro Stück kosten - so viel geben französische Männer normalerweise im Jahr für ihre Unterwäsche aus.

Doch klar wurde auch: Wenn seine Firma weiter gegen den Trend zu Boxershorts wachsen will, braucht Gibault mehr als Vaterlandsliebe: Er braucht Aufmerksamkeit. Die verschafft sich Gibault mit einer verblüffend simplen Kampagne: Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2012 postet er auf Facebook amateurhaft retuschierte Parodien von Werbeplakaten. Ein ernst dreinblickender François Hollande verkündet: "Der Unterhosenwechsel ist jetzt", sein Gegenkandidat Nicolas Sarkozy propagiert das "starke Frankreich im Slip". Über Scherze lässt sich bekanntlich nicht streiten. Alle großen französischen Zeitungen und Fernsehsender berichten über das kleine Startup mit den Schlüpfern und Gibault hat sein Markenzeichen gefunden: den Humor.

Wie Gibault mit seinen Slips die Welt erobern will

Gibaults Ideenschmiede ist eine kleine Kaffeeküche im neunten Arrondissement von Paris. Hier spielt er sich mit seinen Mitarbeitern die Bälle zu, entwickelt wöchentlich neue Ideen für Produkte und Kampagnen: So schickt er beispielsweise Francis, einen halb nackten Botschafter, um die Welt. Der bärtige Werbeträger präsentiert die engen Slips in immergleicher Pose vor dem Zuckerhut, der Akropolis und dem Eiffelturm.

2013 entwickelt Gibault "den Slip, der gut riecht" mit Birnen-Moschus-Duft. Im vergangenen Jahr designt er zusammen mit Modelegende Jean-Paul Gaultier eine Wintermütze für eine landesweite Wohltätigkeitsveranstaltung - das Motto: "Schüttel' deine Bommel". All das soll zum Markenimage passen: Das lustige, kleine Schlüpferlabel für den jungen Großstädter, der sich nicht zu ernst nimmt.

Dabei ist "Le Slip Français" längst nicht mehr die Firma von nebenan: Aus dem Ein-Mann-Unternehmen ist eine Firma mit rund 40 Mitarbeitern geworden, die neben Slips mittlerweile auch Schuhe, Hemden, Socken und Accessoires verkauft. Für seine Kollektionen arbeitet "Le Slip Français" mit französischen Traditionsbetrieben wie Aigle und Saint James zusammen, die Produkte verkauft das Unternehmen inzwischen nicht nur über das Internet sondern auch in Kaufhäusern und eigenen Boutiquen in Paris und Hong Kong. "Wir versuchen trotzdem, unseren Startup-Spirit zu erhalten", sagt Gibault.

Der französische Markt ist ihm mittlerweile zu klein geworden. Für die Expansion nach Asien hat er im vergangenen Jahr zwei Millionen Euro an Kapital von einer Risikokapitalfirma eingesammelt, in drei Jahren wolle er die Hälfte seines Umsatzes im Ausland erwirtschaften, sagt er. Ob Gibaults Patriotismus und Humor in China und Japan ebenso gut ankommen wie in Frankreich, ist fraglich. Er macht sich da aber keine Sorgen. "Hautenge Unterhosen", sagt er, "sind doch überall auf der Welt lustig."

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