6 Fragen und Antworten zu Deutschlands neuen Rollgeräten Was Sie zur E-Scooter-Welle wissen sollten

E-Tretrollerfahrer in Los Angeles: So ähnlich dürfte das auch bald in deutschen Städten aussehen

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Auf Deutschland rollt etwas zu - im wahrsten Sinne des Wortes: Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will in den kommenden Wochen die Nutzung von elektrischen Tretrollern bundesweit erlauben. Die Gefährte eignen sich besonders gut für kürzere Strecken in Städten - sie sollen neue Mobilitätsangebote etwa von einer Bushaltestelle weiter nach Hause oder ins Büro ermöglichen. Die Tretroller sind einfach zu nutzen und bieten eine Menge Fahrspaß, sind aber aus vielen Gründen umstritten.

Zahlreiche Anbieter erhoffen sich dennoch ein Milliardengeschäft: Denn der Kurzzeit-Verleih der mit E-Antrieb gepimpten Tretroller verspricht lukrative Umsätze. Ein gutes Dutzend Sharing-Anbieter steht bereits in den Startlöchern. Was Sie zum Mikromobilitäts-Hype rund um die Tretroller nun wissen sollten.

Wann geht es wirklich los?

Laut Scheuer sollen die kleinen Elektro-Tretroller noch im Sommer bundesweit starten können. Der Bundesrat hat für die geplante Verordnung der Bundesregierung grünes Licht gegeben - allerdings mit Änderungen, die die Bundesregierung noch umsetzen muss (Details dazu auf der kommenden Seite). Deshalb wird sich die bundesweite Erlaubnis für die kleinen Flitzer noch etwas hinziehen, bis die Scooterverleih-Start-ups in einigen Wochen ihr Geschäft mit dem E-Tretroller-Sharing starten können.


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Bis dahin dürfen sie ihre Kickroller mit E-Antrieb auf nicht-öffentlichen Geländen oder nur mit Sondergenehmigung anbieten. Das tun die ersten Anbieter bereits: Der von BMW und Daimler gestartete E-Scooter-Anbieter hive vermietet seit April in einem Pilotprojekt Tretroller an die Mitarbeiter des Hamburger Forschungszentrums DESY, die damit auf dem Gelände herumkurven können. Movelo hat ein Scooter-Sharing in einem Münchner Wohnquartier gestartet. Der US-Scooterriese Bird hat eine Sondergenehmigung der Stadt Bamberg erhalten, um seine Roller im Stadtgebiet zu testen - bisher sind aber nur 15 Stück im Verleih.

Was wird erlaubt sein?

Bundesbürger schimpfen zwar gerne über die Regelungswut der EU. Doch auch die bundesdeutschen Beamten haben das gut drauf: Satte 50 Seiten soll jener Referentenentwurf umfassen, der die Regeln für die Elektro-Tretroller im Straßenverkehr festlegt. Laut dem Beschluss im Bundesrat dürfen die E-Roller nur auf Radwegen benutzt werden. Auf Gehwegen darf künftig also nicht mit den E-Tretrollern gefahren werden, um Fußgänger nicht zu gefährden. Gibt es keinen Radweg, müssen die E-Mobilisten auf die Straße ausweichen.

Nach derzeitigem Stand müssen E-Tretroller über eine Lenk- und Haltstange verfügen, auch zwei unabhängig voneinander funktionierenden Bremsen für Vorder- und Hinterrad sowie eine Klingel sind vorgeschrieben. Wie bei Fahrrädern sind auch Vorder- und Rücklicht sowie Reflektoren Pflicht. Zugelassen werden sollen nur E-Tretroller, die höchsten 20 km/h schnell fahren können. Zudem wird die Rollernutzung generell erst ab 14 Jahren erlaubt sein, wie der Bundesrat nun festlegte.

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Eine Helmpflicht wird es nicht geben, obwohl Experten das Tragen eines solchen Kopfschutzes beim Fahren dringend empfehlen. Anders als Fahrräder sollen die E-Scooter versicherungspflichtig sein, die Plakette muss am Roller angebracht sein. Wer sich privat einen E-Tretroller zulegt, muss mit Versicherungskosten zwischen 35 bis 40 Euro pro Jahr rechnen.

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Fast alle Experten sagen der sogenannten Mikromobilität eine rosige Zukunft voraus. Dazu zählen neben dem Verleih von E-Tretrollern auch E-Bike- und Elektroroller-Angebote. Alleine in Europa lassen sich mit solchen Angeboten bis 2030 bis zu 150 Milliarden Dollar umsetzen, zeigt eine Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey. Der Markt, so meinen die Berater, wird sehr schnell an Fahrt gewinnen - er soll zwei- bis dreimal so schnell wachsen wie Carsharing oder sogenannte E-Hailing-Dienste, also etwa Apps für Fahrdienste wie Uber, MyTaxi oder auch das VW-Mobilitätsangebot Moia. Der Vorteil der E-Tretroller ist, dass sie in der Anschaffung billig sind: Rund 400 Dollar kostet ein E-Tretroller einen Sharing-Anbieter. Damit, so meint McKinsey, könnte man schon nach gut drei Monaten die Gewinnzone erreichen. Andere Berater sind bei ihren Zahlen vorsichtiger, gehen aber ebenfalls von Milliardenumsätzen aus: Die McKinsey-Konkurrenz Boston Consulting Group (BCG) schätzt das Marktpotenzial in Europa im Jahr 2024 auf 12 bis 15 Milliarden Dollar.

Die Deutschen können einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom den zweirädrigen Minigefährten offenbar etwas abgewinnen: Zwei Drittel der 16-64 jährigen Bundesbürger meinen, dass E-Scooter eine gute Ergänzung für den Verkehr seien. Rund 50 Prozent halten die Elektro-Tretroller für einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz. Jeder vierte Deutsche, so zeigt eine Umfrage des Vergleichsportals Verivox, plant die Anschaffung eines solchen Gefährts.

Und auch an Leih-Scootern dürfte es in deutschen Großstädten kaum mangeln: München rechnet mit bis zu 10.000 E-Scootern, in Frankfurt könnten es zwischen 5000 und 10.000 werden. Nach aktuellem Stand dürfte die "Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr" keine Beschränkung in puncto Stückzahlen enthalten - die Sharing-Anbieter können wohl so viele Roller aufstellen, wie sie wollen.

Was monieren Kritiker?

Unter Verkehrsexperten und Umweltschützern sind die E-Tretroller umstritten. So weisen etwa Ärzte auf eine deutlich höheren Verletzungsrisiko hin. "Im Stadtverkehr sind E-Scooter hochgefährlich - auch weil sich andere Verkehrsteilnehmer nur extrem schwer darauf einstellen können," meint der Leiter der Sektion Prävention der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGU), Christopher Spering. Die Trittbretter der Roller seien tief, so dass sich bei Stürzen der Fuß schnell darunter verfangen könne.

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Der Fahrrad-Club ADFC in Bayern mahnte, in Städten wie San Francisco, Paris oder Madrid habe man schlechte Erfahrungen gemacht, es gebe mehr Unfälle und Beschwerden über herumliegende Leih-Roller. Und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warnte jüngst vor Nachteilen für Fahrradfahrer bei einer Zulassung von E-Rollern: "Wir laufen Gefahr, dass auch auf Radwegen der motorisierte den nichtmotorisierten Verkehr verdrängt", sagte BUND-Verkehrsexperte Jens Hilgenberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Freitag). In europäischen Städten würden Leih-Roller nach drei Monaten ausgetauscht und verschrottet. "Hier besteht nicht nur die Gefahr, dass Innenstädte mit abgewrackten E-Scootern zumüllen. Es würden auch problematische Rohstoffe wie Lithium und Aluminium verschwendet", sagte Hilgenberg.

Welche Erfahrungen gibt es in den USA?

Bei vielen, vor allem jüngeren Amerikanern kommen die Scooter gut an - wohl auch, weil sie ein günstiges Fahrvergnügen in Innenstädten bieten. Bei den meisten Anbietern kostet eine E-Tretrollerfahrt 1 Dollar Grundgebühr plus 15 Cent je genutzter Minute; mieten lassen sich die Gefährte ganz bequem via App. Kein Wunder, dass Tretroller-Verleiher wie Bird oder Lime mittlerweile Milliardenbewertungen bei Finanzierungsrunden erzielen.

Zuletzt hat sich der Scooter-Hype allerdings schon deutlich abgekühlt - denn zahlreiche Kommunen stießen im Verleih-Alltag auf ungewohnte Probleme. Teils wurden die Scooter ohne Genehmigung auf den Straßen verteilt. Nutzer stellten die Tretroller teils achtlos am Straßenrand und verstopften so Gehwege, Fußgänger beschwerten sich, teils waren die Roller heftigen Vandalismus-Attacken ausgesetzt.

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Die US-Metropole San Francisco hat deshalb den E-Tretrollerverleih strikt reglementiert und nur zwei Verleihfirmen mit einer maximalen Zahl von 1250 Rollern zugelassen. In der kalifornischen Stadt müssen die Rollerfahrer auf Radwegen oder Straßen fahren, Gehwege sind für sie tabu. Und längst nicht alle großen US-Städte sind vom E-Scooter-Fieber erfasst. So ist die Nutzung von E-Tretrollern in New York City nach wie vor verboten. Im benachbarten New Jersey sind sie hingegen seit kurzem erlaubt.

Und wie lief der Roller-Start in europäischen Metropolen?

In einigen europäischen Städten gehören die Tretroller bereits zum Alltag - etwa in Kopenhagen, Antwerpen, Malmö, oder Wien. Die spanische Hauptstadt Madrid hat die Rollernutzung aber eine Zeitlang verboten, nachdem eine Fußgängerin bei einer Kollision mit einem Scooter getötet wurde.

In Paris hat die erste E-Scooter-Welle für Aufregung gesorgt, weshalb die französische Hauptstadt den Gebrauch der Tretroller auf Gehwegen verboten hat. Wer sich nicht daran hält, zahlt 135 Euro Strafe. "Wildparken" wird mit 35 Euro geahndet. Ab Herbst sollen zudem Roller verboten werden, die schneller als 25 km/h fahren.

Zusätzlich führt die Stadt nun strengere Regeln für die Benutzung der Gefährte ein - bislang stehen in Paris rund 15.000 Scooter zur Verfügung. Vor wenigen Tagen hat die Stadt mit zehn Scooter-Verleihern einen Verhaltenskodex unterzeichnet. Darin verpflichten sich Verleiher unter anderem, das wilde Parken der Gefährte zu unterbinden, ausgediente Scooter fachgerecht zu recyclen und sie künftig mit Ökostrom zu laden.

mit Material von Reuters, dpa