Russland und Ukraine Ein Hoffnungsmarkt der Süßwarenindustrie bricht weg

Süßes in Osteuropa ist gefragt - auch in Russland und in der Ukraine. Die beiden Märkte galten als Hoffnungsträger auch der deutschen Süßwarenindustrie. Mit dem Krieg bricht das Geschäft weg, Zahlungen fallen aus.
Süßwarenkiosk in Moskau: Jeder Russe verzehrt laut Statistik derzeit rund 30 Kilo Süßwaren pro Jahr, Ukrainer kommen auf fast 45 Kilo im Schnitt

Süßwarenkiosk in Moskau: Jeder Russe verzehrt laut Statistik derzeit rund 30 Kilo Süßwaren pro Jahr, Ukrainer kommen auf fast 45 Kilo im Schnitt

Foto: Vyacheslav Prokofyev / imago images/ITAR-TASS

In Russland und der Ukraine verzehren die Menschen gern Süßes und Snacks. Der russische Markt für Süßwaren hat sich in den vergangenen zehn Jahren "sehr dynamisch entwickelt" und gehört zu den größten Märkten weltweit, sagt Hermann Bühlbecker (71). Für die deutsche Süßwarenindustrie sei Russland ein "bedeutender Absatzmarkt". Dies gelte insbesondere für den Export von Kakao- und Schokoladenprodukten. Fast 28 Prozent dieser Produkte importierte Russland aus Deutschland, sagt der Alleingesellschafter des Gebäck-Konzerns Lambertz in Aachen im Gespräch mit manager magazin .

Ob sich angesichts von Krieg und Sanktionen die Konsumgewohnheiten in Russland und der Ukraine verändern werden, ist nur schwer einzuschätzen. Folgt man Prognosen von Statistikern  vom vergangenen Herbst, dürfte der russische Lebensmittelmarkt in diesem Segment bis 2026 mit einem jährlichen Umsatzvolumen um die 29 Milliarden Euro tendenziell stagnieren. Für die Ukraine hingegen erwarten die Schätzer  einen Anstieg von rund 12,59 Milliarden Euro Umsatz im laufenden Jahr auf rund 17,29 Milliarden Euro im Jahr 2026.

Dabei dürfte – wenig überraschend - der Pro-Kopf-Verbrauch von Süßwaren (29,9 Kilogramm) und Snacks (10,7) in Russland bis zum Jahr 2026 tendenziell fallen (27,5/10,1) – im Gegensatz zu den Menschen in der Ukraine: Für sie prognostizieren Experten einen Anstieg des Süßwarenkonsums von 44,8 Kilogramm auf dann 52,2 Kilogramm pro Kopf und nur einen moderaten Anstieg bei den Snacks von 15,2 auf 17,9 Kilogramm.

Wachstumsmarkt für die westlichen Hersteller

Wie hoch der Anteil deutscher Unternehmen an diesen Märkten ist, kann der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie  (BDSI) nicht beziffern. Für die Süßwarenhersteller in Deutschland galt bis zum Kriegsausbruch nach Worten von Lambertz-Chef Bühlbecker, viele Jahre selbst BDSI-Vorstand, der russische Markt als "vielversprechender Wachstumsmarkt". Auch und gerade, weil der europäische Markt für Süßgebäcke als weitgehend gesättigt gilt.

Die Lambertz-Gruppe selbst stieg Anfang der 90-er Jahren frühzeitig in das sich öffnende Osteuropageschäft ein. Mit der Tochter Lambertz-Polonia entstand eine Produktionsstätte in Kattowitz und eine in Ruda Slaska, um von hier die osteuropäischen Märkte effektiver bearbeiten und versorgen zu können - mit einem speziell auf die Geschmacks- und Konsumgewohnheiten ausgerichteten Sortiment. Der Umsatz von Lambertz-Polonia belief sich im Bilanzjahr 2020/2021 auf knapp 50 Millionen Euro bei einem Gruppenumsatz von 656 Millionen Euro.

Weil die Menschen Lebkuchen-Produkte in Osteuropa ganzjährig verzehren, hat Lambertz als führender Hersteller von Herbst- und Weihnachtsgebäcken in den vergangenen zehn Jahren seine Marktposition gerade auch in Russland ausgebaut. Bis zum Kriegsausbruch unterhielt die Gruppe mit fast allen großen Handelsgruppen in Russland und der Ukraine geschäftliche Beziehungen. Im Jahr 2020 hatte Lambertz in Moskau ein eigenes Vertriebsbüro eröffnet. Das musste Bühlbecker jetzt schließen.

"Der Wegfall des russischen und ukrainischen Marktes ist für uns zwar schmerzlich, aber auch verkraftbar", sagt Bühlbecker dennoch. Die Geschäfte mit den übrigen osteuropäischen Märkten seien davon bislang nicht betroffen.

Unternehmen rechnen mit Zahlungsausfällen und weniger Importgütern

Angesichts des kriegerischen Konflikts werden auch die Wettbewerber wohl nicht ohne Blessuren davonkommen. So äußerten Unternehmen und Verbände im Zuge einer Webkonferenz des europäischen Dachverbandes Food-Drink-Europe die Sorge, dass mit wegbrechenden Lieferketten etwa pflanzliche Öle aus der Ukraine oder russischer Zellstoff für Verpackungen fehlen und die Preise dafür weiter in die Höhe treiben werden.

Die größte Sorge bereite den Unternehmen allerdings die Ausgrenzung Russlands vom Zahlungssystem Swift. Offene Rechnungen könnten damit nicht bezahlt werden. Auch der Gebäck-Konzern Lambertz berichtet von "erheblichen Außenständen unserer Kunden in Russland und in der Ukraine".