Lieferketten im Handel "Supermärkte sollten sich Zugriff auf die Lebensmittel sichern"

Steigende Preise, leere Regale. In Europa stocken die Lieferketten, während in Teilen der Welt eine Hungerkatastrophe droht. Der frühere Chef der Real-Supermärkte und Berater Patrick Müller-Sarmiento über die Lage im Handel.
Das Interview führte Margret Hucko
"Die Lieferketten sind eine der größten Herausforderungen": Supermarkt-Mitarbeiter füllt das Angebot

"Die Lieferketten sind eine der größten Herausforderungen": Supermarkt-Mitarbeiter füllt das Angebot

Foto: HENRY NICHOLLS / REUTERS

Der Lebensmittelhandel ist seine Welt. Von 2002 bis 2012 war Patrick Müller-Sarmiento als Unternehmensberater bei Roland Berger Kunden in dieser Branche – bevor er selbst ins operative Geschäft wechselte. Bei der Supermarktkette Real war er zunächst Vorstandsmitglied, später CEO. In dieser Rolle verkaufte er das Unternhemen an den russischen Investor SCP. Seit Anfang 2021 arbeitet er wieder für Roland Berger und ist unter anderem für das Consumer Goods & Retail-Geschäft bei der Beratungsfirma verantwortlich.

manager magazin: Herr Müller-Sarmiento, steigende Lebensmittelpreise, teils leere Regale in den Supermärkten, genervte Konsumenten. Erleben wir gerade eine Krise des globalen Lebensmittelhandels?

Patrick Müller-Sarmiento: Die Preise für die Konsumenten steigen und teilweise ist dort, wo es Nachfrage gibt, kein Angebot vorhanden. Aber es gibt keine Krise im Sinne, dass es keine Nachfrage gibt, da die Weltbevölkerung wächst und damit die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs weiter steigen wird. Bis 2050 müssen wir die Lebensmittelproduktion um 70 Prozent erhöhen. Und das heißt natürlich, dass die Produktivität entlang der Wertschöpfungsketten signifikant nach oben gehen muss.

Das klingt nach einer guten Nachricht für den Handel, genauso wie für die Bauern und die Industrie. Aber die Lebensmittel kommen nicht da an, wo sie gebraucht werden.

In der Tat kommen die Lebensmittel nicht da an, wo sie gebraucht werden. Vor allem global gesehen, denn die eigentliche Krise, über die interessanterweise kaum jemand redet, ist die Welternährungskrise: Derzeit sind eine Milliarde Menschen unterernährt. Akuten Hunger haben derzeit 323 Millionen Menschen, 2021 waren es noch 150 Millionen Menschen. Und parallel sind bei uns die Lieferketten eine der größten Herausforderungen. Insbesondere seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine wird uns das täglich vor Augen geführt.

Besteht in Europa Grund zur Sorge?

Trotz der Probleme in der Lieferkette muss man sagen, dass für uns in Europa es keine Gefährdung der Versorgung gibt. Es gibt im Moment Getreide, auch wenn es teuer ist. Und mit den hohen Preisen werden vor allem die Probleme für die Armen im globalen Süden verstärkt. 44 Prozent des in Afrika verbrauchten Weizens kamen gewöhnlich aus Russland und der Ukraine.

Bleiben wir erst einmal bei den Lieferketten. Wo genau sind die Knackpunkte?

Die globale Getreideproduktion wird sich erheblich verringern und damit wird sich die Versorgungslage verändern. Die Lebensmittelpreise werden weiter steigen, insbesondere durch die erhöhten Kosten für Betriebsmittel, also Dünger, Pestizide, Logistik und Verarbeitung. Insgesamt haben wir nicht zu wenig Lebensmittel: Die Industrie produziert schon heute ein Drittel mehr Kalorien, als die Menschheit bräuchte, um satt zu werden. Nur stellen wir sie dort her, wo ohnehin schon Überfluss herrscht, und nicht etwa in permanent von Hungersnöten bedrohten Ländern. Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass sich viele Schwellenländer derzeit abschotten und die Ausfuhr von Agrarprodukten verhindern. Insgesamt werden 1,3 Milliarden Tonnen jährlich weggeworfen – und Hauptanteil daran haben private Haushalte mit fast 65 Prozent! Hier müssen wir alle dringend handeln. Wir müssen uns der Frage stellen, wie wir unsere Konsumgewohnheiten ändern.

Wie können die Händler in Deutschland vermeiden, dass die globalen Lieferprobleme zu Versorgungsproblemen bei uns werden?

Zunächst sollten wir uns den Zugriff auf die Lebensmittel sichern. Für die Supermärkte werden künftig langfristige Verträge wichtiger, insbesondere auch, weil sich chinesische Ketten einen Großteil der Produktion in Regionen wie Lateinamerika durch langfristige Verträge gesichert haben. In Brasilien beispielsweise stehen Soja und Rindfleisch ganz oben auf der chinesischen Einkaufsliste für Lebensmittel, in Peru sind es Fleisch und Fisch und in Uruguay ist es wiederum Rindfleisch. Zudem sollten die Händler versuchen, Lieferausfälle durch eine größere Anzahl an Lieferanten zu minimieren, also Fragmentierung statt Konzentration.

Die Konzentration auf wenige Lieferanten war bislang ein Mittel die Preise zu drücken.

Kosteneinsparungen durch Mengenrabatte sollten nicht mehr primär im Fokus stehen. Und auch in der Logistik sollten die Risiken weiter gestreut werden. Hier müssen Händler ihre traditionellen Transportwege und -modi überdenken und andere Transportmittel wie Schienen- und Luftverkehr miteinbeziehen sowie gegebenenfalls auch vermehrt auf lokale Dienstleister zurückgreifen. Aber auch neue kooperative Logistikmodelle sind denkbar. So erwarb beispielsweise der Bekleidungseinzelhändler American Eagle 2021 die Logistikunternehmen AirTerra und Quiet Logistics und steigerte damit die Kapazität weit über den eigenen Bedarf hinaus. Daraufhin wurden mehr als 50 weitere Einzelhändler in die Quiet-Plattform aufgenommen.

Sollten die Händler auch bei Lebensmitteln stärker geostrategisch agieren? Bei wichtigen Industrierohstoffen gibt es gerade ein Umdenken: Nach einer Phase der Globalisierung steht nun die Versorgungssicherheit im Vordergrund.

Ja, wir müssen uns tatsächlich fragen, ob wir uns bei bestimmten Lebensmitteln von einzelnen Regionen abhängig machen wollen. Wenn wir als Region, Land oder auch als einzelnes Handelsunternehmen Produkte überwiegend aus einer Region beziehen, steigt das Risiko. Das zeigt aktuell die schlechte Versorgungslage bei Sonnenblumenöl aufgrund des Exportstopps sowie einer reduzierten Neuaussaat angesichts des Kriegs in der Ukraine. Denn 78 Prozent der weltweiten Exporte von Sonnenblumenöl stammen aus Russland und der Ukraine. Und der Palmölpreis ist schon jetzt um 50 Prozent gestiegen.

Die globale Nachfrage verschiebt sich, denn nicht nur die Weltbevölkerung wächst, sondern mit ihr die Mittelschicht. In Ländern wie Kolumbien, Pakistan oder Indien verändern sich dadurch die Essgewohnheiten – von den Grundnahrungsmitteln hin zu mehr Fleisch, was sich wiederum negativ in der CO2-Bilanz niederschlägt. Was bedeutet das für die Bemühungen, Lebensmittel ökologischer zu produzieren?

Mit steigendem Wohlstand wächst das Verlangen nach Genussmitteln und nach tierischen Produkten. Sie müssen bedenken, dass von dem in der EU verwendeten Getreide allein zwei Drittel für Tierfutter verwendet werden. Die Herausforderung besteht also darin, vor allem in Europa nicht weiterzumachen wie bisher und auf neue Produkte mit einer besseren CO2-Bilanz umzusteigen. Proteine könnten etwa auch aus Pflanzen gewonnen werden – oder aus Insekten. Und Produkte wie Hafer sollten wir nicht überwiegend als Tierfutter begreifen, sondern auch als Lebensmittel für Menschen. Ich glaube an die Chance in der Krise.

Das klingt aber optimistisch…

Ja, es gibt erste ermutigende Innovationen. In Hamburg, wo ich lebe, stellt beispielsweise ein Start-up aus Bucheckern Öl her. Und durch neue Technologien, die wir bisher noch nicht genutzt haben, können wir auch unseren CO2-Fußabdruck verbessern oder den Einsatz von Wasser senken.

Bucheckern aus der Region mögen innovativ sein, aber sicherlich keine Lösung, wenn es um die Ernährung insgesamt geht.

Richtig, solche Ansätze sind nur eine Facette der Lösung. Wenn wir die Rolle von Agrartreibstoffen und Futtermitteln wirklich verändern wollen, dann kommen wir an dem Thema Konsumänderung einfach nicht vorbei. Weniger Verschwendung, weniger Kraftstoffe, weniger Futtermittel…

Stoppt die aktuell hohe Inflation den Bio-Trend, weil sich weniger Menschen teurere Lebensmittel leisten können?

In der aktuellen Diskussion wird oft vergessen, dass der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen in den vergangenen Jahren rückläufig war. Unsere Eltern oder Großeltern mussten vor 30 Jahren etwa ein Drittel ihres Einkommens aufwenden, um ihre Familien satt zu bekommen, heute sind es nur noch etwa 18 Prozent. Damit will ich die vielen Schicksale von Geringverdienenden, Alleinerziehenden oder Erwerbslosen nicht schmälern. Aber die breite Masse gibt heute weniger Geld für Lebensmittel aus als früher. Trotzdem versucht die Lobby der konventionellen Landwirtschaft die aktuelle Krise in der Lebensmittelproduktion für sich zu nutzen.

Inwiefern?

Indem sie für Düngemittel und den Einsatz von Pharmazeutika in der Tierhaltung lobbyiert. Nur so seien die Flächen und die Zucht so produktiv, um die Welternährung sicherzustellen. Das ist natürlich Quatsch. Auf lange Sicht sind Flächen, die ökologisch bewirtschaftet werden, viel nachhaltiger, weil länger nutzbar und produktiver. Ein Beispiel: Avocadobäume im konventionellen Anbau haben eine durchschnittliche Erntemenge von 50 bis 80 Kilogramm pro Jahr, Bäume nach Umstellung im Sinne der Permakultur circa 150 bis 250 Kilogramm.

In Europa verschimmelt das Obst und Gemüse, weil wir zu viel einkaufen.

Ja, leider. Glücklicherweise gibt es mittlerweile viele Start-ups, die mit verschiedenen Apps versuchen, dies zu verhindern, etwa TooGoodToGo. Es gibt aber auch deutlich radikalere Ansätze. Immer häufiger begegne ich der Frage, ob es im Haushalt überhaupt noch einen Kühlschrank braucht oder gar eine Küche, die nur selten benötigt wird. Es gibt zwar einen Trend zu mehr Lebensmitteln, aber ebenso klar ist auch der Trend zu vorgekochtem Essen. In einigen Gebäuden in den USA gibt es kleine Lebensmittel-Storages, wo sich jeder täglich nur das mit in die Wohnung nimmt, was er dann anschließend auch sofort verzehrt; in Tokio verzichten einige Japaner auf eine Küche, weil die Miete zu hoch wäre für etwas, das nur wenig genutzt wird.

Könnte dieser Trend gefährlich werden für den Handel?

Bestimmt noch nicht in den nächsten Jahren. Aber was die Händler jetzt schon stärker berücksichtigen sollten, ist ein kuratiertes Angebot, das sich mehr der Nachfrage anpasst: Etwa, wenn zum Ende der Woche mehr frische Produkte eingekauft werden, weil samstags und sonntags selbst gekocht wird, während zum Anfang der Woche mehr Schnellgerichte nachgefragt werden. Auch der Trend zu Lieferdiensten ist beachtenswert: Die Zeit fürs Einkaufen wird immer weniger. Und natürlich gewinnt in unserer Region an Bedeutung: weniger und dafür bewusster Fleisch essen, mehr auf die Qualität unserer Nahrung achten.

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