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Parfumdreams.de: Duftträume aus Pfedelbach

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Parfumdreams-Chef über einen Konflikt und Flugangst "Mit Sandkastenfreunden haben Sie schon alles geklärt"

Offenes weißes Hemd, Fitnessarmband, teure Jeans mit kunstvollen Rissen: Kai Renchen ist ganz der Typ entspannter Jungunternehmer. Und er hat eine Mission: Mit dem US-Konzern Coty, der von der deutschen Milliardärsfamilie Reimann kontrolliert wird, streitet der Mittelständler aus Pfedelbach um das Recht, dessen Produkte auch auf Drittplattformen wie Amazon-Shops vertreiben zu dürfen. Coty ist mit Parfümmarken wie Gucci, Davidoff, Jil Sander, Hugo Boss, Dolce & Gabbana, Chopard, Cerruti und Lancaster einer der wichtigsten Handelspartner für Parfümerien.

manager-magazin.de: Sie streiten sich seit fünf Jahren mit Coty darüber, ob Sie deren Produkte auch über Drittplattformen wie Amazon oder Ebay verkaufen dürfen. Warum?

Kai Renchen

Kai Renchen, 33, ist Chef der Parfümerie Akzente, die auch den Online-Shop Parfumdreams.de betreibt - nach Douglas der zweitgrößte Online-Parfumhändler in Deutschland. Das in Pfedelbach ansässige Unternehmen ist komplett in Familienhand: Die Mutter und Firmengründerin kümmert sich um die 28 Parfümeriefilialen, der Vater um die Beziehungen zu den Herstellern, der Bruder um die vier Friseursalons, die Schwester ist Parfumfachfrau und entwickelt die Produkte für die Eigenmarke. Akzente hat mehr als 450 MitarbeiterInnen, handelt mit über 600 Marken und hat ein Sortiment von mehr als 40.000 Produkten.

Kai Renchen: Wir verteidigen uns. Coty hatte eine Klage eingereicht am Landgericht in Frankfurt. Dort haben wir in erster Instanz gewonnen. Nun liegt die Sache beim Europäischen Gerichtshof. Wir möchten einfach grundsätzlich freien Handel ohne große Barrieren.

mm.de: Coty geht es darum, über Vertriebswege zu bestimmen. Bei Luxusgütern ist das Image ja sehr wichtig und die Angst groß, dass ein Umfeld irgendwie billig aussehen könnte. Können Sie das nicht verstehen?

Renchen: Klar verstehe ich das. Wir verdienen mit Marken nur, weil die sich ein so tolles Image aufgebaut haben. Wir haben da größten Respekt. Aber einfach nur ""nein" sagen kann auch keine Lösung sein. Denn wir wollen ja keinen schlechten Verkauf! Über Qualitätskriterien kann man reden, aber nicht über ein pauschales Verbot. Gerade für kleinere Unternehmen sind Drittplattformen sehr wichtig, weil deren Kunden sie sonst im Netz gar nicht finden. Ich bin mir sicher, dass sich ein generelles Verbot nicht durchsetzen wird. Das wäre einfach zu verbraucherfeindlich. Wir möchten unsere Ware dort verkaufen, wo sich der Kunde aufhält. Wir verstehen die Seite der Industrie, die Sorge um das Produktimage hat. Aber die ist oft unbegründet. Ebay etwa hat in den vergangenen Jahren sehr viel investiert, um die Darstellung der Produkte viel besser zu machen, und auf Amazon sehen die auch sehr gut aus. Dort sind wir seit vielen Jahren vertreten.

mm.de: Wie lange wird der Streit noch dauern?

Renchen: In den kommenden Monaten erwarten wir die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs. Die wird dann wieder an das Oberlandesgericht weitergereicht, das seinerseits erneut richten muss. Danach wird es voraussichtlich zum Bundesgerichtshof gehen. Ich sehe das aber weniger als Streit, eher als professionellen Dialog. Es geht ja nicht nur um Coty und uns und die Beautybranche. Es geht um das komplette Internet und den gesamten E-Commerce in Europa. Und das kann noch einige Jahre dauern.

"Wenn Sie jemanden aus dem Sandkasten kennen, haben Sie schon alles geklärt"

mm.de: Haben Sie Angst vor deftigen Schadenersatzforderungen?

Renchen: Nein. Ich glaube, dafür sind beide Seiten auch zu vernünftig. Wir streiten uns zwar vor Gericht, aber Hersteller, die mit uns seit Jahrzehnten im Geschäft sind, werden dann nicht plötzlich auf radikale Konfrontation gehen. Wir umgekehrt auch nicht. Wir verdienen ja auch gutes Geld miteinander.

mm.de: Wie wichtig ist Coty für Sie?

Renchen: Sehr wichtig. Die Auseinandersetzung belastet unsere Geschäftsbeziehung auch überhaupt nicht. Im Grunde wollen beide Seiten ja einfach nur Klarheit. Ich hatte immer gute Kontakte in das Unternehmen. Mein Vater hat auch lange dort gearbeitet. Coty ist ein tolles, erfolgreiches Unternehmen mit toller Unternehmenskultur.

mm.de: Wieviel Prozent Ihres Umsatzes machen Sie auf Amazon?

Renchen: Deutlich unter 10 Prozent. Wir werden nie einen Return of Investment haben für das viele Geld, das wir in diesen Rechtsstreit stecken, auch nicht, wenn wir auf ganzer Breite gewinnen. Aber einer muss es halt machen. Wir sehen uns auch in diesem Punkt als Pioniere. 2004 waren wir das erste Familienunternehmen in unserer Branche, das sich in großem Stil ins Internet gewagt hat. Wir klären das Thema für die Allgemeinheit.

mm.de: Sie machen als Unternehmer genau das, wovor Managementratgeber warnen: Die wichtigsten Positionen in Ihrer Firma außerhalb der Familie haben Sie mit Freunden besetzt.

Renchen: Ja, manche kenne ich schon aus Kindergartenzeiten. Das ist großartig, denn es gibt keinen Zoff. Null komma null. Wenn Sie jemanden aus dem Sandkasten kennen, dann haben Sie schon alles geklärt. Wir sehen einander professionell. Die sagen mir ehrlich ihre Meinung. Ich brauche Kritik. Ein neuer Mitarbeiter tut sich eher schwer damit, dem Chef die Meinung zu geigen. Und ich mache natürlich auch Fehler. Sonst lernt man ja nichts dazu.

mm.de: Aus welchem Fehler haben Sie zuletzt gelernt?

Renchen: Hm. Lassen Sie mich überlegen... definitiv, dass ich zu spät unsere ganze Finanzbuchhaltung ins Haus geholt habe. Der Gedanke war rechtzeitig da. Ich habe ihn nur nicht rechtzeitig umgesetzt. Das war mein Fehler. Meine Mitarbeiter hatten mir das gesagt, aber ich habe die Prioritäten anders gesetzt. Das hat uns viel Zeit gekostet. Jetzt läuft es aber super.

mm.de: Wie hoch ist die Fluktuation im Management?

Renchen: Null komma null. Es ist noch keiner gegangen. Viele haben mich schon vor Jahren gewarnt, dass es nicht gut gehen kann, wenn man viele Freunde einstellt. Aber warum nicht? Nur weil es in irgendeinem Theoriebuch steht? Wir kommen vom Dorf. Ich bin in Sülzbach aufgewachsen, das hat weniger als 2000 Einwohner. Da kommen wir fast alle her. Wir sind keine Überflieger, sondern halten uns lieber in Bodennähe auf. Ich werde von niemandem groß als Chef angesehen. Klar, wenn es im Meeting um die Wurst geht, muss ich entscheiden. Aber wir haben gegenseitigen Respekt. Die Dorfkultur prägt uns alle sehr.

Nach Flugangst-Seminar zum Vielflieger geworden

mm.de: Wollten Sie nie mal ausbrechen? Was ganz anderes machen?

Renchen: Ich bin jetzt 33 und habe ja hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir. Aber ich musste auch nie rebellieren, weil meine Eltern mich nie zu irgendetwas gezwungen haben. Meine Mutter hat über mich immer nur gesagt: "Lass ihn machen." Vor 22 Jahren hat sie ihre erste Parfümerie aufgemacht, ich habe damals das Chanel-Regal eingeräumt. Und ich habe es geliebt. Ich war nie der beste Schüler, aber hatte eine wirklich drucklose Kindheit. Meine Mutter hat sehr viel gearbeitet, aber sie hat nie gesagt: Ich mache das nur für euch. Sie hat immer gesagt, dass sie es für sich tut. Im Studium hatte ich zwei eigene Firmen gegründet, aber gegen Ende habe ich mich entschieden, dass ich in der Parfümerie sein will. Ich habe schnell gemerkt: Hier kann ich mich finden.

mm.de: Stimmt es, dass Sie unter Flugangst gelitten haben?

Renchen: Ja. Ich habe Flugzeuge gemieden. Ich bin immer mit dem Auto in den Urlaub gefahren, da war der Radius halt kleiner. Aber meine Freunde in der Firma haben mir zum 31. Geburtstag ein Flugangst-Seminar bei der Lufthansa geschenkt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe gesagt: "Es freut mich, dass ihr euch so viele Gedanken über mein Leben macht und über das, was mich auch beruflich hemmt. Aber ein herzliches Danke fällt mir gerade schwer." Ich habe aber den Termin gemacht, weil ich wusste: Wenn ich das nicht beherzt angehe, mache ich das nie. Nach dem Seminar war die Angst nicht weg, aber es war ein Schritt über die Schwelle. Ich bin zum Vielflieger geworden. Das gibt mir viel Freiheit. Und den Dank habe ich nachgeholt. Es war ein gutes Geschenk.

mm.de: Vergangenes Jahr lag Ihr Umsatz bei 72 Millionen Euro. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Renchen: Wir streben zweistellige Zuwachsraten an und sind dieses Jahr wieder über Plan. Wir erweitern unser Portfolio und haben steten Zuwachs an Kunden. Wir expandieren ins europäische Ausland: Schweden, Dänemark, Italien, Österreich. Digitalisierung ist bei uns seit Jahren Thema: Unsere Buchhaltung, unsere Workflows, unsere Verwaltung sind komplett papierlos, vieles vollautomatisiert. Wir möchten unsere Prozesse schlank halten. Und wir haben seit vergangenem Jahr unsere Eigenmarke, die es in unsere Hitlisten geschafft hat, online und stationär. Im Sommer haben wir unsere neue Linie ""Keep calm and love Sylt"" gelauncht, dort haben wir ja auch seit kurzem ein Geschäft. Das läuft super.

mm.de: Was sind die wichtigsten Kosmetiktrends?

Renchen: Dekorativmarken, die sehr nischig sind, so wie Urban Decay, MAC oder Toofaced. Die werden sehr ausgewählt vertrieben. Kunden nehmen für spannende Produkte, mit denen sie sich differenzieren können, gerne auch ein paar Euro mehr in die Hand. Das können wir stationär optimal ausspielen. Selbst wenn wir eine Marke nicht vertreten, freuen wir uns, wenn der Markt insgesamt spannend bleibt und es Hypes gibt. Unserer Branche geht es gut.

mm.de: Wonach duften Sie heute eigentlich?

Renchen: Ganz klassisch. Boss Bottled. Ein Produkt aus dem Hause Coty, übrigens.

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