Deutschlands größter Weinhändler Hawesko Eine Übernahmeschlacht in feinsten Kreisen

Der Textilunternehmer Detlev Meyer greift nach der Macht beim Weinhändler Hawesko. Dabei bekommt er es mit einem prominent besetzten Aufsichtsrat um Ex-Linde-Chef Wolfgang Reitzle zu tun. Immerhin: Ein Großaktionär zeigt sich schon mal aufgeschlossen.
Foto aus der guten, nur sieben Monate alten Zeit: Hawesko-Chef Alexander Margaritoff mit der TV-Moderatorin Judith Rakers bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen von Hawesko

Foto aus der guten, nur sieben Monate alten Zeit: Hawesko-Chef Alexander Margaritoff mit der TV-Moderatorin Judith Rakers bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen von Hawesko

Foto: Getty Images for hawesko.de

Hamburg - Alexander Margaritoff gab sich alle Mühe, der Hansestadt ein Spektakel zu bieten. Mit von der Partie: eine 17 Meter große Champagerflasche, eine sieben Meter lange Yacht und jede Menge der für derlei Ereignisse handelsüblichen Celebrities: TV-Moderatorin Judith Rakers beispielsweise, Schauspielerin Mariella Ahrens oder Werber-Ikone Jean-Remy von Matt. Seit nunmehr 50 Jahren gehe seine Firma als "Vorreiter im Wein- und Champagnerhandel" unbeirrt seinen Weg, jubilierte im April auf der Feier im Hamburger Hafen Hawesko-Chef Alexander Margaritoff, Sohn von Gründer Peter Margaritoff, vor 150 geladenen Gästen.

Wenige Wochen später befindet sich sein Unternehmen, zu dem auch die 280 Filialen von "Jaques' Weindepot" gehören, in allergrößten Irrungen - ausgelöst durch eine Palastrevolte mit noch weit prominenteren Teilnehmern als sie Margaritoff auf seiner 50-Jahr-Feier aufbieten konnte. Sein Aufsichtsrat muss eine pikante Konstellation entwirren: Ein feindliches Übernahmeangebot, das auch noch aus den eigenen Reihen kommt.

Urheber der Attacke ist Aufseher Detlev Meyer, ehemaliger Textilunternehmer und mit 29,5 Prozent der Anteile hinter Margaritoff zweitgrößter Aktionär bei Hawesko. Er will bei dem S-Dax-Konzern die Kontrolle übernehmen und bietet 40 Euro je Aktie - rund 5 Prozent mehr als der Preis zu dem Hawesko  kurz vor Angebotsabgabe gehandelt wurde.

Das Gesamtvolumen der Offerte liegt bei 253 Millionen Euro, was Hawesko, die 2013 bei einem Umsatz von 465,2 Millionen Euro einen Überschuss von 16,2 Millionen Euro erzielten, mit mehr als 360 Millionen Euro bewerten würde.

Nun zerbrechen sich Vorstand und Aufsichtsrat den Kopf über die angemessene Reaktion. Über die Jahre hat Gründersohn Margaritoff einen edel besetzten Aufseherkreis um sich gescharrt, der auch Milliardenunternehmen zur Ehre gereichen würde: Neben der Juwelierunternehmerin Kim-Eva Wempe, dem Kaffee-Erben Johann Christian Jacobs und dem Hamburger Duty-Free-Unternehmer Gunnar Heinemann gehört ihm auch der Banker Thomas R. Fischer an, Vorstandssprecher bei der traditionsreichen Hamburger Privatbank Marcard, Stein & Co. AG. Im August dann gab es den endgültigen Ritterschlag: Ex-Linde-Chef und Weinbergbesitzer Wolfgang Reitzle verband Hobby und Beruf und stieß zu dem illustren Aufsehergremium hinzu.

Sie alle hatten sich Hoffnungen auf einen idyllischen Nebenjob machen dürfen: Haweskos Umsatz und Gewinn klettern seit Jahren mehr oder weniger stetig nach oben. Und mit zum Teil mehr als 90 Prozent des Jahresüberschusses fiel die Dividende für die Aktionäre des SDax-Unternehmens - und damit hauptsächlich Margaritoff selbst - in der Regel ausnehmend luxuriös aus. Margaritoff selbst meint, Hawesko seit atmosphärisch immer noch "zu hundert Prozent ein Familienunternehmen".

Meyer will mit diesen Usancen brechen. Zwar kündigte seine Beteiligungsgesellschaft Tocos, über die das Übernahmeangebot läuft, an, "das bestehende Management" als künftig größter Ankeraktionär dabei unterstützen zu wollen, "die strategische Weiterentwicklung fokussiert voranzutreiben". Wie die aussehen soll, da gehen die Meinungen des aktuellen Vorstandsvorsitzenden und Gründersohns Margaritoff und die von Meyer allerdings ziemlich weit auseinander.

Zwar ist das erklärte Ziel von beiden, weiter ins Ausland zu expandieren. Innerhalb der nächsten sieben, acht Jahre solle der Umsatz "durch Expansion" auch in Österreich und der Schweiz.verdoppelt werden, kündigte Margaritoff Ende 2013 ín einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" an.

Doch bei den Details gibt es offenbar entscheidende Unterschiede. So ließ Meyer über einen Tocos-Sprecher ankündigen, um die Internationalisierung zu finanzieren, künftig weniger Geld an die Aktionäre ausschütten zu wollen. "In den letzten Jahren lag diese bei Hawesko zwischen 65 und 95 Prozent des Jahresüberschusses", erklärte der Sprecher. Künftig solle sie bei 40 bis 50 Prozent liegen. "Nur so bleibt genug Geld für einen Ausbau im Unternehmen", sagte Meyer der "Welt". 

Auch was die Profitablität angeht, will Meyer deutlich mehr rausholen. Genau dort hatte es bei Hawesko zuletzt etwas gehakt. Bei der Vorlage der Quartalszahlen Anfang November korrigierte Hawesko seine Gewinnwartungen für das Gesamtjahr. Statt bei rund 26 Millionen Euro soll das Konzern-EBIT nun zwischen 24 und 25 Millionen Euro liegen. Vor allem Berater kamen die Hanseaten teurer als geplant. Insgesamt 1,8 Millionen Euro gingen dafür drauf.

Meyer hat in seiner Karriere genügend Selbstbewusstsein getankt, um seinen Gegenkurs bei Hawesko durchzuziehen. Anfang der 80er Jahre hatte er mit einem Partner die CBR-Gruppe (Cecil, Street One) gegründet und diese 2004 angeblich für bis zu einer Milliarde Euro an die Finanzinvestoren Cinven und Apax verkauft. Seitdem tummelt sich der Multimillionär aus Neustadt am Rübenberge bei Hannover als Investor in diversen Branchen. Er ist oder war bei Hapag Lloyd , der Hamburger Modemarke Closed, dem Fußballlclub Hannover 96 sowie dem dänischen Schuhhändler Bianco beteiligt.

Aktionär Schliemann kann sich Verkauf vorstellen

Bislang agierte Meyer, von dem kaum Bilder in der Öffentlichkeit kursieren, bei seinen Investments in der Regel unter dem Radar der Öffentlichkeit. Nun läuft alles auf einen öffentlichen Showdown hinaus: Eine offizielle Reaktion des Vorstands auf das Angebot, daslaut "Welt"  aktuell bei der BaFin liegt, steht noch aus. Bislang beschränkte sich das vierköpfige Gremium darauf, seinen Aktionären zunächst zu raten, "keinerlei Maßnahmen im Hinblick auf das angekündigte Angebot" zu ergreifen.

Meyer ist dennoch von seinem Erfolg überzeugt: "Ich rechne damit, dass ich einige Anteile bekommen und damit auch zum größten Aktionär werde", sagte er der "Welt".  Den Preis aufzustocken, lehnte er bereits ab. Er halte ihn für fair, verkündete er.

Der Schritt zum größten Aktionär ist vergleichsweise klein: Schließlich hält Gründersohn Margaritoff mit seiner gleichnamigen Holding laut Firmenangaben aktuell nur rund 30 Prozent. Drittgrößter Anteilsinhaber ist mit 5 Prozent die Vermögenswerwaltung Augendum, hinter der der ehemalige Brauereiunternehmer Michael Schiemann (Gilde-Brauerei) steht. Die übrigen 35,5 Prozent verteilen sich laut Hawesko auf "gewerbliche und private Investoren"

Schiemann für Verkauf möglicherweise offen

Schiemann ist nach eigenen Angaben einem möglichen Verkauf gegenüber unter Umständen offen. "Erst einmal warte ich natürlich die Stellungnahme des Vorstandes ab", sagte er manager magazin online. Aber grundsätzlich sei ein Verkauf seiner Aktien durchaus denkbar. "Ich bin da ganz entspannt."

Vor seiner Stellungnahme wiederum lässt sich der Vorstand um Margaritoff von seinem Aufsichtsrat beraten. Reitzle hatte sich seinen Nebenjob eigentlich entspannter vorgestellt: Nach den Jahren in der Industrie freue er sich nun, "meine Erfahrungen in eine Firma einbringen zu können, bei der Lebensstil und -freude eine zentrale Rolle spielen", hatte er bei seinem Amtsantritt im August verkündet. Die gibt es bei Hawesko intern derzeit aber nur in Kleinstdosen.