Dienstag, 23. Juli 2019

Bain Capital und Carlyle fast am Ziel Osram-Aufseher stimmen für Übernahme

Halogen-Leuchten von Osram

Nach nur sechs Jahren Eigenständigkeit wird eine der bekanntesten deutschen Industriefirmen voraussichtlich an US-Finanzinvestoren verkauft: Vorstand und Aufsichtsrat des Beleuchtungsherstellers Osram sprachen sich am späten Donnerstagabend dafür aus, das vor dem Ersten Weltkrieg gegründete Traditionsunternehmen für knapp 3,4 Milliarden Euro an die US-Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle zu verkaufen.

Der Lichttechnikkonzern Osram will sich in die Hände von Finanzinvestoren begeben. Vorstand und Aufsichtsrat erklärten am späten Donnerstagabend, sie unterstützen das 3,4 Milliarden Euro schwere Übernahmeangebot der Beteiligungsgesellschaften Bain Capital und Carlyle. Sie wollen den Anteilseignern des MDax-Konzerns 35 Euro je Aktie bieten, 23 Prozent mehr als der Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate. Die Investoren nannten als Bedingung der geplanten Übernahme, dass sie mindestens 70 Prozent der Aktien einsammeln können.

Carlyle hat seinen Sitz in der US-Bundeshauptstadt Washington und verwaltet 222 Milliarden Dollar Vermögen, die etwa halb so große Bain Capital hat 105 Milliarden Dollar Finanzanlagen in den Büchern stehen und sitzt in Boston.

"Wir begrüßen das Angebot von Bain und Carlyle und sind überzeugt, dass es sowohl einen fairen Wert für die Aktionäre als auch einen strategischen Mehrwert für unser Unternehmen bietet", erklärte Aufsichtsratschef Peter Bauer nach einer mehrstündigen Sitzung des Gremiums. "Bain und Carlyle sind für Osram die richtigen Partner zur richtigen Zeit", sagte Vorstandschef Olaf Berlien. Die Bieter wollen ihr offizielles Angebot nach der Freigabe durch die Finanzaufsicht Bafin veröffentlichen und voraussichtlich bis September laufen lassen.

Die beiden Bieter machten nach Angaben der drei Unternehmen umfangreiche Zusagen an das Osram-Management und die Belegschaft. Unter den 26.000 Mitarbeitern kursieren Sorgen vor einem Stellenabbau. "Im Zuge der unterzeichneten Investorenvereinbarung unterstützen Bain und Carlyle den eingeschlagenen Wachstumspfad und geben unter anderem umfangreiche Schutzzusagen für Mitarbeiter und Standorte ab", teilte Osram weiter mit.


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Investoren wollen Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen nicht antasten

Bain Capital und Carlyle bekennen sich demnach zur bestehenden Strategie mit dem Fokus auf optische Halbleiter, Automobil und digitale Anwendungen. Bei dem von Berlien begonnenen Konzernumbau wollen sie den Angaben zufolge eng mit dem heutigen Vorstand zusammenarbeiten. Die Investoren sagten zu, Wachstumsprojekte, Akquisitionen und Investitionen in Produktentwicklungen zu unterstützen. Osram behalte seinen Sitz in München und die Rechte an seinen Patenten.

Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen mit den Arbeitnehmern würden nicht angetastet. Der paritätisch besetzte Lenkungsausschuss bleibe bestehen. Zudem sollen die Standorte der "wesentlichen Unternehmensbereiche" unverändert bleiben. Einig seien sich Bain, Carlyle und Osram aber auch darüber, dass das Marktumfeld "flexibles Handeln" erfordere. Ein Sprecher der IG Metall kündigte eine Stellungnahme für den heutigen Freitag an.

Das vor dem Ersten Weltkrieg gegründete Traditionsunternehmen wird damit voraussichtlich zum zweiten Mal seine Eigenständigkeit verlieren - und zwar in einem Abstand von ziemlich exakt 100 Jahren: 1919 hatte Siemens Osram übernommen und die Zügel bis zum Börsengang 2013 in der Hand behalten.

Zweiter Verkauf in 100 Jahren

In den vergangenen sechs Jahren Selbstständigkeit hat Osram sehr schwierige Zeiten durchlaufen. Der technologische Wandel in der Beleuchtungsindustrie hat das Unternehmen hart getroffen. Die Glühbirne, die einst den Werbespruch "Osram - hell wie der lichte Tag" inspirierte, ist längst Geschichte. Der größte Teil des Geschäfts mit traditionellen Leuchtmitteln wurde 2016 an einen chinesischen Konzern verkauft. Osram produziert heute hauptsächlich LEDs und Optoelektronik, Hauptabnehmer sind die Auto- und Elektronikindustrie.

Noch Ende 2017 sah die Zukunft rosig aus. Osram eröffnete 2018 ein großes neues Werk in Malaysia und kündigte eine Ausweitung der Produktion an. Doch dann folgte der Einbruch. Die gleichzeitige Schwächephase von Auto- und Smartphone-Herstellern hat Osram schwer in Mitleidenschaft gezogen, denn beide Branchen sind wichtige Kundengruppen.

Unerwartet brachen 2018 die Umsätze ein, auch dieses Jahr sieht es nicht gut aus: Anfang Mai gab Osram eine Gewinnwarnung heraus und senkte die Prognose für 2019. Der Umsatz könnte demnach um 11 bis 14 Prozent schrumpfen. Zuvor hatten Vorstandschef Olaf Berlien und seine Kollegen noch auf ein Plus von bis zu 3 Prozent gehofft.

rei/Reuters/dpa

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