McDonald's-Käufer Alexander Govor Ein russischer Bergmann macht jetzt in Buletten

Er fing als Bergarbeiter an und machte während der Privatisierungswelle ein Vermögen mit Kohle. Nun übernimmt der russische Geschäftsmann Alexander Govor mehr als 800 McDonald's-Filialen - und dürfte mit dem Segen Putins sein Vermögen weiter mehren.

Lecker und Punkt: Im neuen Russland wird nicht gefragt, sondern verordnet, wie es geschmeckt hat. Das weiß auch Alexander Govor, der 800 McDonald´s Filialen erbeutet hat.

Lecker und Punkt: Im neuen Russland wird nicht gefragt, sondern verordnet, wie es geschmeckt hat. Das weiß auch Alexander Govor, der 800 McDonald´s Filialen erbeutet hat.

Foto: Alexey Filippov / IMAGO/SNA

Ein Hauch von Aufbruchstimmung liegt an diesem sonnigen Sonntagmorgen im Juni über dem Moskauer Puschkin-Platz. Lange Schlangen bilden sich vor der ehemaligen McDonald's-Filiale, nachdem sich der Fastfood-Konzern wegen des Ukraine-Krieges aus Russland zurückgezogen hat. Es ist das Erste von mehr als 800 Schnellrestaurants in Russland, die unter dem neuen Namen "Lecker und Punkt" einen Neustart wagen.

Und das so schnell wie möglich, wenn es nach Alexander Govor (62) geht. Der russische Geschäftsmann hat alle McDonald's-Filialen in Russland übernommen. 200 davon sollen bis Anfang Juli wieder in Betrieb gehen, der Rest bis Ende des Sommers. Govor wird damit handstreichartig zum größten Restaurant-Unternehmer in Russland.

Es mag nur eine Filiale eines Schnellrestaurants sein. Der Medienrummel an diesem Tag ist aber groß, als Govor das rote Band zerschneidet und so den Weg zu den Buletten freimacht. Der Schnitt hat auch symbolischen Charakter, signalisiert er doch zugleich das Ende einer Ära, die 1990 mit dem ersten McDonald's in Moskau begann und für westlichen Lebensstil nach vielen Jahren der Sowjetherrschaft stand. Kreml-Diktator Wladimir Putin hat persönlich seine Landsleute aufgefordert, die durch den Rückzug westlicher Unternehmen entstehenden Lücken möglichst rasch durch eigene nationale Marken zu schließen. Govor ist offenbar gewillt, genau das zu tun.

"Eigene nationale Marken" schaffen: Der russische Geschäftsmann Alexander Govor (2. v. links) eröffnet in Moskau am Nationalfeiertag offiziell das erste Restaurant seiner neuen Kette. Die mehr als 800 Filialen in Russland hat er von McDonald's für einen ungekannten Preis übernommen.

"Eigene nationale Marken" schaffen: Der russische Geschäftsmann Alexander Govor (2. v. links) eröffnet in Moskau am Nationalfeiertag offiziell das erste Restaurant seiner neuen Kette. Die mehr als 800 Filialen in Russland hat er von McDonald's für einen ungekannten Preis übernommen.

Foto: EVGENIA NOVOZHENINA / REUTERS

Die Lücke zu füllen, dürfte sich für Govor lohnen, schließlich erwirtschaftete McDonald's im vergangenen Jahr fast ein Zehntel seiner weltweiten Konzernumsätze von rund 23 Milliarden Dollar in Russland. Der US-Konzern rechnet nach eigenen Angaben  durch den Rückzug aus Russland mit Belastungen von 1,4 Milliarden Dollar, der Kaufpreis indes bleibt Geheimsache. Wer aber ist Govor, dieser bislang wenig bekannte und eher wortkarge Unternehmer?

Vom Bergarbeiter zum Bergwerksdirektor

Govor stammt aus der westsibirischen Großstadt Novokuznetsk im Kusbass, wo Kohle abgebaut und Metalle erzeugt werden. Laut russischen  und angelsächsischen  Berichten, die sich auf russische Quellen beziehen, ist Govors Aufstieg zu einem vermögenden Geschäftsmann untrennbar mit dem Kohlerevier verbunden: Govor fing als einfacher Bergmann im Werk Yubileinaya an und arbeitete sich zum Generaldirektor des Bergwerks im Jahr 1997 hoch, dem größten des damaligen Kuznetskugol-Konzerns, an dem der russische Staat die Mehrheit hielt.

Mit der Privatisierungswelle ging Kuznetskugol zunächst in dem Kohleunternehmen Yuzhkuzbassugol auf, einem der größten Kohleproduzenten Russlands. Yuzhkuzbassugol wurde später zur Hälfte von dem russischen Stahlhersteller Evraz übernommen, an dem der russische Milliardär Roman Abramowitsch (55) beteiligt ist. Die andere Hälfte kontrollierte das Management von Kuznetskugol - und damit Alexander Govor. Die rasant steigenden Kohlepreise ab dem Jahr 2000 spülten viele Millionen in die Taschen von Govor.

Mit Kohle Millionen gemacht

Sicherheit im Bergbau schien für Eigentümer Govor und das von ihm eingesetzte Management nicht die oberste Priorität zu haben. Zwei schwere Bergwerksunglücke im März und Mai des Jahres 2007 mit mehr als 140 Toten  zwangen den Aufsteiger auf Drängen der Regionalregierung dazu, seinen Anteil an Evraz zu verkaufen. Der einstige Bergarbeiter soll daraus einen mittleren dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag erlöst haben. Teile des Vermögens investierte er in den Kauf einer Ölraffinerie in der Region Kemerowo  und in den Kauf eines Kohleunternehmens.

Anstatt sein Geld in protzige Mega-Jachten zu stecken, wie es russische Oligarchen gerne tun, kauft Govor lieber Oldtimer - und spendet sie später einem Auto- und Technikmuseum . Vor allem aber streut Govor seine Investments breit, er investiert unter anderem in die Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft. So gründete er Sibirskaya Milyona , einen Lebensmittelhersteller, dem Rinderfarmen, Milchwerke, eine Wurstfabrik und Restaurants gehören. Auch Hotels der internationalen Kette Radisson in Moskau werden ihm zugerechnet sowie die Privatklinik-Kette Grand Medica in seiner Geburtsstadt Novokuznetsk.

Im Gegensatz zu seinem Sohn Roman, der verschiedene Positionen in Unternehmen des Vaters bekleidet und 2018 zum Mitglied der gesetzgebenden Versammlung der Region Kemerowo von "Einiges Russland" gewählt wird, tritt Alexander Govor laut russischen Quellen  politisch nicht sonderlich in Erscheinung.

Rinder, Hotels, Kliniken - Govor diversifiziert

Sein Investment-Interesse für die Lebensmittelindustrie legt nahe, dass der Sibirien-Fan Govor im Jahr 2015 Franchise-Partner von McDonald's für zunächst 25 Restaurants wurde - die meisten davon in großen Städten Sibiriens. Künftig sollen nun also mehr als 800 Niederlassungen von "Lecker und Punkt" die Fast-Food-Bedürfnisse der russischen Verbraucher erfüllen.

Das leuchtend-goldgelbe "M" der einstigen McDonald's-Filialen ist einem neuen Logo gewichen: ein roter Kreis mit zwei orangefarbenen Strichen vor grünem Hintergrund. Die Speisekarte soll sich nicht wesentlich ändern. Und schlechter schmecken als zuvor soll es auch nicht, versichert Govor an diesem 12. Juni, dem "Tag der Ratifizierung der Deklaration über die Unabhängigkeit Russlands", wie der Nationalfeiertag offiziell heißt.

Russisches Staats-TV feiert Russen-Pommes

Pommes und Nationalfeiertag? Ein schnödes Schnellrestaurant ist kein nationales Heiligtum. Doch der bedeutungsschwere Termin scheint bewusst gewählt und auch die gewünschte Wirkung zu entfalten: "Es herrscht eine Art festliches Gefühl, dasselbe wie 1990. Wieder eine riesige Schlange, gute Stimmung und die Erwartung, das etwas Besonderes bevorsteht", sagt ein Rentner die Kamera . Und eine Buchhalterin ergänzt fast pflichtschuldig: "Es ist sehr lecker, vielleicht sogar besser als vorher."

Dass es "besser" als vorher schmeckt, wollen einzelne Undercover-Tester 14 Tage später nicht bestätigen  - schlechter aber anscheinend auch nicht. Für eine gewisse Geschmackskontinuität sorgt offenbar, dass die meisten ehemaligen russischen McDonald's-Zulieferer nun auch "Lecker und Punkt" versorgen.

Es sieht so aus, als könnte Alexander Govor die Lücke erfolgreich füllen - ganz im Sinne von Wladimir Putin.

rei
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