Sonntag, 26. Januar 2020

Karstadt "Berggruen hat den Turnaround nicht geschafft"

Karstadt-Filiale: Die Investoren Benko und Steinmetz besitzen eine Option, zum Preis von einem Euro auch 75,1 Prozent des Stammgeschäfts zu übernehmen

Der Bericht von manager magazin über den Einstieg des Milliardärs Beny Steinmetz bei Karstadt schlägt hohe Wellen - in der Branche wie in der Politik. Die Gewerkschaft ist alarmiert und fordert Aufklärung. CDU-Wirtschaftssprecher Joachim Pfeiffer kritisiert zudem Nicolas Berggruen.

Berlin/Essen - Der weitere Rückzug von Investor Nicolas Berggruen sowie der anstehende Machtwechsel bei Karstadt sorgen für Unruhe. Beim kriselnden Handelskonzern mit seinen 83 Stammhäusern haben der österreichische Investor René Benko und der israelische Diamantenhändler Beny Steinmetz den Weg geebnet, um schrittweise die Macht bei Karstadt zu übernehmen, wie manager magazin in seiner aktuellen Titelgeschichte berichtet.

Benko hatte im September angekündigt, 75,1 Prozent an der Karstadt Premium- und Sportsparte zu übernehmen. Jeweils die Hälfte dieser Anteile will er nach Informationen von manager magazin nun an den Diamanten-Milliardär Beny Steinmetz weiterreichen.

Zusätzlich besitzen Benkos Signa-Holding sowie Steinmetz die Option, zum Kaufpreis für einen Euro auch 75,1 Prozent der kriselnden Karstadt-Stammgesellschaft zu übernehmen, die noch 83 klassische Warenhäuser betreibt.

Üben Benko und Steinmetz diese Option aus, behielte Berggruen an allen drei Karstadt-Sparten nur noch 24,9 Prozent. Übernehmen Benko und Steinmetz auch im Karstadt-Stammgeschäft die Macht, dürften Spekulationen über eine Warenhaus-Allianz zwischen der Metro-Tochter Kaufhof und Karstadt dürften dann wieder aufleben. "Es gibt keine Gespräche mit Benko oder seiner Signa-Holding", betonte allerdings ein Metro-Sprecher.

"Es geht um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens"

Karstadt und Signa kommentierten den Bericht des manager magazins zunächst nicht. Die Gewerkschaft Verdi forderte jedoch bereits ein Gespräch mit Steinmetz, sofern sich die Informationen von manager magazin bestätigen sollten.

Von Signa-Gründer René Benko liege der Gewerkschaft bereits ein Gesprächsangebot für den Januar vor, sagte der Verdi-Verhandlungsführer in der Karstadt-Tarifkommission, Arno Peukes. Unabhängig von eventuellen Veränderungen bei den Eigentümerstrukturen gehe es den Karstadt-Beschäftigten um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens, sagte Peukes.

Vertreter der Gewerkschaften sind auf Berggruen nicht mehr gut zu sprechen. Sie hatten Berggruen den Weg geebnet, die Essener Warenhauskette vor drei Jahren aus der Insolvenz heraus zu einem symbolischen Kaufpreis von einem Euro zu übernehmen. Arbeitnehmer hatten in der Folgezeit Gehaltseinbußen von rund 150 Millionen Euro hingenommen, um Berggruen bei der Sanierung des Warenhauses zu unterstützen.

Nach Informationen von manager magazin wird Berggruen von Signa und Steinmetz üppig entschädigt - und zwar in Form einer Beteiligung an den Immobilien. Berggruen soll gegen eine geringe Stammeinlage eine Beteiligung von 24,9 Prozent an einer Untergesellschaft von Signa und steinmetz erhalten, der 18 an das Stammhaus vermietete Warenhäuser gehören.

"Änderungen der Eigentümerstruktur nicht auf Rücken der Mitarbeiter"

Auch in der Politik stößt der mögliche Machtwechsel bei Karstadt vielen bitter auf. "Herr Berggruen hat den Turnaround nicht geschafft", sagt Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gegenüber manager magazin online. "Offensichtlich war er nicht bereit oder in der Lage, die notwendigen Investitionsmittel in die Hand zu nehmen. Ich hoffe, dass die neuen Eigentümer dies können und dadurch den Verzicht der öffentlichen Hand auf Gewerbesteuer in einem beträchtlichen Umfang nachträglich rechtfertigen."

Die Politik hatte seit der Übernahme durch Berggruen auf rund 140 Millionen Euro Gewerbesteuer verzichtet. "Klar ist aber, dass mögliche Änderungen in der Eigentümerstruktur nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen werden dürfen", so CDU-Politiker Pfeiffer.

Die Warenhausimmobilien des Unternehmens waren bereits vor der Insolvenz an Investoren verkauft worden. Die Signa-Gruppe von Benko ist inzwischen der mit Abstand größte Vermieter von Karstadt-Immobilien.

Sorge um mögliche Zerschlagung

"Ich glaube an das Unternehmen und seine Mitarbeiter", hatte Berggruen erst Mitte September versichert: "Das Kerngeschäft behalten wir komplett." Arbeitnehmervertreter hatten bereits mehrfach die Sorge geäußert, Karstadt könne zerschlagen werden.

Die rund 20.000 Karstadt-Beschäftigten fürchten um die Zukunft des traditionsreichen Warenhausriesen. Karstadt hat zahlreiche Baustellen. Zum Jahresende scheidet Chef Andrew Jennings aus, ein Nachfolger ist bislang nicht ernannt worden. Jennings hatte dem Warenhausriesen bescheinigt, bei seiner Sanierung noch nicht über den Berg zu sein. Die Wegstrecke, die Karstadt vor sich habe, sei "weiter herausfordernd", bilanzierte Jennings Anfang September.

mmo / mit Material von dpa-afx und reuters

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