Lambertz-Chef "Auch ich habe mich, was Putins Motive und Ziele angeht, massiv geirrt"

Nach zwei Corona-Krisenjahren muss der Gebäckkonzern Lambertz den nächsten Schock verkraften. Im Interview spricht Alleingesellschafter Hermann Bühlbecker über die Russland-Sanktionen, einen verlorenen Wachstumsmarkt, sein Verhältnis zur Politik und eine denkwürdige Begegnung mit Wladimir Putin.
Das Interview führte Lutz Reiche
"Traurige Ernüchterung": Als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation traf Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker im November 2019 persönlich auf Wladimir Putin – und überreichte ihm einen Dresdner Stollen (Bild groß klicken)

"Traurige Ernüchterung": Als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation traf Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker im November 2019 persönlich auf Wladimir Putin – und überreichte ihm einen Dresdner Stollen (Bild groß klicken)

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Lambertz

Der Unternehmer Hermann Bühlbecker kennt Vitali Klitschko, den Box-Champion und Bürgermeister von Kiew, seit Jahren. Ende 2019 traf Bühlbecker auch Russlands Präsidenten Wladimir Putin im russischen Sotschi. Im Interview spricht der Alleingesellschafter der Lambertz Gruppe über die Sanktionen gegen Russland, über Macht und Ohnmacht der Unternehmer – und warum Vitali Klitschko für ihn ein Held ist.

Herr Bühlbecker, DIHK-Präsident Peter Adrian sieht im Moment schwarz für die deutsch-russischen Handelsbeziehungen. "Ich gehe davon aus, dass erst mal nur sehr wenig bis nichts mehr funktioniert", sagt er. Befürchten Sie Ähnliches?

Hermann Bühlbecker: Ich teile diese Einschätzung. Momentan haben wir unsere Belieferung mit Waren in die Ukraine und nach Russland eingestellt.

Komplett eingestellt?

Ja. Die Unsicherheiten, dass gelieferte Waren durch den Ausschluss aus dem Swift-Zahlungssystem nicht mehr bezahlt werden können, sind schlichtweg zu hoch. Zudem ist damit und in Kombination mit anderen Sanktionen ein dramatischer Kurssturz des Rubels eingetreten, der wohl noch zunehmen wird. Zurzeit bestehen noch erhebliche Außenstände von unseren Kunden in Russland und in der Ukraine. Uns bleibt nichts anderes übrig, als erst mal abzuwarten. Warenlieferungen, die auf dem Weg beziehungsweise an der ukrainischen Grenze waren, haben wir an ukrainische Hilfsorganisationen verteilt.

Wie wichtig sind die Absatzmärkte Russland und Ukraine für den Süßwarenhersteller Lambertz?

Für die Existenz der Unternehmensgruppe Lambertz sind die Absatzmärkte Russlands und der Ukraine nicht entscheidend. Als Wachstumsmärkte haben sie für uns jedoch eine besondere Bedeutung: Im Westen ist das Wachstum begrenzt, aber in Osteuropa haben unsere Produkte gutes Potenzial. Lebkuchen zum Beispiel werden in Osteuropa im Gegensatz zu Deutschland das ganze Jahr nachgefragt.

Hermann Bühlbecker (71) ist Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe. Der Ökonom trat 1976 ins Familienunternehmen ein, baute es kontinuierlich aus und hat inzwischen den Wettbewerber Bahlsen überholt. Der Konzern beschäftigt rund 4000 Mitarbeiter an fünf Standorten in Deutschland und zwei weiteren in Polen. Das Unternehmen mit den Marken Weiss, Dr. Quendt, Kinkartz und Haeberlein-Metzger erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2020/21 rund 656 Millionen Euro Umsatz und vertreibt seine Produkte weltweit.

Hermann Bühlbecker (71) ist Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe. Der Ökonom trat 1976 ins Familienunternehmen ein, baute es kontinuierlich aus und hat inzwischen den Wettbewerber Bahlsen überholt. Der Konzern beschäftigt rund 4000 Mitarbeiter an fünf Standorten in Deutschland und zwei weiteren in Polen. Das Unternehmen mit den Marken Weiss, Dr. Quendt, Kinkartz und Haeberlein-Metzger erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2020/21 rund 656 Millionen Euro Umsatz und vertreibt seine Produkte weltweit.

Foto: Agentur Baganz / Lambertz

Russland und die Ukraine zählen zu den wichtigsten Anbauländern für Weizen. Mit Kriegsausbruch sind die Preise in die Höhe geschossen. Der Anstieg kommt on top zu ohnehin stark gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Ist Lambertz auf solche Preissprünge vorbereitet?

Wir beobachten ständig die nationalen und internationalen Rohstoffmärkte und versuchen frühzeitig, die eigene Versorgung zu sichern. Beginnend im letzten Jahr, aber gerade auch jetzt haben wir es mit einer massiven Ballung von Problemen zu tun, wie wir sie bisher nicht kannten.

Was meinen Sie konkret?

Bereits 2021 war geprägt von erheblichen Problemen im internationalen Warenfluss und in der Logistik, von Warenknappheit etwa bei Verpackungen und großen Preissteigerungen bei Rohstoffen, Energie und Logistik-Dienstleistungen. Durch den Ukraine-Krieg hat sich diese Gesamtsituation erheblich verschärft.

Ist Lambertz also darauf vorbereitet?

Auf eine derart dramatische Gesamtlage kann man sich nicht optimal vorbereiten. Dies verlangt eine fortlaufende Kontrolle aller Prozesse und ein derart hohes Maß an Flexibilität, wie sie uns noch nie abverlangt wurde. Im Bereich der Rohstoff- und Energieversorgung wird man auch sehen, welche Maßnahmen zur Versorgungssicherheit durch die Bundesregierung und die EU nun eingeleitet werden.

Werden Sie die Preise für Printen und Lebkuchen erhöhen?

Ja, aus dargelegten Gründen werden wir mittel- bis langfristig die Preise erhöhen müssen. Inwieweit diese dann beim Endverbraucher ankommen, können wir nicht einschätzen, da nicht wir, sondern der Handel maßgeblich über die Endverbraucherpreise entscheidet.

Was erwarten Sie von 2022?

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Probleme eher noch zunehmen werden. Die Herausforderungen sind – gerade auch für mittelständische deutsche Unternehmen – außergewöhnlich hoch. Wann hatten wir nach dem Zweiten Weltkrieg jemals ein solches Krisenszenario? Nach zwei Krisenjahren unter Corona folgt nun der nächste Schock: Krieg in Europa.

Mittelfristig, vielleicht sogar langfristig ist eine Normalisierung an den Rohstoffmärkten, im Energiesektor oder in der Logistik kaum zu erwarten. Der Druck ist enorm. Es wird immer schwieriger, den nationalen und den internationalen Handel zuverlässig zu beliefern. Zu befürchten ist, dass manche Unternehmen angesichts der Gesamtlage ins Schlingern geraten.

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