Donnerstag, 5. Dezember 2019

Umstrittene Onlinebewertungen Kundenbewertungen auf Amazon beschäftigen BGH

Amazon-Kundenbewertungen vor Gericht: Wann ist es Werbung, wann Meinung und wann Falschinformation?
DENIS CHARLET / AFP
Amazon-Kundenbewertungen vor Gericht: Wann ist es Werbung, wann Meinung und wann Falschinformation?

Sie können beim Online-Einkauf die Auswahl erleichtern - aber auch voller falscher Versprechungen sein: Produktbewertungen von Kunden auf der Handelsplattform Amazon Börsen-Chart zeigen beschäftigen seit Donnerstag dieser Woche den Bundesgerichtshof (BGH). Die obersten Zivilrichter in Karlsruhe haben zu entscheiden, ob der Verkäufer für irreführende Bewertungen zu seinem Angebot haftet. Das Urteil wird in den nächsten Wochen verkündet. (Az. I ZR 193/18)

In dem Fall hatten mehrere Käufer eines Muskel-Tapes geschrieben, es helfe schnell gegen Schmerzen. So eine Wirkung ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Der Verband Sozialer Wettbewerb (VSW) hatte den Verkäufer, einen Händler aus Essen, deshalb schon vor längerem darauf verpflichtet, mit dieser Behauptung nicht mehr zu werben. Durch die Bewertungen auf Amazon sieht der Verband diese Unterlassungserklärung verletzt. Er meint: Der Händler hätte die Löschung veranlassen oder sein Produkt gleich ganz von der Seite nehmen müssen.

Vor Gericht geht es um Abmahnkosten und die Zahlung einer Vertragsstrafe. Bisher hatte die Klage des VSW keinen Erfolg. Die Bewertungen enthielten zwar irreführende Angaben, entschied zuletzt das Oberlandesgericht Hamm. Der Verkäufer habe darauf aber keinen Einfluss. Die Richter hielten die Rezensionen nicht für Werbung. Ihr Inhalt könne sich in kürzester Zeit verändern, eine einzige vernichtende Kritik ganz schnell ein positives Meinungsbild zerstören. Außerdem wisse der Durchschnitts-Verbraucher zumindest ungefähr, wie Amazon und das Bewertungssystem funktionierten.

In Karlsruhe sah es zu Beginn der Verhandlung am Donnerstag ganz danach aus, dass der BGH sich dem anschließt. Aber dann kamen von der Richterbank auch kritische Fragen: Wer trägt Sorge dafür, dass die besonders strengen Vorschriften für das Geschäft mit Medizinprodukten auch eingehalten werden? Und könnte der Verkäufer nicht doch verpflichtet sein, die Seite mit seinem Produkt hin und wieder auf problematische Inhalte zu prüfen? Es gebe noch Beratungsbedarf, stellte der Senatsvorsitzende Thomas Koch am Ende fest.

Werbeeffekt durch Bewertung

Der BGH-Anwalt des Verbandes, Peter Wassermann, sagte, auf Amazon gehe es nicht um neutrale Bewertungen, sondern um Absatzsteigerung. Die vermeintlich objektiven Aussagen hätten einen ganz besonderen Werbeeffekt. Er sieht deshalb den Verkäufer in der Pflicht: Dieser könnte einen problematischen Eintrag direkt kommentieren oder im Angebotstext einen richtigstellenden Hinweis platzieren.

"Es kann niemand verlangen, dass ich mein eigenes Produkt schlecht mache", entgegnete der BGH-Anwalt des Verkäufers, Christian Rohnke. Für kleinere Händler sei Amazon die einzige Möglichkeit, einen größeren Kundenkreis zu erreichen. Das Bewertungssystem sei auf Zuverlässigkeit ausgerichtet: Würde der Eindruck entstehen, dass die meisten Rezensionen sowieso falsch sind, hätten sie keinen Wert mehr.

Amazon ist nach eigener Darstellung ausschließlich an ehrlichen, authentischen Bewertungen interessiert. "Wir wollen Kunden langfristig zufriedenstellen und vermeiden, dass sie ihre Pakete enttäuscht zurückschicken", heißt es in einem Unternehmenstext. Demnach analysiert Amazon sämtliche Bewertungen rund um die Uhr mit Hilfe automatisierter Systeme. Verdächtige Einträge würden von Prüfteams untersucht und wenn notwendig geblockt oder entfernt. Bei Manipulationen drohten Sperren bis hin zu rechtlichen Schritten.

Fake-Bewertungen rechtswidrig

So sind Amazon und anderen auch die Aktivitäten der im südamerikanischen Kleinstaat Belize ansässigen Firma Fivestar Marketing aufgefallen. Zielgruppe von Fivestar sind Firmen, die ihre Umsätze durch positive Bewertungen aufbessern wollen. "Durch Fivestar erhalten Sie hochwertige Rezensionen Ihrer Produkte, Ihrer Dienstleistungen oder Ihres Shops", wirbt Fivestar auf der eigenen Webseite.


Lesen Sie auch: Fake-Bewertungen bei Amazon - so haben Schüler für Sterne-Vergabe mitverdient


Gekaufte Amazon-Bewertungen sind mit einem Preis ab 19,40 Dollar am teuersten, Bewertungen kann die Kundschaft aber auch für Google , Facebook oder Arbeitgeberbewertungsportale kaufen - im Paket billiger. Fivestar warb in der Vergangenheit damit, dass Spitzenbewertungen verkauft werden, hat diesen Hinweis aber mittlerweile gestrichen. Just am Donnerstag hat das Münchner Landgericht nun gekaufte Fake-Bewertungen im Internet für rechtswidrig erklärt. Das Gericht gab mit der Entscheidung am Donnerstag einer Klage des Urlaubsportals Holidaycheck aus der Burda-Gruppe gegen erfundene Bewertungen statt, die Fivestar Marketing an mehrere Hoteliers verkauft hatte.

Fivestar darf künftig keine Bewertungen mehr von Menschen verkaufen, die nicht tatsächlich in dem jeweiligen Hotel oder Ferienhaus übernachtet haben. Das Unternehmen muss dafür Sorge tragen, dass die entsprechenden Fake-Bewertungen gelöscht werden. Fivestar muss außerdem dem zum Medienkonzern Burda gehörenden Urlaubsportal Auskunft geben, von wem die erfundenen Bewertungen stammten. Die Entscheidung erging in Form eines so genannten Versäumnisurteils. Trotz Ladung war kein Vertreter von Fivestar zur Verhandlung erschienen.

dpa/akn

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung