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Jäger der Kleinanzeigen: Deutschlands Netzflohmärkte im Vergleich

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Stuffle, Shpock und Co. Ebays Erben

Flohmarkt-Apps sind die neuen Lieblinge der Investoren: Das Wiener Startup Shpock hat jüngst ebenso Geld eingesammelt wie jetzt der Hamburger Wettbewerber Stuffle. Beide sind angetreten, jene Privatverkäufer zu erreichen, denen Ebay zu umständlich ist.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Wer durch die Bürofenster Morten Hartmanns schaut, scheint über dem Hamburger Hafen zu schweben. Im Hintergrund bewegen sich Lastwagen auf der kilometerlangen Köhlbrandbrücke mit ihren zwei Pylonen wie Ameisen über einen langen schmalen Ast. Laubblätterfarbige Container stapeln sich zu Hunderten links und rechts auf den Lagerflächen neben dem gigantischen Hafenbecken, an dessen Kaimauern vierbeinige Kräne die langen Hälse in den Himmel recken. "Direkt hier vor unserem Fenster drehen die auch die 350 Meter langen Pötte", sagt der Gründer des Online-Flohmarkts Stuffle und blickt auf die blaue Wasserfläche, auf der jetzt nur ein kleiner Schlepper sein Kielwasser die Elbe hinauf zieht.

Für den Warenumschlag, der bislang über Stuffles Smartphone-App vermittelt wird, bedarf es solcher Containergiganten noch nicht. In solchen Kategorien ist eher Ebay  unterwegs, mit Abstand Marktführer im deutschen Kleinanzeigengeschäft. Und dennoch, an Selbstvertrauen fehlt es dem elfköpfigen Kernteam rund um den 33-Jährigen nicht. An einer der Bürowände hängt ein rotes Din-A4-Blatt auf dem in weißer Schrift steht: "Der Laden läuft!" Und gleich daneben reißt sich Superman auf einem an die Wand geklebten Poster sein Hemd auf, so dass auf der blauen Brust Stuffles rotes Logo zum Vorschein kommt - zwei sich schüttelnde Hände.

Es ist erst wenige Tage her, dass auch Hartmann einige Hände schütteln durfte. Denn Anfang Oktober haben sich nach Informationen von manager magazin online gleich zwei Venture-Capital-Geber an dem vor anderthalb Jahren gegründeten Start-up beteiligt.

Millionenspritzen für schnelles Wachstum

Tivola Ventures, der Wagniskapitalgeber der SPD-nahen Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft, wird demnach 25 Prozent der Stuffle-Anteile für einen hohen sechsstelligen Betrag übernehmen. Leverate Media, eine von ehemaligen Managern des Internetkonzerns 1&1 hervorgegangene Beteiligungsgesellschaft, wird gut 20 Prozent der Anteile an Stuffle übernehmen. Im Zuge dieses Media-for-Equity-Deals erhält das Start-up zunächst rund ein Jahr lang Werbeplätze auf 1&1-Portalen, wobei sich das Brutto-Media-Volumen dem Vernehmen nach auf mehrere Millionen Euro beläuft.

Was den Hamburgern nun gelungen ist, hat ihr schärfster Konkurrent bereits hinter sich. Erst Ende August hatte das Wiener Start-up Shpock um dessen CEO Armin Strbac einen siebenstelligen Betrag bei Investoren eingesammelt, darunter das in 27 Ländern tätige Medienkonglomerat Schibsted aus Norwegen.

"Shpock", das steht für "Shop in your Pocket". So wie auch Stuffle, haben es sich die Wiener zum Ziel gesetzt, zum größten Flohmarkt für die Hosentasche im deutschsprachigen Raum zu werden. Das Konzept: Per Smartphone-App kann Gebrauchtes, einfacher als etwa bei Ebay, mit wenigen Klicks gekauft und verkauft werden.

1,2 Millionen Downloads contra 400.000 Downloads

Der Konkurrenzkampf zwischen Stuffle und Shpock ist seit jeher eher sportlich als angespannt und nicht annähernd so eskalierend wie bei anderen Start-ups, die auch mal vor Gericht ihre Meinung übereinander austauschen. Anfangs hatte das eine Start-up über das andere zwar mal behauptet, es sei ein Klon, während das andere Start-up das eine partout nicht als ernsthaften Konkurrenten anerkennen wollte.

Über diese Phase sind beide indes hinaus. Denn allzu weit, das zeigen die Zahlen, liegen sie letztlich gar nicht auseinander.

  • In den App-Stores jeweils auf den vordersten Rängen positioniert, hat es Shpock auf mittlerweile mehr als 1,2 Millionen App-Downloads gebracht, Stuffle liegt bei gut 400.000 Downloads.
  • Während bei Shpock eigenen Angaben zufolge derzeit täglich rund 8000 bis 10.000 Produkte zum Verkauf eingestellt werden, bringt es Stuffle auf rund 5000.
  • Beim personellen Aufwand nehmen sich beide Plattformen mit jeweils rund einem Dutzend Mitarbeitern, inklusive einiger Teilzeitkräfte, hingegen nicht viel.

Die Doktorarbeit geschmissen

So wie die Parallelen zwischen Shpock und Stuffle unverkennbar sind, so gilt dies im Übrigen auch für die zwei CEOs: Stuffle-Chef Morten Hartmann und Shpock-Chef Armin Strbac.

Letzterer verdiente schon als 17-Jähriger seine ersten Schillinge, in dem er mit einem Schulfreund zusammen 3D-Animationsvideos für eine kleine Wiener Werbeagentur produzierte. "Mich hat schon damals fasziniert, wie das mit dem Gründen so funktioniert", sagt der heute 32-Jährige. Dennoch schlug er nach dem Abitur und der parallelen Ausbildung zum Nachrichtentechniker erst einmal einen anderen Weg ein und ging zur Boston Consulting Group. Dort studierte er nebenbei Betriebswirtschaftslehre. Und er tat noch etwas anderes: In einem kleinen schwarzen Büchlein notierte er sich jahrelang Geschäftsideen.

Mit der Umsetzung war es indes so eine Sache. Es fehlten die Kontakte, weshalb sich Strbac 2010 zunächst dafür entschied, zu promovieren. Doch seine Dissertation mit dem Titel "Das vergessene Potenzial" über die Verbesserung von Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen für Menschen mit Migrationshintergrund legte Strbac, dessen Eltern in den Siebzigern als Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich eingewandert waren, nach 70 Seiten erst einmal auf Wiedervorlage.

Wilder Workshop contra Inkubator-Konzept

Der Grund: Im selben Jahr als er die Dissertation begann, traf er auch einige ehemalige Mitschüler wieder, die ebenso Lust auf das Gründen hatten wie er. Gemeinsam brachten sie so ein Start-up namens Finderly auf den Weg, dass es Nutzern ermöglichen sollte, per Empfehlungen durch Dritte, passende Produkte zu finden, ohne selbst Experte zu sein. "Shpock ist dann entstanden, weil wir für Finderly eine mobile App programmieren wollten", sagt Strbac.

Der Workshop, in der die App geplant werden sollte, sei indes in einen Erfahrungsaustausch darüber gemündet, wie schwierig es sei, mit dem Smartphone schnell und einfach private Produkte online zu verkaufen. "Gleichzeitig begann damals der große Pinterest-Hype", erinnert sich Strbac. So brachten er und sein Team, darunter auch die Shpock Mitgrüner beide Aspekte zusammen - eine Fotopinwand kombiniert mit einer simplen Verkaufsplattform auf dem Smartphone.

Innerhalb eines Monats nach dem Launch im September 2012 hatten sich die ersten 10.000 Nutzer die App heruntergeladen. "Und im Gegensatz zu Finderly hat jeder sofort verstanden, wie es funktioniert", sagt der 32-Jährige.

Die Doktorarbeit geschmissen

Schnell und einfach Sachen loszuwerden, die man nicht mehr braucht: Das war auch das Ziel, das fast zeitgleich Morten Hartmann und sein halbes Dutzend Mitgründer mit Stuffle verfolgt haben. Wobei auch der 33-Jährige Wirtschaftsinformatiker seine Promotion an der Uni Hamburg - eine statistische Auswertung der Folgen des Klimawandels - auf Eis legte, um stattdessen das Projekt Taschenflohmarkt voranzutreiben.

Schließlich war der Traum von der Selbstständigkeit schon seit Jahren in seinem Kopf umhergespukt. Schon 2005 hatte er sich mit acht Ex-Kommilitonen und Kollegen aus der Internetagentur, in der er zu jener Zeit arbeitete, zusammengesetzt, um gemeinsam über eine Firmengründung zu sprechen. Der Grund: "Wir haben damals gesehen, dass wir vieles an den Produkten besser hinbekommen würden als die Kunden selbst", sagt Hartmann. "Nur getraut haben wir uns den Sprung in die Selbstständigkeit damals nicht."

Dass heute dennoch sechs Stuffle-Mitarbeiter aus der kleinen Gruppe, die sich 2005 traf, stammen, hängt wiederum mit dem Hamburger Start-up-Förderer Digital Pioneers zusammen. 2011 als börsennotierter Inkubator von Heiko Hubertz - dem Gründer des Browsergame-Anbieters Bigpoint - ins Leben gerufen, wollten die Digital Pioneers einiges anders machen als klassische Inkubatoren. Das Team von Stuffle gehörte zu den ersten geförderten Unternehmen, erhielt eine Viertelmillion Euro und alles, was es brauchte, um eine erste App zu entwickeln. "Nach sechs Wochen haben wir sie in den App-Store gestellt und gesehen, dass es einen Markt für unser Produkt gibt", sagt Hartmann.

Monetarisierung contra Perfektionierung

Anders als die Digital Pioneers, deren Aktien nach einer Regelreform der Deutschen Börse nicht mehr handelbar sind und die sich inzwischen lieber auf finanzielle Beteiligungen statt unternehmerisches Coaching konzentrieren, ist sich Stuffle seinem Geschäftsmodell seither treu geblieben.

Mit dem Break-even, zumindest auf dem deutschen Markt, rechnet Hartmann inzwischen sogar schon 2014 - ein Jahr früher als eigentlich geplant. Der Grund: Das jüngst eingeführte Bezahlverfahren, das Stuffle seit September gemeinsam mit dem Dienstleister Clickandbuy anbietet, wird besser angenommen als geplant. "Wir hatten kalkuliert, dass es jeder Achte nutzt, jetzt hat sich herausgestellt, dass es eher jeder Fünfte nutzt", sagt Hartman. So wie es große Spieler wie Ebay  oder die Otto-Gruppe vormachen, will Stuffle künftig vor allem mit Dienstleistungen rund um das Kerngeschäft Geld verdienen. Ähnlich wie bei den Bezahldiensten könnten dies künftig wohl auch Versanddienste durch Dritte sein, an denen Stuffle mitverdient.

Die Wettbewerber von Shpock lassen es in dieser Hinsicht etwas langsamer angehen. "Wir wollten eigentlich viel früher mit der Monetarisierung beginnen", sagt Shpock-Mitgründer Strbac. In Absprache mit den Investoren hätte sich das Team allerdings anders entschieden. "Wir wollen das Produkt erst perfektionieren."

Auch die Art der Monetarisierung dürfte sich im Vergleich zu Stuffle unterscheiden. Payment- und Logistik-Lösungen sehe er zwar auch, sagt Strbac. "Ich halte es aber für einen Fehler, das zu früh anzugehen." Kurzfristig im Blick hat der Shpock-Chef eher Freemium-Pakete, mit denen Nutzer möglicherweise besser verkaufen können. "Der Basisdienst wird aber auch weiterhin kostenlos bleiben", sagt er.

Auf dem Sprung nach Europa

Dass die Nutzung des Marktplatzes kostenlos bleibt, liegt allerdings schon in der Bedeutsamkeit des Netzeffektes für die Geschäftsmodelle von Shpock und Stuffle begründet. Denn anders als etwa Marktführer Ebay, besitzen beide Start-ups bislang nicht in jeder Stadt die kritische Masse an Angeboten, die es für ein nachhaltiges Kleinanzeigenportal bedürfte.

Dies könnte sich angesichts der neuen Investoren wie Schibsted und Leverate Media und deren europaweiter Vermarktungskraft bald ändern. Und die Internationalisierungspläne liegen sowohl bei Shpock als auch bei Stuffle bereits in der Schublade.

Dennoch gilt: "Wir werden definitiv zunächst die DACH-Region angehen und erst dann internationalisieren", sagt Shpock-Chef Strbac. Sollte hingegen ein Wettbewerber in einen der wichtigen Auslandsmärkte wie Spanien oder Frankreich eintreten, könnte er sich vorstellen nachzuziehen.

Stuffle-Chef Hartmann hat sich als nächsten Markt indes die Schweiz ausgeguckt. "Wir haben dort auch schon einen Kooperationspartner, um direkt 100.000 Angebote mehr auf der Plattform zu haben", sagt er. Und das vom Wettbewerber Shpock besetzte Österreich? "Das nehmen wir nebenbei", sagt er und lacht.

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