Finanz-Spielraum immer enger Um Kaufhof steht es weit schlimmer als bisher bekannt

Hohe Verluste im laufenden Geschäft, immer geringere freie Kreditlinien und deutliche Zweifel eines wichtigen Kreditversicherers an der Zahlungsfähigkeit: Die ehemalige Metro-Tochter Galeria Kaufhof (113 Warenhäuser, 21.500 Mitarbeiter, 3,1 Milliarden Euro Umsatz) droht immer tiefer in eine - womöglich existenzielle - Krise zu geraten. Investitionen wurden eingefroren.
Kaufhof in Not: Der Kreditrahmen wird kleiner - und der kanadische Eigentümer HBC ist alles andere als eine Hilfe

Kaufhof in Not: Der Kreditrahmen wird kleiner - und der kanadische Eigentümer HBC ist alles andere als eine Hilfe

Foto: Jan Woitas/ dpa

Der rigide Schritt des Kreditversicherers Euler Hermes, die Forderungen der Kaufhof-Lieferanten künftig zu einem weit geringeren Anteil abzusichern als bisher, trifft das Handelsunternehmen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. In den kommenden Wochen gehen die letzten Bestellungen für das Weihnachtsgeschäft hinaus, die Läger sollen sich allmählich für den zum Jahresende erhofften Käuferansturm füllen. Ausgerechnet jetzt kündigt Euler Hermes an, den Schutz der Lieferanten gegen einen möglichen Ausfall des Schuldners, sprich: gegen eine Insolvenz, einzuschränken.

So fing es vor Jahren bei Karstadt und bei Schlecker an - am Ende stand die Zahlungsunfähigkeit der Handelsfirmen.

Aus dem Hause Kaufhof, seit Oktober 2015 eine Tochter des kanadischen Konzerns Hudson's Bay Company (HBC), kommen Beschwichtigungen: Die Liquidität sei gut, mit Lieferanten werde allenfalls über eine Verlängerung der Zahlungsziele gesprochen. Davon, dass die Industrie ihre Waren nur noch gegen Vorkasse verkaufe, wie seinerzeit an Karstadt und Schlecker, sei Galeria Kaufhof weit entfernt.

Allerdings werden einige Fabrikanten sich womöglich überlegen, in welchem Umfang sie das Warenhausunternehmen noch beliefern wollen, ohne die eigene Existenz zu gefährden. Die bei ihnen eingehenden Bestellungen von Kaufhof sind statt zu 80 Prozent jetzt noch zur Hälfte und zum Teil gar nur zu 20 bis 25 Prozent abgesichert.

Kaufhof hat von dem globalen Dispokredit ohnehin nicht viel

Um Ruhe in den Markt zu bringen und seineangebliche finanzielle Stärke zu belegen, teilte der Mutterkonzern HBC mit, dass er über eine globale Kreditlinie von 2,25 Milliarden US-Dollar verfüge. Das stimmt zwar, doch führt die Angabe dieser Zahl offensichtlich in die Irre. Der Kreditrahmen war per Ende April - dem Stichtag des letzten Geschäftsquartals, über das HBC berichtete - bereits zu mehr als 900 Millionen Dollar, also knapp zur Hälfte, ausgeschöpft. Aufgrund der fortschreitenden Misere im HBC-Geschäft diesseits und jenseits des Atlantiks dürfte sich die freie Kreditlinie seit Ende April weiter verringert haben.

Kaufhof hat von dem globalen Dispokredit ohnehin nicht viel. Denn das Kreditkonsortium unter Führung der Bank of America  hat sich nach Informationen von manager-magazin.de vertraglich ausbedungen, dass von der Gesamtsumme maximal 350 Millionen US-Dollar, etwa 300 Millionen Euro, vom Kaufhof genutzt werden dürfen. Auch von diesem Betrag war Ende April schon fast die Hälfte in Anspruch genommen. Der Rest ist zu gering, um das Weihnachtsgeschäft auch nur ansatzweise vorzufinanzieren.

Verluste bei Galeria Kaufhof deutlich gestiegen - auch wegen steigender Mietforderungen von HBC

Nach weiteren Informationen von manager-magazin.de lag der Betriebsverlust (Ebit) von Galeria Kaufhof in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits bei knapp 50 Millionen Euro - weit mehr als doppelt soviel wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Grund für das Defizit sind nicht nur die Rabattaktionen, mit denen das Kaufhof-Management auf Weisung der amerikanischen Konzernherren bares Geld verschleudert, sondern auch heraufgesetzte Mieten für die von HBC übernommenen Warenhaus-Immobilien. Seit Oktober 2015 muss Kaufhof jährlich etwa 50 Millionen Euro mehr für Miete und Instandhaltung überweisen.

Die Mieterhöhung ist Teil einer abenteuerlichen Finanztransaktion, mit der HBC den Kaufpreis nach Art eines Private-Equity-Investors zum großen Teil vom Kaufobjekt selbst finanzieren ließ.

2,8 Milliarden Euro zahlte HBC an den Vorbesitzer Metro AG. Aufgrund der anschließend vorgenommenen Mieterhöhungen wurde der Wert der Kaufhof-Immobilien um etwa eine Milliarde auf 2,6 Milliarden Euro hochgerechnet. Der größte Teil der Gebäude wurde anschließend in eine Beteiligungsgesellschaft namens HBS Global Properties eingebracht, an der HBC inzwischen nur noch 63 Prozent hält. Der Rest wurde an Immobilieninvestoren verkauft.

Das gesamte Finanzierungsmodell droht zu implodieren

Inzwischen drohen die Mietlasten, die von Galeria Kaufhof kaum noch zu stemmen sind, das gesamte Finanzierungsmodell implodieren zu lassen. Der kanadische Konzern versucht derzeit, die deutschen Warenhausimmobilien abermals höher zu bewerten - möglicherweise um mehr Kredit aufnehmen zu können. "Wir bewerten und optimieren unsere Immobilien regelmäßig im Rahmen unserer regulären Geschäftsprozesses, um ihre Wertsteigerung in unserer Bilanz abbilden zu können," heißt es überraschend freimütig bei HBC.

Angeblich ist auch ein Notverkauf einzelner Häuser im Gespräch. Genannt wird das Flaggschiffhaus an der Hohen Straße in Köln, was HBC jedoch nicht bestätigt. Die Top-Immobilie dürfte mehr als 200 Millionen Euro wert sein. HBC stünde allerdings nicht der volle Erlös, sondern entsprechend der Eigentumsquote an HBS Global Properties nur 63 Prozent zu.

Notverkäufe einzelner Häuser möglich - oder am Ende ein Verkauf an Benko

Davon abgesehen steht und fällt eine solche Bewertung mit der Bonität des einzigen Nutzers, also Galeria Kaufhof. Droht der Mieter auszufallen, sänke der Wert rapide - und das könnte potenzielle Erwerber vom Kauf abhalten oder wenigstens davon, den vom Verkäufer aufgerufenen Preis zu zahlen. Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Mieters würden im übrigen das gesamte Immobilienpaket entwerten, das im HBC-Konzern konsolidiert wird. Das wiederum wäre ein schwerer Schlag für die ohnehin angespannte HBC-Bilanz.

So könnte der Konzern schließlich gezwungen sein, die Tochter Galeria Kaufhof abzugeben - etwa an den österreichischen Immobilien- und Einzelhandelsmagnaten René Benko und dessen Holding Signa, der bereits Karstadt gehört. "HBC hat kein Interesse an Geschäften mit Signa", weisen die Kanadier derartige Ideen brüsk zurück.

Am Ende könnten sie freilich die Hoheit über ihre Entscheidungen verlieren.

Die Deutsche Warenhaus AG könnte doch noch Realität werden

Schließlich würde womöglich doch noch die Deutsche Warenhaus AG Realität - der wirtschaftlich vernünftige Zusammenschluss von Karstadt und Kaufhof. René Benko hatte 2015 bereits versucht, Galeria Kaufhof von der Metro AG zu kaufen.

Doch der österreichische Immobilien- und Einzelhandelsmagnat blitzte bei Metro-CEO Olaf Koch ab. Die Entscheidung für einen Verkauf an HBC, so die Metro, sei in den zuständigen Gremien nicht zuletzt deshalb gefallen, weil René Benko trotz mehrfach wiederholter Aufforderung bis zuletzt keine Finanzierungszusagen habe nachweisen können.

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Koch muss sich heute fragen lassen, warum er die Tochtergesellschaft sehenden Auges in die Hände unternehmerischer Hasardeure gab. Dieselbe Frage müssen sich auch die heute noch amtierenden Arbeitnehmervertreter der Galeria Kaufhof stellen lassen, die im Metro-Aufsichtsrat die Übernahme durch HBC mit durchwinkten.

Ein weniger seriöses Geschäftsgebahren als das der Kanadier lässt sich kaum denken.

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