Wegwerfbecher Die Coffee-to-go-Ökonomie

Einweg-Kaffeebecher: 320.000 Stück werden pro Stunde in Deutschland nach wenigen Minuten Gebrauch in den Müll geworfen. Pfandsysteme wie Recup oder Freiburg Cup steuern dagegen

Einweg-Kaffeebecher: 320.000 Stück werden pro Stunde in Deutschland nach wenigen Minuten Gebrauch in den Müll geworfen. Pfandsysteme wie Recup oder Freiburg Cup steuern dagegen

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Das Plastik-Problem
Foto: [M] Charlie Abad via Getty Images

Milliarden Tonnen an Plastik wurden bereits produziert, für Verpackungen, als Baumaterial, als Grundstoff für besonders langlebige Produkte und vieles mehr. Doch Plastik vermüllt zunehmend den Planeten und wird zur Gefahr für die Menschheit. Lesen Sie alles über Produzenten, Verbraucher, Lösungsansätze.Weiterleitung zum Thema Plastik 

Das Problem: Müll fast bis zum Mond

320.000 Kaffeebecher werden in Deutschland nach einmaligem Gebrauch weggeworfen - pro Stunde. Das sind 2,8 Milliarden Einwegbecher pro Jahr, die aufeinander gestapelt einen 300.000 Kilometer hohen Turm bilden würden. Das wären drei Viertel der Strecke von der Erde bis zum Mond, hat die Deutsche Umwelthilfe ausgerechnet. Da die mit Kunststoff beschichteten Pappbecher nur zu fünf Prozent aus Kunststoff bestehen, ist eine Feintrennung und Wiederverwertung der Wertstoffe schwierig: Der Großteil der Becher landet in Mülltonnen oder in der freien Natur.

Kaffeebecher werden im Fachjargon "großräumige Hohlkörper" genannt - die sehr schnell einen städtischen Mülleimer zum Überquellen bringen und rasch vom Wind über öffentliche Plätze, Parks und Straßen weiterverteilt werden. Selten sind die Begleiterscheinungen unserer Wegwerfgesellschaft so anschaulich zu verfolgen und mit Händen zu greifen wie am Beispiel des Kaffeebechers: Jeder hat ihn schon einmal gekauft und in Händen gehalten, um ihn nach wenigen Minuten Gebrauch (im Durchschnitt sind es 13 Minuten) in einen Mülleimer zu stopfen.

Auch wenn die Einwegbecher mit rund 40.000 Tonnen Müll pro Jahr nicht einmal 1 Prozent des jährlichen Plastikmüll-Aufkommens ausmachen - am Kaffeebecher entscheidet sich für jeden persönlich (und für alle anderen sichtbar), wie man es mit dem Thema Müllvermeidung hält.

Sind Sie ein Wegwerfer oder ein Mehrweg-Mensch? Und welche Alternativen zum Einwegbecher sind sinnvoll?

Die Alternativen: Angebote und Rabatte für Mehrfach-Nutzer

Freiburg Cup - Freiburg verteilt Pfandbecher

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Die Alternativen zum Wegwerfbecher sind zahlreich. Als Vorreiter in Deutschland hat die grüne Unistadt Freiburg bereits 2016 ein Pfandsystem für Kaffeebecher gestartet. Inzwischen wurden rund 20.000 wiederverwendbare Mehrweg-Becher, so genannte "Freiburg Cups", gratis an 112 teilnehmende Cafés, Gaststätten, Bäckereien und Restaurants verteilt. Kunden können sich für einen Einweg-Kaffeebecher oder den Pfandbecher entscheiden: Dann zahlen Sie ein Euro Pfand für den Becher und können den Becher bei allen teilnehmenden Cafés wieder abgeben und ihr Pfand zurückbekommen.

Das System profitiert davon, dass es in Freiburg inzwischen zum guten Ton gehört, mitzumachen und den Aktionsaufkleber "Freiburg Cup" an der Eingangstür zu platzieren. Wer das Angebot ignoriert, riskiert einen Imageverlust.

Die Abfallwirtschaft Freiburg hat seit Beginn der Aktion zwar noch keinen dramatischen Rückgang der täglichen Plastik-Müllmengen beobachtet, sieht aber einen Effekt vor allem in den von Studenten und jungen Menschen genutzten Einrichtungen: Dort sei die Zahl der Mehrweg-Nutzer deutlich gestiegen.

Becher-Bonus: Aral, McDonald's und Tchibo machen mit

Wer seinen eigenen Mehrweg-Becher mitbringt, bekommt den Kaffee günstiger: Die Idee des Becher-Bonus kam vor zwei Jahren von der hessischen Umweltministerin Priska Hinz. Statt selbst Pfandbecher zu verteilen, wurden Coffee-to-go-Betriebe zunächst einmal per Brief dazu motiviert, Kunden einen Rabatt von mindestens 10 Cent auf ihren Kaffee zu geben, wenn diese einen eigenen Becher mitbringen. Inzwischen beteiligen sich bundesweit mehr als 60 Unternehmen mit knapp 4000 Filialen an der Aktion - der eigene Aufwand hält sich für die Unternehmen in Grenzen, und für das Image ist es ein Gewinn.

Die Tankstellenkette Aral, einer der größten Kaffee-to-go-Anbieter Deutschlands, ist mit 10 Prozent Rabatt ebenso dabei wie die Bäckerei Kamps, die Imbissketten Nordsee und McDonald's oder die Kaffee- und Discounterkette Tchibo. Die Deutsche Bahn gewährt in ihren Bordbistros sogar 20 Cent, bei Alnatura oder Starbucks gibt es 30 Cent Rabatt auf den Kaffee.

Angesichts der hohen Gewinnmargen beim Verkauf des Heißgetränks können sich die Ketten diese Rabatte locker leisten - zumal der Anteil der Kunden, die tatsächlich einen eigenen Becher mitbringen, nach Auskunft einer Sprecherin von McDonald's noch sehr überschaubar ist. Und wer noch keinen hat, kann im Aral-, Alnatura- oder Starbucks-Shop natürlich gleich einen schicken Mehrweg-Becher kaufen - auch wenn er dort natürlich teurer ist als beim Haushalts-Discounter.

Zum Recup-Partner statt zur Mülltonne: Pfandbecher für Cafés, Rabatte für die Kunden

Recup: Pfandbecher für Cafés, Rabatte für die Kunden

Das bayerische Start-up "Recup" verbindet das Rabatt- und Pfandbecher-System und hat sich zum Ziel gesetzt, den Mehrweg-Kaffeebecher bundesweit durchzusetzen. Dem Kunden wird es dabei so leicht wie möglich gemacht: Er kann sich in jedem der teilnehmenden Gaststätten und Cafés für einen Mehrweg-Pfandbecher entscheiden und zahlt dafür einen Euro Pfand. Den Kaffee gibt es dafür im Gegenzug günstiger.

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Ist der Kaffee ausgetrunken, kann der Becher bei jedem Recup-Partner wieder abgegeben werden. Eine App auf dem Handy des Kunden weist den kürzesten Weg zum nächsten teilnehmenden Laden. Dort gibt es das Pfand zurück, und der Recup-Partner übernimmt die Reinigung des Bechers, den es in mintgrün (0,4 Liter) oder cappucinobraun (0,3 Liter) gibt. Die Becher bestehen aus Polypropylen, einem Kunststoff, der vollständig recycelbar ist und bis zu 500mal wiederverwendet werden kann.

"Wir wollen Nachhaltigkeit im Vorbeigehen anbieten", fasst Recup-Mitgründer Fabian Eckert zusammen. Knapp 30.000 Recup-Becher sollen bereits in Umlauf sein, zuletzt hat die Hamburger Umweltbehörde den Recup-Mehrwegbecher in der Hansestadt mit einer Fördersumme von überschaubaren 30.000 Euro auf den Weg gebracht.

Finanzieren soll sich das Modell vor allem über Lizenzgebühren. Das Start-up stellt die Becher zur Verfügung, hält die App für die Kunden auf dem neuesten Stand und bietet den teilnehmenden Partnern wahlweise einen kostenpflichtigen Reinigungsservice an - die Teilnehmer zahlen einen Euro Lizenzgebühr pro Tag und können neben dem Imagegewinn darauf hoffen, ihren Einwegbecher-Verbrauch deutlich zu reduzieren. Der Deckel für die Recup-Becher ist zwar nicht Teil des Pfandsystems, doch ist auch er aus Polypropylen und passt auf beide Bechergrößen. Wer mag, kann den den Deckel behalten und mehrfach benutzen - je nachdem, wie weit die Mehrweg-Selbstverpflichtung eben geht.

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Und was bringt das alles?

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Ob das Pfandsystem für Kaffeebecher die Umwelt wirklich entlastet, hängt vor allem davon ab, wie oft die Mehrwegbecher tatsächlich gebraucht werden - und wie viele Einwegbecher sie damit ersetzen. Experten streiten seit Jahren über die Ökobilanz der Mehrwegbecher: Ihre Herstellung ist vergleichsweise aufwendig, und bei ihrer Reinigung in Spülmaschinen wird Strom verbraucht.

Diese versteckten Belastungen überwiegen möglicherweise den Nutzen, der durch die Vermeidung der Einwegbecher entsteht. So argumentieren zumindest einige Studien zu dem Thema. Auch die Freiburger Albert-Ludwigs-Universität vergleicht die Öko-Bilanz des Mehrwegbechers "Freiburg Cup" mit der Öko-Bilanz einer Papiertasse.

Andererseits ist es auch ein großer Unterschied, ob ein Mehrwegbecher bis zu 400mal daheim per Hand gespült wird oder nach 50 Spülgängen in einer Industriespülmaschine doch in einem städtischen Abfalleimer landet. Je häufiger ein Becher wiederverwendet wird, desto größer ist der Entlastungseffekt für die Umwelt. Zudem leistet das Mehrwegsystem einen sichtbaren Beitrag zur Verkleinerung der Müllberge. Städte und Abfallwirtschaftsbetriebe hoffen auf einen Langzeiteffekt: Wer schon beim Coffee to go auf Abfallvermeidung setzt, wird sich auch grundsätzlich anders mit dem Thema auseinandersetzen als ein "Wegwerfer".

Die EU-Kommission prüft unterdessen ein Verbot von Einweggeschirr sowie eine Plastiksteuer: Europaweit fallen nach Angaben der EU-Kommission jährlich rund 26 Millionen Tonne Plastikmüll an. 70 Prozent davon landen auf Müllkippen, in Verbrennungsanlagen oder in der Umwelt.

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