10 Prozent Inflation Britischer Discounter bietet zinslose Kredite für Lebensmittelkauf an

Die höchste Inflationsrate seit 40 Jahren bringt viele Briten in finanzielle Not. Trotz Lohnerhöhungen verlieren sie so stark an Kaufkraft wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Jetzt bietet ein Discounter für ärmere Menschen zinslose Darlehen für den Kauf von Lebensmitteln an.
"Schwierigkeiten, dringend benötigte Dinge des täglichen Lebens zu kaufen": Supermarkt-Filiale von Iceland in Großbritannien

"Schwierigkeiten, dringend benötigte Dinge des täglichen Lebens zu kaufen": Supermarkt-Filiale von Iceland in Großbritannien

Foto: Ian Nicholson/ picture alliance / empics

Der britische Supermarktkette Iceland Foods bietet ihren Kunden angesichts der extrem hohen Inflation zinslose Kredite für den Kauf von Lebensmitteln an. Das Programm richtet sich an arme Haushalte, die mit den steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen haben, teilte das Unternehmen mit.

Iceland Foods mit seinen mehr als 900 Geschäften arbeitet dabei mit dem gemeinnützigen Kreditgeber Fair For You  zusammen. Finanziell schwachen Kunden sollen dabei über vorinstallierte Karten kleine Darlehen in Höhe von 25 bis 100 Pfund (30 bis 119 Euro) gewährt werden, die einmal pro Woche zurückgezahlt werden können.

"Mehr denn je haben die Menschen während dieser unerbittlichen Krise bei den Lebenshaltungskosten Schwierigkeiten, dringend benötigte Dinge des täglichen Lebens zu kaufen", begründete der Geschäftsführer von Iceland Foods, Richard Walker, den Vorstoß. "Es bedarf eines neuen Denkens seitens der Wirtschaft und der Regierung, um praktikable Lösungen zu finden."

Inflationsrate in Großbritannien auf 40-Jahres-Hoch

Das ungewöhnliche Programm kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Inflation im Vereinigten Königreich auf einem 40-Jahres-Hoch liegt: Waren und Dienstleistungen kosteten im Juli durchschnittlich 10,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Office for National Statistics (ONS) in London mitteilte. Ökonomen hatten mit 9,8 Prozent Inflationsrate gerechnet. Stärkster Preistreiber ist Energie. Aber auch bei den Einkäufen des täglichen Bedarfs müssen die Briten immer tiefer in die Taschen greifen: Im Einzelhandel stiegen die Preise mit 12,3 Prozent so stark wie seit 1981 nicht mehr.

Größte Reallohnverluste seit mehr als 20 Jahren

Daten des ONS zeigen, dass die Arbeitnehmer zuletzt trotz steigender Entgelte wegen der hohen Inflation preisbereinigt (real) die größten Gehaltseinbußen seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2001 in Kauf nehmen mussten. Die Gehälter stiegen zwar nominal um 4,7 Prozent, doch real sanken sie um 4,1 Prozent.

Kräftig steigende Energierechnungen im Herbst und Winter dürften weitere Löcher ins Portemonnaie der Bürger reißen. Die Volkswirte der US-Bank Citi erwarten, dass die Inflation Anfang 2023 auf über 15 Prozent klettern wird, falls die Regierung nicht mit preisdämpfenden Maßnahmen gegensteuert.

Flexible Rückzahlung, kein Druck von Inkassobüros

Das Kreditsystem soll Iceland zufolge flexible Rückzahlungsprogramme beinhalten. Die Kreditnehmer sollen nicht von Inkassobüros belästigt werden, versprach Walker im Sender Sky News. Auch würden die Kredite nicht an Dritte weiterverkauft. Iceland zufolge baut das neue Programm auf ein erfolgreiches Pilotprojekt mit 5000 Kunden auf. Fast drei Viertel von ihnen gaben an, dass sie dadurch seltener mit ihren Rechnungen in Verzug gerieten. Die Darlehen sollen auf sechs Zeitfenster im Jahr begrenzt werden.

Im Kampf gegen die rasant steigenden Preise hatten die Währungshüter in London den Leitzins zuletzt um 50 Basispunkte auf 1,75 Prozent erhöht. Bis Mai 2023 könnte die Bank von England laut den Erwartungen der Händler das Zinsniveau auf 3,75 Prozent nach oben schrauben.

Eine Inflation im zweistelligen Prozentbereich war unausweichlich. Doch sie kam früher als erwartet", meint Craig Erlam, Analyst beim Brokerhaus Oanda. Damit sei es fast ausgemachte Sache, dass die Zentralbank im September einen weiteren Zinsschritt in Höhe von mindestens einem halben Prozentpunkt folgen lassen werde.

Zweistellige Inflationsrate auch in Deutschland zu erwarten

Die im Juli über die Zehn-Prozent-Schwelle gestiegene Inflation in Großbritannien könnte einen Vorgeschmack darauf liefern, was deutschen Verbrauchern noch bevorsteht. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, erwartet für Oktober auch hierzulande eine Preissteigerung von etwa zehn Prozent. Dem SWR-Hörfunk sagte er jüngst: "Mit der Einführung der Gasumlage Anfang Oktober wird die Inflation um einen Prozentpunkt weiter steigen. Dazu kommt, dass mit dem Auslaufen des Tankrabatts und des Neun-Euro-Tickets die Preise auch weiter steigen."

rei/Reuters
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