Sonntag, 15. Dezember 2019

Textilbranche Gefahrenstoff

Van Laack in Hanoi: "Wir haben nichts zu verbergen"
Christian Baulig/brookmedia

7. Teil: Krisenprofiteur Vietnam

Dazu gehört auch die Wahl des Produktionsstandorts. Seit dem Unglück in Bangladesch registriert die deutsche Außenhandelskammer in Hanoi deutlich mehr Anfragen heimischer Bekleidungsfirmen. Die Arbeitsschutzgesetze in Vietnam sind vergleichsweise fortschrittlich. Frauen genießen sechs Monate Mutterschutz, der Mindestlohn liegt mit 112 Dollar beim Dreifachen der Summe in Bangladesch.

"Die Situation in den Betrieben hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert", sagt Cam Van Truong. Der stellvertretende Vorsitzende der Textilgewerkschaft sitzt in einem Büro mit Fliesenboden, großem Schreibtisch und bunter Blumendekoration. In dem sozialistischen Ein-Parteien-Staat hat die Gewerkschaft einen hohen Stellenwert. Die Sekretärin serviert Tee, Süßigkeiten und frische Pomelos. Cam hat in Leipzig vor der Wende studiert und danach dort promoviert. Er kennt die Maßstäbe, an denen westliche Branchenvertreter die Zustände in den Firmen messen.

In den meisten Betrieben gebe es modernere Maschinen, bessere Belüftung, geregelte Arbeitszeiten und höhere Löhne, so Cam. Die Gesetze wurden verschärft. Und die Gewerkschaften begreifen sich zunehmend als Vertreter der Arbeitnehmer und nicht als verlängerten Arm der Partei ins Management. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt der Funktionär.

Doch auch in Vietnam gibt es immer wieder Fälle von Regelbrüchen, manchmal sogar Schläge vom Patron. "Kürzlich waren wir in einer Näherei in Haiphong, in der ein Dutzend Mädchen in einem engen Raum zusammengepfercht war", erzählt Thibaut Hanquet. Der Oxfam-Mitarbeiter ist seit den 90er-Jahren im Land und zieht eine gemischte Bilanz. "Die Gesetze sind gut", sagt Hanquet, "aber die Durchsetzbarkeit ist schwach." Das Arbeitsministerium beschäftige gerade einmal 400 Inspektoren. "Es würde zehn Jahre dauern, bis die sich jeden Betrieb einmal angesehen haben."

Es geht folglich nicht ohne freiwilliges Engagement der Wirtschaft, die regelmäßige, effektive Audits durchführt. Betterwork, eine Kooperation der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der International Finance-Corporation (IFC), hat 200 Betriebe im Süden Vietnams geprüft. Finden die Kontrolleure Mängel, arbeiten sie gemeinsam mit den Firmen daran, diese zu beheben. "Die Fabrikbesitzer haben begriffen, dass ihnen ein Audit zu einer besseren Position im Kampf um Aufträge verhilft", sagt Programm-Managerin Nguyen Hong Ha.

Ob engagierte Unternehmen ihr Wohlverhalten auch nach außen kehren sollten, darüber gehen die Meinungen auseinander: McKinsey-Mann Berg rät seinen Klienten kategorisch ab, mit fairen Arbeitsbedingungen zu werben: "Zu wenige Endkunden sehen darin ein Differenzierungsmerkmal."

Bei Hugo Boss sieht man das anders. Demnächst informieren die Metzinger auf ihrer Website detailliert über die Zustände in den Produktionsbetrieben. Wurde dem Unternehmen 2006 von der Stiftung Warentest noch vorgeworfen "jeden Einblick in ihre Firmenpolitik" zu verweigern, legt es Mitte Mai die Ergebnisse der Audits offen und erläutert die Prinzipien seiner Einkaufsstrategie. "Wir sind bei diesem Thema gut und möchten dies künftig auch transparent machen," sagt Boss-Managerin Kettenbach.

Van Laack will ebenfalls nachlegen. Von Siegeln und Zertifikaten, wie sie Entwicklungsminister Müller nun forciert, hält Firmenchef von Daniels zwar nicht viel: "Gute Arbeitsbedingungen sind für uns so selbstverständlich wie ein fehlerfrei genähtes Knopfloch." Auf seiner Website will jedoch auch er den Kunden künftig ausführlich präsentieren, wie seine Produkte hergestellt werden, unter anderem mit einem Film über die Fertigung in Hanoi. "Das Denken in Bezug auf dieses Thema hat sich sehr verändert", sagt von Daniels, "davon können wir nur profitieren."

Alles unter Kontrolle
Siegel und Zertifikate in der Bekleidungsbranche
Business Social Compliance Initiative (BSCI)
  • Gegründet 2003, getragen von europäischen Handelsunternehmen unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA), 900 Mitglieder

  • Betriebe werden durch Unternehmen wie TÜV oder Euro Cert geprüft. Kontrollen alle drei Jahre, Aus- und Weiterbildungsangebote

  • Bewertungsmaßstab: Kernnormen* der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)

  • Veröffentlichung zusammengefasster Audit-Ergebnisse, die keine Rückschlüsse auf Mängel bei einzelnen Unternehmen bzw. Zulieferern zulassen.

  • Teilnehmer (Auswahl): Seidensticker, Marc O’Polo, Holy Fashion Group (Joop, Strellson, Windsor), Olymp, Gerry Weber, Esprit

* Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie Diskriminierung
Fair Wear Foundation (FWF)
  • Unabhängige Non-Profit-Organisation, die mit Unternehmen und Herstellern zusammen-arbeitet, 90 Unternehmen mit mehr als 120 Marken, gegründet 1999

  • Auditierung durch lokale Teams, binnen drei Jahren müssen 90 Prozent der Zulieferer zertifiziert werden, jährliche Überprüfung der Managementsysteme in den Mitgliedsunter-nehmen, Angebote für Aus- und Weiterbildung

  • Betriebe müssen ILO-Kernnormen erfüllen, existenzsichernde Löhne zahlen und lokale Beschwerdestellen einrichten

  • Transparenzpflichten, z.B. Veröffentlichung eines Sozialberichts, FWF publiziert Prüfbe-richte auf der Website

  • Label für Kleidungsstücke von Unternehmen mit Bestnoten

  • Teilnehmer (Auswahl): Acne, Filippa K, Suit Supply

Better Work Program
  • Gemeinsame Initiative der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Internationa-len Finanz-Corporation (IFC). Aktiv in acht Staaten, darunter Bangladesch und Vietnam, ge-gründet 2007

  • Auditierung und Beratung von Unternehmen durch lokale Teams

  • u.a. erforderlich: Einhaltung der ILO-Kernnormen, angemessene Bezahlung, keine über-lagen Arbeitszeiten

  • Keine Veröffentlichung von Berichten oder Firmennamen, kein Siegel

  • Teilnehmer: Betriebe in den Produktionsländern

Fair Labour Association
  • Initiative von Universitäten, NGOs und Unternehmen, insgesamt mehr als 200 Mitglieder, vor allem aus den USA, gegründet 1999

  • Auditierung und Beratung von Unternehmen durch lokale Teams

  • Erwartet werden u.a. die Einhaltung der ILO-Kernnormen, Vertragsfreiheit, angemessene Arbeitszeiten, sichere Arbeitsumgebung

  • Prüfergebnisse werden auf der Fairlabour-Website öffentlich gemacht, kein Siegel

  • Teilnehmer (Auswahl): Puma, Adidas, Nike


Quelle: eigene Recherchen

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