Freitag, 6. Dezember 2019

Textilbranche Gefahrenstoff

Van Laack in Hanoi: "Wir haben nichts zu verbergen"
Christian Baulig/brookmedia

6. Teil: Kontrolle ist besser

Für den Mittelständler vom Niederrhein ist es vergleichsweise leicht nachzuweisen, dass er seine Mitarbeiter im Ausland anständig behandelt. Die meisten Labels haben jedoch kaum mehr eigene Fabriken und lassen das Gros ihrer Ware von Lohnfertigern herstellen. Dort ist die Kontrolle ungleich schwieriger. "Ohne Präsenz vor Ort geht es nicht", sagt Achim Berg, der für McKinsey Unternehmen aus der Luxusbranche berät.

Hugo Boss etwa produziert zwar Anzüge in eigenen Werken in Metzingen, in den USA, in Italien und in der Türkei, bezieht aber andere Kollektionsteile von mehr als 200 Zulieferern. "Wir kontrollieren die Betriebe mit eigenen Teams sowie mit einem externen Partner", sagt Hjördis Kettenbach, die im Unternehmen für das Thema Nachhaltigkeit zuständig ist.

In China unterhält Hugo Boss sogar ein eigenes Beschaffungsbüro. Insgesamt 130 Mitarbeiter begleiten Produktionsanläufe, kontrollieren die Qualität - und die Einhaltung der Arbeitsstandards. So wird auch verhindert, dass Fabrikanten Aufträge zwischen Betrieben "verschieben", etwa wenn die Kapazitäten in Stoßzeiten knapp werden.

Van Laack lässt in kleinen Stückzahlen Strickwaren in einer chinesischen Firma fertigen. Um sicherzustellen, dass jedes Stück in diesem geprüften Betrieb produziert wurde, wenden die Mönchengladbacher einen simplen Trick an: Die Kontrolleure lassen sich während des Fertigungsprozesses zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrere Einzelteile der Kollektion zeigen - in willkürlich gewählten Farben und Größen. "Wenn die Aufträge an eine andere Fabrik weitergereicht worden wären, flöge der Schwindel in diesem Moment auf", sagt Firmenchef von Daniels.

Viele Unternehmen scheuen den Aufwand solcher Kontrollen. Oft unterschreiben Lieferanten nur eine Selbstverpflichtungserklärung und werden dann nicht weiter behelligt. Selbst Zertifikate renommierter Organisationen garantieren nicht, dass alles in Ordnung ist. So hatten zwei Firmen, die beim Einsturz des Fabrikgebäude in Bangladesch zerstört wurden, trotz erheblicher Sicherheitsmängel eine Unbedenklichkeitserklärung der Business Social Compliance Initiative (BSCI) erhalten (s. Übersicht).

Alles unter Kontrolle
Siegel und Zertifikate in der Bekleidungsbranche
Business Social Compliance Initiative (BSCI)
  • Gegründet 2003, getragen von europäischen Handelsunternehmen unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA), 900 Mitglieder

  • Betriebe werden durch Unternehmen wie TÜV oder Euro Cert geprüft. Kontrollen alle drei Jahre, Aus- und Weiterbildungsangebote

  • Bewertungsmaßstab: Kernnormen* der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)

  • Veröffentlichung zusammengefasster Audit-Ergebnisse, die keine Rückschlüsse auf Mängel bei einzelnen Unternehmen bzw. Zulieferern zulassen.

  • Teilnehmer (Auswahl): Seidensticker, Marc O’Polo, Holy Fashion Group (Joop, Strellson, Windsor), Olymp, Gerry Weber, Esprit

* Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie Diskriminierung
Fair Wear Foundation (FWF)
  • Unabhängige Non-Profit-Organisation, die mit Unternehmen und Herstellern zusammen-arbeitet, 90 Unternehmen mit mehr als 120 Marken, gegründet 1999

  • Auditierung durch lokale Teams, binnen drei Jahren müssen 90 Prozent der Zulieferer zertifiziert werden, jährliche Überprüfung der Managementsysteme in den Mitgliedsunter-nehmen, Angebote für Aus- und Weiterbildung

  • Betriebe müssen ILO-Kernnormen erfüllen, existenzsichernde Löhne zahlen und lokale Beschwerdestellen einrichten

  • Transparenzpflichten, z.B. Veröffentlichung eines Sozialberichts, FWF publiziert Prüfbe-richte auf der Website

  • Label für Kleidungsstücke von Unternehmen mit Bestnoten

  • Teilnehmer (Auswahl): Acne, Filippa K, Suit Supply

Better Work Program
  • Gemeinsame Initiative der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Internationa-len Finanz-Corporation (IFC). Aktiv in acht Staaten, darunter Bangladesch und Vietnam, ge-gründet 2007

  • Auditierung und Beratung von Unternehmen durch lokale Teams

  • u.a. erforderlich: Einhaltung der ILO-Kernnormen, angemessene Bezahlung, keine über-lagen Arbeitszeiten

  • Keine Veröffentlichung von Berichten oder Firmennamen, kein Siegel

  • Teilnehmer: Betriebe in den Produktionsländern

Fair Labour Association
  • Initiative von Universitäten, NGOs und Unternehmen, insgesamt mehr als 200 Mitglieder, vor allem aus den USA, gegründet 1999

  • Auditierung und Beratung von Unternehmen durch lokale Teams

  • Erwartet werden u.a. die Einhaltung der ILO-Kernnormen, Vertragsfreiheit, angemessene Arbeitszeiten, sichere Arbeitsumgebung

  • Prüfergebnisse werden auf der Fairlabour-Website öffentlich gemacht, kein Siegel

  • Teilnehmer (Auswahl): Puma, Adidas, Nike


Quelle: eigene Recherchen
"Wenn es einmal zu Zwischenfällen kommt, sollte man Belege vorweisen können, dass man sich bemüht hat, ordentliche Verhältnisse zu gewährleisten", sagt KPMG-Experte Pampel.

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