Samstag, 7. Dezember 2019

Textilbranche Gefahrenstoff

Van Laack in Hanoi: "Wir haben nichts zu verbergen"
Christian Baulig/brookmedia

5. Teil: 14 Tage Urlaub, keine Nachtschichten, kostenloses Mittagessen

Hoangs erster Weg führt sie durch die marmorgeflieste Halle in den ersten Stock. Neben einem bunten Wandbild ist der Eingang zum Kindergarten, wo zwei Betreuerinnen ihre Tochter in Empfang nehmen. Dann geht es runter zur Zeiterfassung vor der Produktionshalle. Um 7.45 Uhr ist Arbeitsbeginn.

Christian von Daniels zeigt der Welt, dass seine Produkte unter ordentlichen Bedingungen hergestellt werden: "Wir haben nichts zu verbergen, im Gegenteil." Und so führt Werksleiterin Kim Thu Huong regelmäßig Besucher durch das Gebäude. Am Ende des Verwaltungstrakts bleibt sie vor einem Durchgang stehen und macht eine Kunstpause. Leises Maschinengeratter ist zu hören. "Das ist unsere Wow-Tür", sagt sie verheißungsvoll und drückt die Klinke herunter.

Das Geratter wird lauter, der Blick fällt auf einen fußballfeldgroßen Produktionssaal. Im hellen Neonlicht sind lange Reihen von Nähmaschinen, Pressen und Bügelautomaten zu sehen, dahinter Dutzende junger Frauen in hellblauen Kitteln und einige wenige Männer. 1600 Hemden und Blusen entstehen hier Tag für Tag und 1000 Pyjamas für die First-Class-Passagiere der Lufthansa. Eine Klimaanlage bläst kühle Frischluft in die Halle. Kein Arbeiterparadies, aber viel anders sieht es in Metzingen, Bielefeld oder Mönchengladbach auch nicht aus.

Hinten rechts in der Halle sitzt Hoang und näht aus rotkariertem Stoff Schulterteile für Herrenhemden zusammen. Kurz nach der Fabrik-Eröffnung 2006 hat sie bei van Laack angefangen. Eine Tante hatte bereits zuvor für die deutsche Firma gearbeitet und ihr empfohlen, sich nach ihrer Schneiderausbildung dort zu bewerben.

Näherinnen bleiben im Durchschnitt sieben Jahre

Es gibt 14 freie Tage im Jahr, keine Nachtschichten und ein kostenloses Mittagessen in der Kantine. Dazu Boni, wenn eine Schneiderin wenig Ausschuss produziert und selten fehlt. "Meine Freundinnen sind neidisch auf mich", lässt Hoang Werksleiterin Kim übersetzen. Um viertel nach vier ist Feierabend. Gearbeitet wird von Montag bis Samstag. Hoangs Monatsgehalt beträgt 5 Mio. Dong, das sind rund 175 Euro, im Januar wird ihr Lohn um zwölf Prozent steigen.

Ihr Mann verdient als Taxifahrer ungefähr das Gleiche. Für große Anschaffungen bleibt da nicht viel übrig. Ein bisschen Geld legt sie für die Ausbildung der Kinder sein. Hoang lächelt verlegen und sagt, sie sei zufrieden. "Ich würde gerne noch lange hier arbeiten."

Im Durchschnitt bleiben die Näherinnen sieben Jahre bei van Laack, deutlich länger als in den meisten anderen Fabriken. Das ist der wohl wichtigste Beweggrund, dafür, warum das Unternehmen Shuttlebus, Betriebskindergarten Kantinenessen finanziert. "Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebe", räumt Firmenchef von Daniels ein, "sondern weil es sich für uns rentiert."

Van Laack verarbeitet teure Stoffe, die eigens aus Italien angeliefert werden. Ein Drittel der Produktionskosten entfallen nur auf das Material. "Wenn wir zu viel Verschnitt haben oder eine hohe Retourenquote, kostet uns das richtig Geld", sagt von Daniels. Er lässt die Näherinnen vier Monate anlernen, und erst wer die Techniken richtig beherrscht, wird an das teure Tuch gelassen.

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