Galeria-Chronologie Von Deuss bis Benko – die Geschichte des letzten deutschen Kaufhauskonzerns

Die einzige große Warenhauskette Deutschlands steckt schon wieder mitten im Insolvenzverfahren. Der Konzern ist schon seit Jahrzehnten ein Sanierungsfall. Wie kam es dazu?
Sanierung: Das neue Logo von Galeria soll in die Zukunft führen

Sanierung: Das neue Logo von Galeria soll in die Zukunft führen

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Boris Roessler / dpa

Die Wurzeln der Kaufhausketten Kaufhof und Karstadt liegen im 19. Jahrhundert. In Stralsund eröffnet 1879 ein Kaufmann namens Leonhard Tietz ein Textilgeschäft und legt damit die Basis für das spätere Kaufhof-Imperium. Und nur zwei Jahre später, 1881, gründet nicht weit entfernt ein gewisser Rudolph Karstadt sein erstes "Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft" in Wismar. Sie wachsen, eröffnen Filiale um Filiale. Dem Aufschwung um die Jahrhundertwende folgt ein Boom zwischen den Weltkriegen und die Renaissance im Westdeutschland der Nachkriegszeit. Erst in den 1980er Jahren beginnen die Geschäfte schwieriger zu werden – und ab den 1990er Jahren wird es unangenehm.

Die Marktbereinigung

1994: Zwei Großfusionen bereinigen die deutsche Kaufhaus-Szene. Die Kaufhof AG übernimmt den Konkurrenten Horten, die Karstadt AG – angeführt von Walter Deuss – schluckt die Hertie-Gruppe. Von nun an gibt es noch zwei Ketten.

1996: Die Kaufhof AG fusioniert mit Metro Cash & Carry. Es entsteht ein Einzelhandelsgigant. Zu dem fusionierten Unternehmen gehören neben Metro und Kaufhof noch Marken wie Horten, Mediamarkt, Praktiker, Real, Saturn, Jacque`s Weindepot oder Vobis.

Fusionskurs: Der frühere Karstadt-Chef Walter Deuss (r.) mit dem ehemaligen Quelle-Chef Willi Harrer

Fusionskurs: Der frühere Karstadt-Chef Walter Deuss (r.) mit dem ehemaligen Quelle-Chef Willi Harrer

Foto: Achim Scheidemann / picture-alliance / dpa

1999: Der Warenhauskonzern Karstadt AG und das Versandhaus Quelle Schickedanz fusionieren zur KarstadtQuelle AG. Es entsteht ein Riese mit mehr als 116.000 Mitarbeitern und 32,5 Milliarden D-Mark Umsatz, notiert im deutschen Leitindex Dax. Neben den Kernmarken Karstadt und Quelle, gehören auch Marken wie Neckermann, Runners Point, WOM-Musikgeschäfte, SinnLeffers und die Textilkette Wehmeyer zum Portfolio.

Die ersten gewaltigen Erschütterungen

Juli 2000: Karstadt-Boss Deuss legt nach 18 Jahren sein Amt nieder. Er hat die Effekte der Fusion zu rosig eingeschätzt. Es übernimmt Wolfgang Urban. Den Niedergang kann auch er langfristig nicht stoppen. Schon wenige Monate nach Antritt kündigt er an, 7000 der verbliebenen 52.000 Stellen im Kaufhaus-Segment zu streichen. Und er verfolgt einen verwegenen Plan: Eine Fusion mit dem Konkurrenten Kaufhof zur "Deutschen Warenhaus AG". In vertraulichen Gesprächen mit den Großaktionären des Metro-Konzerns wirbt er für den Plan, aber die Idee platzt, der wirtschaftliche Druck ist nicht groß genug.

Juni 2004: Christoph Achenbach tritt als neuer Chef von KarstadtQuelle an. Angesichts tiefroter Zahlen – 298 Millionen Euro Minus im ersten Halbjahr – verkauft er in kürzester Zeit die Einzelhandelsketten SinnLeffers, Wehmeyer, Runners Point und Golf House. Größter Deal ist jedoch der Verkauf von 74 kleineren Warenhäusern an den britischen Finanzinvestor Dawnay Day, der danach die alte Marke Hertie wieder aufleben lässt. KarstadtQuelle erhält damals etwa 500 Millionen Euro für die Häuser. Achenbach kann sich trotz der Rettungsaktionen nicht halten und gibt nach nicht mal einem Jahr an der Konzernspitze die Führung wieder ab.

April 2005: Thomas Mittelhoff kommt an Deck. Der umstrittene Manager, der zuvor das Medienunternehmen Bertelsmann geführt hat, übernimmt und treibt den Verkauf der Warenhausimmobilien voran. 4,5 Milliarden Euro lassen sich Investoren die Immobilien kosten. Damals wird der Verkauf gefeiert, doch langfristig erweisen sich die hohen Mieten, die Karstadt nun zahlen muss, als Belastung – ein toxischer Deal. Während Großaktionärin Madeleine Schickedanz mit Hilfe der Privatbank Sal. Oppenheim ihre Beteiligung an der KarstadtQuelle AG immer weiter ausbaut, baut Middelhoff weiter um.

Juli 2007: Aus KarstadtQuelle wird Arcandor. Gleichzeitig mit dem Kunstnamen gründet der Konzern mit der Fusion seiner Reisetochter Thomas Cook und dem britischen Unternehmen MyTravel das damals drittgrößte Touristikunternehmen weltweit. Die Zahlen von Arcandor stehen allerdings weiter auf rot. Für das Geschäftsjahr 2006 berichtet der Konzern von einem Jahresfehlbetrag von rund 765 Millionen Euro. Ein Jahr später ist im Jahresbericht ein Minus von 746 Millionen Euro zu lesen.

November 2007: Bei der Kaufhof-Mutter Metro führt nun Eckhard Cordes die Geschäfte. Er gilt als offen für eine mögliche Fusion der eigenen Kaufhäuser mit Karstadt. Es kursieren Pläne, wonach von den noch rund 220 bestehenden Häusern beider Ketten nur die Hälfte übrig bleiben würde.

Februar 2009: Karstadt-Chef Middelhoff geht und Karl-Gerhard Eick übernimmt. Die Finanzkrise, ausgelöst durch die Lehmann-Pleite 2008, hinterlässt auch im Einzelhandel ihre Spuren. Die Zahlen sind dramatisch. Eick versucht noch Staatshilfe zu erhalten: die Verlängerung einer Kreditlinie über 650 Millionen Euro sowie einen KfW-Kredit über 200 Millionen.

Mai 2009: Metro-Chef Cordes fürchtet Wettbewerbsverzerrung durch mögliche Staatshilfen, er lanciert Pläne einer Deutschen Warenhaus AG. Auch Eick versucht sich seinerseits an einem Gemeinschaftskonzept, sogar mit Unterstützung von Goldman Sachs und deren Vormann Alexander Dibelius. So weit kommt es aber nicht.

Juni 2009: Arcandor stellt einen Insolvenzantrag für sich und die Töchter Karstadt und Quelle. Es ist die bis dahin größte Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wenige Tage danach sagen der Bund und die Länder eine Bürgschaft über 50 Millionen Euro zu, damit Quelle seinen Katalog drucken kann, um sein Geschäft am Laufen zu halten. Doch es nützt nichts. Am Ende wird Quelle abgewickelt, da sich kein Käufer für das gesamte Unternehmen findet. Im Dezember wird bekannt, dass 10 Filialen schließen müssen, 1200 Menschen sind betroffen. Für die anderen Warenhäuser geht es weiter. In den Folgejahren beschäftigt die Arcandor-Phase deutsche Gerichte: Middelhoff, Schickedanz und Sal.-Oppenheim-Manager müssen sich verantworten; Middelhoff wird wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt und muss ins Gefängnis.

Zwischenspiel mit Berggruen

Juni 2010: Nachdem der Insolvenzverwalter im März den Sanierungsplan für Karstadt vorgelegt hat, stimmen die Gläubiger zu – und nun hilft abermals der Staat. Eine überwältigende Mehrheit der Kommunen erlässt Karstadt die Gewerbesteuer. Wenige Tage später unterschreibt der US-amerikanische Investor Nicolas Berggruen den Übernahmevertrag. Er wird gefeiert als Retter von Karstadt.

Juli 2010: Der Insolvenzverwalter verklagt Middelhoff und verlangt vom ehemaligen Acandor-Chef 175 Millionen Euro.

September 2010: Das Insolvenzverfahren von Karstadt wird aufgehoben. Der Sanierungsplan sieht erhebliche Mietreduzierungen vor, Mitarbeitende verzichten auf Lohn in der Gesamthöhe von 150 Millionen Euro, die Gläubiger verzichten auf rund zwei Milliarden Euro. Im Geschäftsjahr 2011/12 liegen die Erlöse bei 2,94 Milliarden Euro, doch es geht abwärts.

Januar 2011: Der Brite Andrew Jennings (75) übernimmt den Vorsitz bei Karstadt. Sein Plan, aus dem Cash-flow die Filialen zu modernisieren und das Sortiment zu erneuern, gilt als ambitioniert und kaum zu realisieren, wie Kritiker bemängeln. Neue Kredite sind für den Umbau nicht eingeplant.

Juli 2012: Kurz vor Ablauf des Sanierungstarifvertrags kündigt Berggruen an, 2000 Stellen abbauen zu wollen. Karstadt beschäftigt damals noch rund 25.000 Menschen. Geschäftlich wird es kaum besser: Laut Bundesanzeiger sinken die Umsätze abermals, für das Geschäftsjahr 2012/2013 kommt die Kaufhauskette nur noch auf 2,67 Milliarden Euro – und auf einen Jahresfehlbetrag von 131 Millionen Euro.

Der Niedergang

Juni 2013: Karstadt-Chef Jennings gibt bekannt, den Konzern Ende des Jahres zu verlassen. Der Manager hatte sich offenbar mit Eigentümer Berggruen überworfen und den Vertrag nicht verlängert.

September 2013: Ein neuer Investor mischt sich ein. Der österreichische Milliardär Réne Benko steigt mit 75 Prozent bei den Sport- und Premiumhäusern von Karstadt ein.

Juli 2014: Die Probleme bleiben. Nach nur fünf Monaten im Amt schmeißt die Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöestedt wieder hin.

15.8.2014: Nun hat auch Berggruen genug, er zieht sich komplett – René Benko übernimmt. Er kauft Karstadt für einen Euro. Die Sanierungsaufgaben bleiben bestehen. Eine Perspektive sieht der neue Eigentümer in einer Fusion mit dem Rivalen Kaufhof. Warum nicht den alten Traum einer Deutsche Warenhaus AG wieder aufleben lassen?

Das letzte Aufbäumen der Rivalen

1. Oktober 2015: Der nordamerikanische Handelsriese Hudson's Bay Company (HBC) kauft die Warenhäuser Galeria Kaufhof für 2,8 Milliarden Euro vom Eigentümer Metro. Die Fusionsträume Benkos sind damit geplatzt, er ist mit seinem Übernahmeangebot gescheitert. Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender der Metro AG, sagt damals: "Mit HBC haben wir den idealen Partner für eine erfolgreiche Zukunft von Kaufhof gefunden."

März 2016: HBC-Chef Jerry Storch verkündet, eine Milliarde Euro in Kaufhof investieren zu wollen.

Juni 2016: Bei Karstadt geht die Misere weiter, das Unternehmen weist für das Geschäftsjahr 2015/16 einen Fehlbetrag von 64,8 Millionen Euro aus.

Mai 2017: Wolfgang Link wird Chef von HBC-Europe und ist damit für die Warenhausgruppen Galeria Kaufhof und die belgische Galeria Inno zuständig. Er wird auch die Einführung von Hudson’s Bay und Saks Off 5th in den europäischen Markt verantworten.

August 2017: Die Zeiten bleiben rau. HBC meldet tiefrote Zahlen und trennt sich von Storch, der das Unternehmen zum 1. November verlässt. Seinen Posten übernimmt zunächst kommissarisch Verwaltungsratschef Richard Baker. Erste HBC-Aktionäre fordern den Verkauf von Kaufhof. Dem Management wird vorgeworfen, die Situation in Europa falsch eingeschätzt zu haben. Noch im Oktober pocht Kaufhof auf Lohnverzicht der Arbeitnehmer.

November 2017: Benko startet den nächsten Versuch und bietet drei Milliarden Euro für HBC-Europe.

Februar 2018: Nach langer Suche hat HBC eine Nachfolgerin für Storch gefunden und beruft Helena Foulkes zur neuen CEO. Kaum im Amt streicht Kaufhof jede vierte Stelle in der Kölner Zentrale. Gleichzeitig lehnt HBC Benkos Angebot offiziell ab, der Plan für eine Kaufhaus-Fusion ist erneut geplatzt – vorerst zumindest.

Mai 2018: HBC trennt sich von Europa-Chef Link. Bernd Beetz, der ehemalige Chef der Parfümeriekette Coty, wird neuer Aufsichtsratsvorsitzender von Kaufhof. Und die Fusionspläne werden doch wiederbelebt.

Der erste gemeinsame Versuch

Juni 2018: HBC und Benkos Signa Holding verhandeln wieder, ganz offiziell. HBC erklärt, es sei bereits eine Absichtserklärung zur Schaffung eines Joint Ventures für das Europa-Geschäft mit Signa unterschrieben worden.

11. September 2018: Endlich! HBC und Signa geben eine "Fusion unter Gleichen" bekannt. Im inzwischen fünften Anlauf gelingt Benko damit, was er seit Jahren vorhatte. Am neuen Unternehmen hält seine Signa Holding 50,01 Prozent der Anteile, HBC 49,99 Prozent. Nach der Fusion übernimmt Karstadt-Chef Stephan Fanderl die Leitung des Warenhaus-Konzerns unter dem Namen Galeria Karstadt Kaufhof.

März 2019: Das Unternehmen macht auch nach der Fusion hohe Verluste. Zur neuen Unternehmensgruppe gehören nun auch Warenhäuser in den Niederlanden unter dem Label "Hudson's Bay", es wird sogar noch ein neues Haus in Utrecht eröffnet.

November 2019: Galeria Karstadt Kaufhof übernimmt 106 von insgesamt 125 Filial-Reisebüros von dem pleitegegangenen Reisekonzern Thomas Cook sowie die E-Commerce-Plattform "Golden Gate". Es klingt nach Wachstum – doch nur kurz.

März 2020: Galeria Karstadt Kaufhof beantragt Staatshilfen. Damit sollen die Folgen des Lockdowns während der Coronakrise abgefedert werden. Ein Großteil der Beschäftigten geht in Kurzarbeit. Laut eigenen Angaben verliert der Konzern während der Schließung mehr als 80 Millionen Euro pro Woche.

April 2020: Es geht nicht mehr, das Unternehmen ist pleite. Galeria Karstadt Kaufhof will sich in einem Schutzschirm-Insolvenzverfahren sanieren. Insolvenzverwalter: Arndt Geiwitz, der Notarzt der deutschen Wirtschaft . Vorstandschef Fanderl bleibt noch bis Juni, bevor sein Amt als Warenhaus-Chef niederlegt.

Der zweite gemeinsame Versuch

September 2020: Das Insolvenzverfahren wird mit Schuldenschnitt beendet. Der neue Firmenchef Miguel Müllenbach gibt sich optimistisch, doch auch ohne Schulden gestaltet sich die Zukunft schwierig.

Miguel Müllenbach übernimmt die Nachfolge von Stephan Fanderl

Miguel Müllenbach übernimmt die Nachfolge von Stephan Fanderl

Foto: Oliver Berg / dpa / picture alliance

Januar 2021: Galeria Karstadt Kaufhof bekommt abermals eine Finanzspritze von Staat. Es geht um einen 460 Millionen Euro schweren Staatskredit.

Oktober 2021: Als Symbol des Neuanfangs kommt ein neuer Name, Karstadt und Kaufhof sollen Schritt für Schritt aus den Innenstädten verschwinden. Die Kette heißt von nun an schlicht Galeria. Nur die Profitabilität stellt sich nicht ein. Der Umsatz für das Geschäftsjahr 20/21 liegt bei 2,1 Milliarden Euro, der Jahresfehlbetrag bei 622 Millionen Euro.

Januar 2022: Das Unternehmen erhält erneut einen Staatskredit. Dieses Mal geht es um 250 Millionen Euro. Doch auch das reicht nicht lange.

Oktober 2022: Galeria beantragt zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren die Rettung durch ein Schutzschirmverfahren. Als Sanierer wird erneut Arndt Geiwitz herangeholt. Schon zu Beginn des Verfahrens heißt es, es sollen bis zu 45 der verbliebenen 131 Kaufhäuser schließen müssen. Geiwitz betont, nur ein harter Kern der Häuser bleibe erhalten. Es wird sogar die Schließung von 90 Filialen durchgespielt.

Januar 2023: Das Galeria-Management und der Gesamtbetriebsrat einigen sich auf erste Eckpfeiler des künftigen Filialnetzes. Die Zahl der Filialen, die möglicherweise geschlossen werden, ist reduziert worden – auf 50 bis 70. Für die zum Verkauf stehenden Häuser gibt es verschiedene Interessenten . Und Insolvenzverwalter Geiwitz sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass die Galeria-Warenhäuser eine Zukunft haben, wenn auch nicht in ihrer derzeitigen Form."

akn
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