Montag, 14. Oktober 2019

Modekonzern fällt an Fosun Chinesen übernehmen Tom Tailor wider Willen

Aus der Form: Modehändler Tom Tailor.

Irgendwie scheint es, als hätte sich die Welt gegen Junyang Shao verschworen. Die freundliche Dame, die einen Teil ihres Studiums in Göttingen absolviert hat und sich selbst Jenny nennt, wird spätestens am Dienstag kommender Woche den früheren McKinsey-Berater Thomas Tochtermann an der Spitze des Aufsichtsrates des Hamburger Modekonzerns Tom Tailor ablösen.

Klingt eigentlich gut - nur rückt die Vizechefin der chinesischen Fosun Fashion Group damit ins Zentrum eines Existenzkampfes, den sie niemals führen wollte. Und schon gar nicht in so prominenter Verantwortung: als Eigner wider Willen.

Einen Tag nach Shaos Amtsantritt endet die Frist für das Übernahmeangebot, das der chinesische Mischkonzern abgeben musste, nachdem Fosun seinen Anteil an Tom Tailor Mitte Februar im Zuge einer Kapitalerhöhung von 29 auf 35 Prozent ausgebaut hatte, um dem angeschlagenen Textilhersteller (Umsatz 2018 rund 850 Millionen Euro) unter die Arme zu greifen. Viel höher ins Riskio wollte Fosun jedoch eigentlich nicht gehen. Entsprechend wirkte der Aufschlag, den die Chinesen passenderweise am 1. April aufriefen, für viele wie ein Scherz. Fosun bietet gerade einem 2,31 Euro pro Aktie, das sind 10 Cent weniger als Tom Tailor Anfang April wert war.

Finanzchef Thomas Dressendörfer, im Nebenjob Aufsichtsrat des österreichischen Strumpfwarenherstellers Wolford, einer weiteren Fosun-Beteiligung, verlängerte noch schnell seinen auslaufenden Vertrag bis ins nächste Jahr und bemühte sich brav, das Angebot als unattraktiv einzustufen. Hätten die Anleger auf ihn gehört, hätte Fosun seine Pflicht getan und könnte in Ruhe weiter in der Minderheit bleiben. So lautete zumindest laut Insidern das Kalkül.

Doch nun kommt alles anders: Eine Woche vor Ablauf der letzten Annahmefrist am 26. Juni haben die anderen Aktionäre den Chinesen bereits 67,65 Prozent aller Aktien auf den Hof gekippt, der deutsche Mittelpreismodeschneider Tom Tailor ist nunmehr ein chinesischer Konzern. Zumal, wie es in gut informierten Kreisen lautet, Fosun am Ende bei mehr als 70 Prozent der Anteile landen dürfte.

Dass es soweit gekommen ist, liegt an einer Verkettung schlechter Nachrichten, die kein gutes Licht auf Fosun werfen. Die Chinesen wollen nach eigenem Bekunden den weltweit größten Modekonzern aus dem Reich der Mitte, 2013 haben sie dazu mit dem Aufkauf von Beteiligungen begonnen. Shao und ihre Chefin Joann Cheng wollen eine Plattform schmieden, die von günstigen Klamotten bis hin zu Luxusmode reicht. Die Vision, die die beiden Damen den Eignern von Wolford bei ihrem Einstieg im Vorjahr schmackhaft gemacht hatten, sieht eine börsenfähige Beteiligungsgesellschaft vor, die vor allem Minderheitsanteile hält. Geht es nach Fosun, soll der Schritt auf den Kapitalmarkt bereits in wenigen Jahren erfolgen.

Bis dahin liegt vor den Chinesen allerdings noch viel Arbeit. Denn bisher ist der Erfolg des Mischkonzerns im Modesektor höchstens überschaubar. Die zusammengekauften Beteiligungen, darunter der französische Luxusschneider Lanvin, das griechische Modeunternehmen Folli Follie, die amerikanische Luxusmarke St. John sowie der italienische Premiumanbieter Caruso, sind teils schwer angeschlagen - und bisher haben die Chinesen nicht bewiesen, dass sie Modeunternehmen sanieren können.

Auch bei Tom Tailor ist ihre Bilanz bislang niederschmetternd. Als Fosun am 30. Juli 2014 bei den Hamburgern einstieg, stand der Kurs bei 14,27 Euro, heute verstaubt die Aktie bei 2,30 Euro. Bisher hat es nicht geklappt, Tom Tailor im chinesischen Markt salonfähig zu machen. Stattdessen musste die Tochterfirma Bonita abgeschrieben werden, ein Weiterverkauf des 2012 akquirierten Damenmodehändlers an die ebenfalls kriselnde niederländische Victory & Dreams Holding scheiterte am Veto der Banken.

Vor wenigen Tagen musste Fosun sogar Tom Tailor per Finanzspritze erneut Luft zum Atmen verschaffen. Der neue Mehrheitsgesellschafter hilft mit einem kurzfristigen Darlehen in Höhe von 18,5 Millionen Euro aus. Im Gegenzug setzen die Konsortialbanken eine am 30. Juni fällige Tilgung in Höhe von 7,5 Millionen Euro bis Mitte August aus. Zusätzlich sicherten die Banken Tom Tailor 30 Millionen Euro für Warenbestellungen zu.

Auf Jenny Shao kommt also eine Menge Arbeit zu. Die neue Aufsichtsratschefin muss endlich eine Lösung für Bonita finden und die Finanzen in Ordnung bringen, zudem drängen sich Personalfragen auf. Finanzvorstand Thomas Dressendörfer will nächstes Jahr definitiv aufhören, Vorstandschef Heiko Schäfer arbeitet auf Bewährung.

Immerhin: Für die rund 6000 Mitarbeiter des Hamburger Modekonzerns dürfte Shaos Amtsantritt eine gute Nachricht sein. Denn Zugriff auf reichlich Geld hat ihr Arbeitgeber zumindest theoretisch. Fosun ist der größte Mischkonzern Chinas in Privatbesitz. Zuletzt lag der Umsatz bei rund 11,5 Milliarden Euro.

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