Modekonzern stellt Insolvenzantrag Wie ein US-Investor die Glamour-Firma Escada plündert

Der Modekonzern Escada muss erneut einen Insolvenzantrag stellen. Doch dieses Mal steckt hinter der Pleite mehr als bloßes Managementversagen. Die Insolvenz wirkt bewusst herbeigeführt - von einem dubiosen Investor aus den USA.
Escada ist erneut insolvent: US-Investor Michael Reinstein hat die Markenrechte bereits transferiert - und fiel schon vorher durch merkwürdige Deals auf

Escada ist erneut insolvent: US-Investor Michael Reinstein hat die Markenrechte bereits transferiert - und fiel schon vorher durch merkwürdige Deals auf

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Peter Meißner / imago images/PEMAX

Aschheim ist eine beschauliche 10.000-Seelen-Gemeinde bei München - und derzeit Deutschlands berüchtigtster Tatort für Wirtschaftskriminelle. Während die Pleite des Finanzdienstleisters Wirecard international für Schlagzeilen sorgt, spielt sich auf der anderen Straßenseite fast unbemerkt ein ähnlich absurdes Drama ab, beim Modekonzern Escada.

Escada war einmal der Liebling der Schickeria. Doch das ist lange her. In den 90er Jahren setzte der Konzern noch 700 Millionen Euro um, seither ging es meist nur noch bergab. 2009 musste Escada schon einmal Antrag auf Insolvenz stellen, nun ist es erneut so weit. Am Dienstag stellte der Hersteller von Luxusdamenmode beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens, das Gericht bestellte daraufhin Christian Gerloff zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Doch dieses Mal steckt hinter der Pleite mehr als bloßes Managementversagen. Die Insolvenz wirkt bewusst herbeigeführt, von einem dubiosen Investor, der sich noch vor wenigen Monaten als Heilsbringer feiern ließ.

Anfang November trat Michael Reinstein vor die verunsicherte Belegschaft und versprach , Escada zu altem Glanz zu verhelfen. Damals hatte der Eigner des US-Finanzinvestors Regent die Modefirma gerade von Megha Mittal (43) übernommen. Der Schwiegertochter des indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal (70) war es in rund einer Dekade nicht gelungen, Escada neu auszurichten. 2018 sank der Umsatz um 3 Prozent auf 204,3 Millionen Euro, das operative Ergebnis (Ebit) rauschte auf Minus 31,3 Millionen Euro ab. 2019 soll sich die Lage nochmals verschlechtert haben. Doch Reinstein schreckte das nicht. Mit einem harten Sparkurs wollte der Investor schon im laufenden Jahr eine schwarze Null erzielen und seine Kontakte zu Hollywood-Stars nutzen, um den Glamour vergangener Tage zurückzubringen. Mit dem Konzept und einer Bestandsgarantie bis zum 31. Dezember 2021 stach er nicht nur andere Interessenten aus, sondern verhinderte auch ein Management-Buyout. Doch statt Escada zu heilen, ließ Reinstein das Unternehmen offenbar ausbluten.

Finanzjongleur Michael Reinstein ließ Escada ausbluten

Wie das manager magazin im April berichtete, mussten bereits zu Jahresbeginn rund 60 Mitarbeiter in der Zentrale gehen . In den Räumen auf der Führungsetage in Aschheim machte sich damals ausgerechnet der Zahlungsdienstleister Wirecard als Untermieter breit. Lieferanten erhielten nur noch Geld, wenn sie mit Klagen drohten. Reibungslos wurden lediglich Rechnungen bezahlt, die Regent über eigene Servicegesellschaften wie den IT-Dienstleister MCO stellte. Laut Insidern soll der Investor kürzlich weite Teile des restlichen Firmenvermögens in eine britische Gesellschaft transferiert haben.

Aus Protest sei mit Jörg Kaeswurm der für das Steuergebaren zuständige Escada-Manager gegangen. Regent bestreitet dies auf Anfrage. Einträgen im Markenregister zufolge übertrug Reinstein Mitte August schließlich die Rechte an der Marke Escada an die Margaretha International GmbH mit Sitz in Beverly Hills. Wenige Wochen zuvor, am 19. Mai, hatte er bereits im Schweizer Niedrigsteuerkanton Zug die Margaretha International GmbH angemeldet, der seither die in Luxemburg registrierte Escada Holding gehört. Alleineigner der Margaretha International ist nicht Regent, sondern Reinstein höchstselbst.

Übertragung der Markenrechte - und Umzug ins Steuerparadies Zug

In einem dem manager magazin vorliegenden Schreiben an die Belegschaft heißt es nun: "In den vergangenen zehn Monaten hat Escada seinen Weg zur Profitabilität begonnen, um so einen neuen Standard in der Luxusindustrie zu setzen." Dann sei mit Corona "eine Plage für die gesamte Luxusmodebranche" hergefallen. "Die Konsequenzen dieser unvorhersehbaren globalen Krise führen leider dazu, dass die Escada SE heute beim zuständigen Amtsgericht in München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens einreicht. Dieser Antrag bezieht sich allein auf die Escada SE und nicht auf andere Gesellschaften unserer Gruppe", heißt es in dem internen Schreiben weiter. "Das Gericht wird in Kürze über die Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverwalters entscheiden."

Auf diesen wartet jede Menge Arbeit. Von wem dieser am Ende überhaupt noch etwas Geld eintreiben oder wen er gegebenenfalls haftbar machen kann, wird ebenfalls eine brisante Frage. Die Escada-Mitarbeiter haben Reinstein schon seit Monaten nicht mehr gesehen, die von ihm eingesetzte Geschäftsführung ist in Aschheim nie vorstellig geworden. Womöglich existiert diese nur auf dem Papier.

Nachdem sich der Finanzjongleur über Monate geweigert hatte, das ausgeschiedene Führungsduo um CEO Iris Epple-Righi und CFO Torsten Dühring aus dem Impressum und dem Handelsregister zu entfernen, finden sich dort zwei Damen aus Südafrika wieder.

Als einige Angestellte nach ihren neuen Chefinnen zu googeln begannen, fanden sie weder Vita noch Fotos, mit einer Ausnahme: Unter "Aletta Catharina Britz", dem Namen einer der beiden Geschäftsführerinnen, gibt es ein Foto aus Südafrika, das ihren Namen und ihr Geburtsdatum zeigt - auf einem Grabstein. Immerhin fehlt bisher die Gravur des Sterbedatums. Ob es ein Fake oder ein merkwürdiger Witz ist, bleibt offen. Reinstein und Escada wollen es nicht kommentieren. Der Grabstein von Escada dagegen bekommt nun ein zweites Mal eine Gravur: es ist der 1. September 2020.

Ob damit auch das endgültige Aus besiegelt ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Reinstein gibt sich zumindest noch immer optimistisch. "Die Gesellschaften außerhalb Deutschlands sind von der Insolvenz nicht betroffen", lässt er einen Sprecher ausrichten. "Wir haben in einen neuen Filialauftritt investiert und diese Woche einen Mietvertrag für einen neuen Laden in Beverly Hills unterzeichnet", heißt es in der Stellungnahme gegenüber manager magazin weiter. "Zudem haben wir die veraltete Technik ersetzt und in den Online-Vertrieb investiert. Daher sind wir optimistisch, Escada in eine Omnichannel-Luxusmarke verwandeln zu können, die in 60 Ländern rund um den Globus aktiv ist." In der Zentrale in Aschheim fehlt daran allerdings längst der Glaube.

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