ECE-Chef Alexander Otto „Hier wird eine Branche unnötig geopfert“

Der Handel ist vom Lockdown hart getroffen. Alexander Otto, Chef des Shoppingmall-Betreibers ECE, warnt vor einem Totalschaden. Fast 90 Prozent seiner Mieter hätten im vergangenen Jahr Verluste geschrieben.
Eine Branche am Boden: Der Handel ist von dem Lockdown besonders betroffen

Eine Branche am Boden: Der Handel ist von dem Lockdown besonders betroffen

Foto: Oliver Baumgart / imago images/foto2press

manager magazin: Herr Otto, viele Gastronomen und Einzelhändler stehen vor dem Kollaps. Wie dramatisch ist die Lage?

Alexander Otto: Wir haben unter unseren Mietern eine Umfrage durchgeführt. Demnach haben 89 Prozent der Unternehmen im Vorjahr Verluste geschrieben, die Hälfte davon in Höhe von bis zu drei oder gar mehr normalen Jahresüberschüssen. 10 Prozent unserer Flächen sind an Unternehmen vermietet, die bereits Insolvenz angemeldet haben, ich rechne damit, dass sich diese Anzahl in den nächsten Monaten auf mehr als 20 Prozent erhöhen wird. Allerdings ist es uns bislang oft gelungen, die Shops trotz einer Insolvenz zu erhalten.

Douglas wird europaweit 500 Filialen schließen, die Friseurkette Klier plant laut Branchengerüchten rund ein Viertel ihrer 600 Läden allein in Deutschland aufzugeben. Wie stark werden sich die Innenstädte und Shoppingcenter der Republik verändern?

Der Wandel auf den großen Einkaufsstraßen der Millionenstädte wird sich vermutlich in Grenzen halten, in den Klein- und Mittelstädten werden die Veränderungen allerdings dramatisch. Kaum ein Unternehmen denkt derzeit darüber nach, neue Standorte zu eröffnen, Gründer haben oftmals kein Interesse am stationären Einzelhandel.

Ist die Situation, die Sie schildern, am Ende auch für Sie als Betreiber von Shoppingcentern bedrohlich?

In der Krise sind kompetente Betreiber besonders gefragt. Aber als Entwickler haben wir zum Glück rechtzeitig umgesteuert. Wir bauen seit Jahren keine Shoppingcenter mehr. Ich glaube noch an Hotels, unser Fokus liegt aber vor allem auf Wohnen und Logistikstandorten. Dort rechnen wir weiterhin mit guten Zuwächsen.

Was passiert mit den Shoppingcentern?

Besonders hart trifft es derzeit ja den Modehandel, der für die Shoppingcenter traditionell sehr wichtig ist. Denn neben dem Lockdown-Effekt leidet die Branche auch an einem Mangel an Anlässen, für die Kunden neue Kleidung kaufen möchten. Ich gehe inzwischen auch nur noch mit einem T-Shirt ins Büro oder arbeite gleich im Homeoffice. Das wird sich nach der Krise allerdings schnell wieder ändern. Dennoch wird es sowohl in den Innenstädten als auch in den Shoppingcentern eine stärkere Mischnutzung geben. In unserem Stern-Center in Potsdam reduzieren wir etwa die Fläche für die Parkplätze und bauen dort 600 Wohnungen. Damit sorgen wir gleichzeitig für eine höhere Nachfrage im Center. Generell gilt aber leider, dass wir den Einzelhandel kritisch sehen und entsprechend zurückhalten sind. Trotzdem schauen wir uns nach guten Objekten um und werden Wege finden, gemeinsam mit unseren Mietern aus der Krise zu kommen.

Im Frühjahr vergangenen Jahres haben Mieter wie Adidas für Empörung gesorgt, indem sie ihre Zahlungen einfach ausgesetzt haben. Hat sich die Lage inzwischen beruhigt?

Es hat natürlich gedauert, bis wir mit allen Mietern individuelle Lösungen finden konnten, das ist aber weitgehend geglückt. Als der zweite Lockdown im Dezember kam, haben wir dann allen von einer angeordneten Schließung betroffenen Mietern angeboten, die Hälfte der Kosten für den Zeitraum der Schließung zu erlassen.

Gibt es denn eine Chance, überhaupt wieder ein Vorkrisen-Mietniveau zu erreichen oder sind die goldenen Zeiten für Immobilienbesitzer vorbei?

Es wird, wie gesagt, andere Nutzungsarten und individueller Verträge mit kürzeren Laufzeiten geben.

Einige Händler wollen künftig nur noch eine umsatzbasierte Miete zahlen und das Warenrisiko den Lieferanten aufbürden, um das eigene Risiko auf ein Minimum zu reduzieren. Dann wäre sogar eine Expansion kostengünstig. Ist das ein realistisches Szenario?

Es gibt Händler, die inzwischen eine umsatzbasierte Miete zahlen, viele Vermieter, darunter etwa Fonds, können solche Zugeständnisse aber erst gar nicht anbieten, da sie Sicherheiten benötigen. Was wir im Moment aber wirklich brauchen, ist die Möglichkeit, dass der Handel endlich wieder öffnen darf. Sonst stehen wir vor einem Totalschaden. Denn der Branche fehlen nicht nur die Umsätze, jeder weitere Tag kostet Millionen an bereits gekaufter Ware, die nicht mehr veräußert werden kann und abgeschrieben werden muss. Das scheint die Politik nicht zu verstehen. Hier wird eine Branche unnötig geopfert.

Wir verstehen Ihren Frust, trotzdem ist die Politik auch und zuerst dem Schutz der Bevölkerung verpflichtet.

Nachweislich ist die Ansteckungsgefahr im Handel geringer als im Dienstleistungssektor oder in Schulen, denn hier kommen Menschen für einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum auf einer großen Fläche zusammen, können Abstände einhalten und tragen zudem eine Maske. Die Branche hat viel für den Gesundheitsschutz getan und wird trotzdem bestraft, weil der Politik Jobs in der Industrie einfach wichtiger sind. Der Handel hat einfach keine gute Lobby.